Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.13; Präses Annette Kurschus

Himmlisches Jerusalem

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Mein jüngerer Bruder spielt Trompete.

Sobald er dem Instrument die ersten Töne entlocken konnte, bat ihn unser Großonkel um ein besonderes Versprechen. Er wünschte sich zu seiner Beerdigung einen Choral – am Grab auf der Trompete geblasen. Nicht irgendeinen Choral, sondern „Jerusalem, du hochgebaute Stadt“. Da wird in wunderbaren, sehnsüchtigen Bildern eine neue Welt besungen. Mein Bruder war damals ein Kind; der Großonkel noch ausgesprochen rüstig. Die beiden wurden schnell einig; das Versprechen war gegeben.
Der lebensfrohe Großonkel starb viele Jahre später hochbetagt. Und mein längst erwachsener Bruder trompetete wie versprochen an seinem Grab:

Jerusalem, du hochgebaute Stadt,
wollt Gott, ich wär in dir!
Mein sehnend Herz so groß Verlangen hat
und ist nicht mehr bei mir.
Weit über Berg und Täler, weit über Flur und Feld
schwingt es sich über alle und eilt aus dieser Welt.
(EG 150,1)

Ein Lied voller Sehnsucht nach dem himmlischen Jerusalem. Nach einem Ort, wo Gott alle Tränen abwischen wird; wo es kein Leid mehr geben wird, kein Geschrei und keinen Schmerz. So beschreibt es die Bibel. Für mich bleibt das Lied bis heute mit jenem Großonkel verbunden. Er hat in seinem Leben viel Schweres aushalten müssen; sein jüngster Sohn starb als Jugendlicher durch einen Unfall. Das wurde nie schöngeredet. Es wurde auch nicht verschwiegen. Im Gegenteil. Mein Großonkel hat viel davon erzählt und darüber geweint. Und blieb doch ein lebensfroher Mensch. Er hoffte fest auf das, was uns nach dem Tod erwartet. Das half ihm, offen mit dem Tod umzugehen. Und es ließ ihn mit beiden Beinen und wachen Sinnen im Leben sein.

Wenn ich in der Tageszeitung die Seite mit den Todesanzeigen aufschlage, begegnet mir viel Hilfloses. Worte, die zu sagen vermeiden, was eigentlich gesagt werden soll: Ein geliebter Mensch ist gestorben. Stattdessen lese ich:

„Niemals geht man so ganz. Ein Stück von dir bleibt immer bei uns.“
Oder:
„Er ist nicht tot. Er ist nur in ein anderes Zimmer gegangen.“
Oder:
„Wenn wir dich suchen, sehen wir einen hellen Stern am Nachthimmel. Dort wirst du immer für uns leuchten.“

Wo uns der Tod auf den Leib rückt, werden wir oft seltsam sprachlos. Sprechen ihn lieber nicht aus. Als ob das helfen könnte, ihn weniger bedrohlich zu machen. Wie gut, dass es Bilder gibt. Bilder, die dem Tod standhalten. Und die deshalb zum Leben helfen. Zum Beispiel das biblische Bild vom himmlischen Jerusalem. Vor einigen Wochen war ich in Jerusalem. Nicht in dem himmlischen Ort der Sehnsucht. Sondern in der Stadt, in der heute Juden, Christen und Muslime leben. Durch eine Mauer voneinander getrennt. Den einen bedeutet die Mauer Schutz; die anderen empfinden sie als Schikane.

Es gibt wohl kaum eine Stadt, um die sich so viele Träume und Sehnsüchte ranken. Eine „heilige“ Stadt für Juden, Christen und Muslime. Eine „Stadt des Friedens“, behauptet ihr Name. Seit sie gegründet wurde, eine Stadt voller Feindseligkeit, Misstrauen und Krieg. Ein Ort, wo besonders viel gekämpft wird und gelitten und geweint. Das Lied vom himmlischen Jerusalem und die großen biblischen Worte malen uns dazu ein starkes Gegenbild vor Augen: Gott wohnt bei den Menschen, und die Menschen sind ganz nah bei Gott. Das ist mehr als menschliche Sehnsucht. Das ist keine Träumerei. Das sind keine Sprüche, die am Ende doch nicht trösten. Darin liegt ein festes Versprechen Gottes. Gute Aussichten nicht nur für Jerusalem. Gute Aussichten für unser Leben. Auch über den Tod hinaus.

Ich wünsche Ihnen Kraft für alles, was heute vor Ihnen liegt. Ihre Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen

 

Audiobeitrag Himmlisches Jerusalem


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