Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

23.06.13; Pfarrer Titus Reinmuth

Wie viel Kirche braucht die Gesellschaft?

O-Ton 1 Landgren: Ich bin kein im strengen Sinne religiöser Mensch, ... Autor: sagt Nils Landgren, der bekannte Jazz-Posaunist aus Schweden.

Vor wenigen Wochen trat er das erste Mal bei einem Evangelischen Kirchentag auf. Was bedeutet ihm die „Kirche“?

O-Ton 2Landgren: Kirchlich oder nicht, ich spiele ja gerne in Kirchen. Ich bin der Meinung, wenn man in einen Kirchenraum reingeht, ... passiert ja was. Es kann auch gut passieren, dass ich ein paar Kerzen anzünde für Freunde, die es nicht mehr gibt oder Familie oder so. Ich setze mich gerne in eine Kirche hin und ein bisschen Meditation…

Autor:
So beschreibt der Mann mit der roten Posaune sein besonderes Verhältnis zu Kirchenräumen. In Hamburg spielt er in einer großen Messehalle. Auch Manuela Schwesig ist das erste Mal bei einem Kirchentag dabei. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende und Arbeits- und Sozialministerin in Mecklenburg-Vorpommern hält eine Bibelarbeit im Congress-Centrum. Wenn sie an ihre Kirche denkt, gehen ihre Gedanken in die evangelisch-lutherische Domgemeinde nach Schwerin.

O-Ton 3 Schwesig: Wir engagieren uns sehr für den Erhalt des Domes, ich nehme sehr gerne zum Beispiel an der Domtafel teil, in der wir auch dann Spenden sammeln. Das sind so die persönlichen Dinge, die mir vor Ort wichtig sind. Und ich mag unheimlich gerne in den Kindergottesdienst mit meinem Sohn mitgehen.

Autor: Für Thomas de Maizière, den Bundesverteidigungsminister, gibt beim Stichwort „Kirche“ etwas ganz anderes den Ton an.

O-Ton 4 de Maizière: Mein Herz schlägt für die Kirchenmusik. Das war immer so. Die großen Oratorien, die H-Moll-Messe, das Brahms-Requiem, ... das sind die größten Dinge, die die Musik hervorgebracht hat. Und wenn man „Großer Gott, wir loben dich“ singt, am Ende einer Beerdigung, das ist einfach... da gibt es nicht viel Größeres.

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Name ist Titus Reinmuth, ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirche und lebe in Wassenberg. Wenn es um die Kirche geht, dann sind den einen die Kirchenräume wichtig, anderen die Musik und wieder anderen das Gemeinschaftserlebnis oder der Gottesdienst. Die großen christlichen Kirchen stehen mitten im gesellschaftlichen Leben. Am Wochenende gehen mehr Menschen in einen Gottesdienst als in die großen Fußballstadien. Tatsächlich sind Gottesdienste immer noch die am stärksten besuchten Veranstaltungen, in denen eine öffentliche Rede im Mittelpunkt steht. Das schafft keine Gewerkschaft und keine Partei, nicht mal im Wahlkampf.

Kindertagesstätten, Jugendzentren, Beratungsstellen und Altenheime – viele soziale Einrichtungen sind in kirchlicher Trägerschaft. Eltern melden ihre Kinder bewusst in einem kirchlichen Kindergarten an, weil ihnen die religiöse Erziehung wichtig ist und die Vermittlung bestimmter Werte. Angehörige wählen das Altenheim mit christlichem Leitbild, weil sie spüren: Hier weht ein besonderer Geist. Dennoch müssen die Kirchen in letzter Zeit Gegenwind aushalten. Das mediale Begleitprogramm zum Evangelischen Kirchentag war mitunter kritisch. Wie viel Kirche braucht die Gesellschaft? Ist die Allgegenwart kirchlicher Einrichtungen noch zeitgemäß? Braucht es nicht eine stärkere Unterscheidung von Kirche und Gesellschaft?

O-Ton 5 de Maizière: Ich finde das gut, wenn die Kirche kritisiert wird.

Autor: sagt Thomas de Maizière, der auch Mitglied im Präsidium des Deutschen Evangelischen Kirchentags ist.

O-Ton 6 de Maizière:
Außendruck erzeugt Innensolidarität, das wissen wir aus jeder Klasse, … das weiß jeder, der Fußball spielt. Und deswegen, wenn die Kirche von außen kritisch angefragt wird, dann kann sie sich auch zusammenrappeln und begründen, warum sie da ist. Und das tut ihr und der Gesellschaft gut.

Musik: aus Nils Landgren, Le Sunset, CD: Fonk da World (Act 2001; LC 07644), Track 9.

Autor: Wie viel Kirche braucht die Gesellschaft? Wie lässt sich heute begründen, warum sie da ist? Annette Kurschuss, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen, sagt es so:

O-Ton 7 Kurschus: Unsere Gesellschaft braucht die Kirche als erstes mal, dass sie Gottesdienste feiert und den Ton in die Welt bringt, den die Welt nicht aus sich selber hervorbringt, und Verheißung sagt, die die Welt sich nicht selber geben kann. Da kommt etwas durch die Kirche zu den Menschen.

Autor: Und zwar etwas, was jede Gesellschaft braucht. Wie findet sie ihre Werte? Wo lernt sie Respekt oder Zusammenhalt? Menschen brauchen Orientierung. Wenn nur der Staat die Maßstäbe setzt und die Antworten vorgibt, geht schnell die Freiheit verloren. Aber in einer freien, demokratischen, vielfältigen Gesellschaft braucht es Religion. Sie vermittelt eine Ahnung davon, was dem Leben Sinn und Ziel gibt. Sie fragt ganz anders danach, was richtig oder falsch ist.

O-Ton 8 Kurschus: Das zweite, was ich für ganz wichtig halte, … ist die prophetische Stimme, die wir zu erheben haben, dass wir die Gesellschaft dadurch stützen, dass wir eben auch klar manches immer wieder sagen, was auch unbequem ist. Beispielsweise im Blick auf Atomkraft oder so. Wir dürfen nicht mit irgendwelchen Sachen umgehen, die wir als Menschen letztlich nicht beherrschen können.

Autor: Hier geht es um klare Ansagen. Auf der Grundlage der Bibel. Erst an dritter Stelle nennt die erste Sprecherin der westfälischen Kirche das soziale Engagement der Kirche.

O-Ton 9 Kurschus: In Wirklichkeit ist das die andere Seite der Medaille unserer Verkündigung. Dass wir diakonisch tätig sind, sei es im Kümmern um alte oder kranke Menschen, sei es im Dasein für Menschen, die es im Leben schwerer haben, … also dieser Einsatz für die Menschen – ohne den kann Kirche auch nicht sein.

Autor: Wo und wie sich Kirche engagiert in der Gesellschaft, ist nicht zufällig. Sie steht…

O-Ton 10 Kurschus: Auf der Seite derer, die in unserer Gesellschaft benachteiligt sind, auf der Seite derer, deren Stimme immer leise ist, die keine Lobby haben, auf der Seite derer, denen Unrecht widerfährt, Kirche ist – und da steht sie auf gutem biblischen Grund – parteiisch. ... Das ist unsere Aufgabe, das war Jesus auch, und dadurch entsteht sehr bewusst auch manche Einseitigkeit, die gewollt so ist.

Musik: Nils Landegren, Slowfoot, CD: Licence to Funk (Act 2007; LC 07644), Track 5.

Autor: Der biblische Grund für eine Kirche, die Partei ergreift, findet sich zum Beispiel im Lukasevangelium. Im 4. Kapitel wird erzählt, wie Jesus von Nazareth seine Antrittspredigt hält in der Synagoge seiner Heimatstadt. Da wird ihm die Schriftrolle des Propheten Jesaja gereicht.

Sprecherin: Jesus rollte sie auf und wählte die Stelle aus, an der es heißt: »Der Geist des Herrn hat von mir Besitz ergriffen, weil der Herr mich gesalbt und bevollmächtigt hat. Er hat mich gesandt, den Armen gute Nachricht zu bringen, den Gefangenen zu verkünden, dass sie frei sein sollen, und den Blinden, dass sie sehen werden. Den Misshandelten soll ich die Freiheit bringen, und das Jahr ausrufen, in dem der Herr sich seinem Volk gnädig zuwendet.«

Autor: Den Armen gute Nachricht bringen. Jesus von Nazareth macht sich von Anfang an diese Tradition der jüdischen Bibel zu eigen. Das „Jahr des Herrn“ ausrufen – was so fromm klingt, ist in Wahrheit ein politisches Programm. Das sogenannte Jubel- oder Gnadenjahr ist ein Jahr, in dem Schuld und Schulden erlassen werden. Das ist die frohe Botschaft für die Armen. Deshalb kommen die Gefangenen frei. Die Armen sollen regelmäßig wieder zu Land kommen und wieder leben können. Das regeln schon die Sozialgesetze der fünf Bücher Mose. Dass sie gehört werden und zum Zuge kommen, dafür erhebt Jesaja seine prophetische Stimme. Die frohe Botschaft für die Armen – eine mächtige Tradition. Und was tut Jesus?

Sprecherin: Jesus rollte das Buch wieder zusammen, gab es dem Synagogendiener zurück und setzte sich. Alle in der Synagoge blickten gespannt auf ihn. Er begann und sagte: »Heute, da ihr dieses Prophetenwort aus meinem Mund hört, ist es unter euch in Erfüllung gegangen.«

Autor: Was so viel heißt wie: Jetzt wird das wahr. Jetzt fangen wir damit an. Kein Wunder, dass es damals die ersten Tumulte gab.

Sprecher: Als die Menschen in der Synagoge das hörten, wurden sie wütend. Sie sprangen auf und trieben Jesus aus der Stadt hinaus, bis an den Rand des Berges, auf dem Nazaret liegt. Dort wollten sie ihn hinunterstürzen. (aus Lukas 4,16-30.)

Autor: So kann es zugehen, wenn der Glaube sich einmischt in die Fragen der Gesellschaft. Dass der christliche Glaube politische Folgen hat, für Annette Kurschus ist das auch heute selbstverständlich.

O-Ton 11 Kurschus: Glaube ist etwas, was ich grundsätzlich auch nur in Gemeinschaft mit anderen kann. Weil es nie allein auf die Beziehung des frommen Herzens zu seinem Gott ankommt, sondern weil Glaube immer unmittelbar eine politische und eine soziale Komponente hat.

Autor: Manuela Schwesig beschreibt ganz ähnlich die enge Verbindung von christlichem Glauben und politischem Handeln.

O-Ton 12 Schwesig: Gerade diese Werte der Nächstenliebe, die wir im Politischen in Solidarität umsetzen, … die Schwachen mitnehmen, ihnen auf Augenhöhe begegnen, nicht mit Almosen abspeisen, das sind ja Themen der Bibel, aber eben auch Themen meines politischen Handelns.

Autor: Die Bibel – viele denken ja: Das ist ein Buch für Träumer. So wie die Welt da ausgemalt wird, kann sie gar nicht werden. Das meinten auch die Leute zur Zeit Jesu. „Heute, da ihr dieses Prophetenwort aus meinem Mund hört, ist es unter euch in Erfüllung gegangen.“ Hält der dagegen. Vernunft und Phantasie – die gehören zusammen, meint Thomas de Maizière:

O-Ton 13 de Maizière: Realismus, Pragmatismus mit einem Schuss Utopie. Und das ist das, was mir als Christen, der christliche Glaube in meinem täglichen Handeln mitgibt. Ein Stück Utopie und dass wir, ich, uns nicht abfinden mit den Zuständen so wie sie sind.

Autor: Von Gott reden in der Welt. Die Schwachen zu Gehör bringen. Die frohe Botschaft für die Armen laut und deutlich weitersagen. Werte vermitteln. Dafür braucht die Gesellschaft die Kirche. Manuela Schwesig bringt noch etwas anderes ins Spiel. Als Kind und Jugendliche war sie im Osten aufgewachsen – ohne Kirche. Erst als sie ihren Mann kennenlernte und Menschen aus seinem Freundeskreis, kam sie auch mit der Kirche in Kontakt. Sie besuchte Gottesdienste, erlebte, was die Kirche vor Ort tut, sprach mit Menschen, die zur Zeit der Wende aus der Kirche in die Politik kamen. Im Jahr 2010 ließ sie sich evangelisch taufen, gemeinsam mit ihrem kleinen Sohn.

O-Ton 14 Schwesig: Es ist gerade wichtig, in den Dialog auch mit Andersgläubigen aber vor allem auch Nichtgläubigen zu treten. Ich werbe sehr dafür, weil ich ja auch selber ein persönliches Beispiel dafür bin, dass wenn Kirche offen auf die zugeht, die vielleicht noch nicht an Gott glauben, dass wir diese Menschen gewinnen können. Vielleicht nicht immer für den Glauben, aber vor allem für unsere gemeinsamen Werte.

Autor:
Auf die zugehen, die nicht glauben, mit denen im Dialog sein, die anders glauben – für die Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen ist Toleranz der zentrale Wert, den die Kirche in der Gesellschaft fördern kann.

O-Ton 15 Kurschus: Das ist glaube ich eine echte Stärke des christlichen Glaubens, dass er das Andere achten kann ohne Angst zu haben, das Eigene geht verloren. Weil gerade in der Achtung des Andern das Eigene groß wird und das Eigene stark wird. Also ich glaube, dass wir dadurch sehr zu einem guten Miteinander beitragen können.

Musik: Nils Landgren, Anytime, Anywhere, CD: Fonk da World (Act 2001; LC 07644), Track 9.

Autor: Wie viel Kirche braucht die Gesellschaft? Meine prominenten Gesprächspartner auf dem Kirchentag in Hamburg sagen es am Ende so:

O-Ton 16 Schwesig: Unsere Gesellschaft braucht die Evangelische Kirche, wir brauchen die Werte, wir brauchen auch den Streit um die Werte. Und gerade viele Christinnen und Christen engagieren sich hauptamtlich, aber viele auch ehrenamtlich … vor allem im sozialen Bereich, deswegen ist für mich christliche Kirche überhaupt nicht wegzudenken.

O-Ton 17 de Maizière: Wenn die Kirche zu selbstverständlich ist in unserem ganzen sozialen Leben, obwohl die Zahl der Christen abnimmt, dann ist es auch nicht gut. Ihr seid das Salz der Erde, heißt es in der Bibel. Also ein bisschen Salz und ein bisschen Anstößigkeit im guten Sinne tut Kirche gut.

Autor: Das meinen die beiden Politiker. Solche Anstößigkeit wünscht sich am Ende auch Nils Landgren, der Musiker. Er hat Armut gesehen. Er betreibt soziale Projekte für Kinder in Afrika.

O-Ton 18 Landgren: Wenn die Kirche, die immer noch so kraftvoll ist, so viel Power hat, wenn die als erste gehen würde und sagen: „Hey, wir müssen das hier beenden, … also Armut und alles, das muss weg!“ Und fast jeder Mensch hat ja eine Religion, fast jeder Mensch, glaube ich, ist zu überzeugen, aber da muss die Kirche wirklich was tun, und die müssen das gemeinsam machen, also nicht ein klein da und ein klein da, gemeinsam entscheiden, dass, „hey, jetzt machen wir was!“ Dann können die auch die Welt verändern.

Autor: Genau. Eine kraftvolle Kirche, die die Welt verändern kann – das braucht unsere Gesellschaft. Mit diesen Gedanken verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Titus Reinmuth aus Wassenberg.

Musik: Nils Landegren, Slowfoot, CD: Licence to Funk (Act 2007; LC 07644), Track 5.

 


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