Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.06.13; Präses Annette Kurschus

Glauben zeigen

Lieber Hörer, liebe Hörerin! Von meinem älteren Bruder wird in unserer Familie gern eine besondere Geschichte erzählt:

Er war während der Osterferien zu Besuch bei den Großeltern. Mit der Oma fuhr er in der Straßenbahn zum Einkaufen in die Stadt. Und dort, zwischen den anderen Fahrgästen, fing er plötzlich zu singen an:

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden! Halleluja, halleluja!

Meine Oma wurde unruhig. Es war ihr peinlich. „Ach Junge, lass doch ...“, versuchte sie den Enkel vorsichtig zum Schweigen zu bringen. Der aber sang mit klarer Stimme sein Lied unbeirrt weiter. Manche Fahrgäste horchten auf. Einige grinsten verlegen. Gespräche verstummten. Man drehte sich zu dem kleinen Sänger um.

Der Herr ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden!

Er liebte diesen Kanon. Bei uns zu Hause wurde er in der Osterzeit oft gesungen. Meine Oma litt. Da sagte eine Frau, die ihr schräg gegenübersaß: „Lassen Sie den Jungen doch einfach singen! Manche haben das vielleicht noch nie gehört!“

Heute ist die Geschichte nicht mehr der Oma peinlich, sondern dem erwachsenen Enkel.

Warum eigentlich? Warum war es peinlich, dass er in der Straßenbahn sang? Hätte er gesungen: „Hänschen klein“ oder „Alle Vögel sind schon da“, dann wäre das vermutlich vollkommen in Ordnung gewesen. Vielleicht hätte jemand gesagt: „Das ist aber ein fröhlicher Junge!“ Oder: „Der kann ja schön singen!“ Jedenfalls hätte es niemand komisch gefunden. Oder gar peinlich.

Nun sang er aber: Der Herr ist auferstanden! Wie zu Hause; wie in der Kirche. Für ihn ein schönes Lied, das ihm gerade so auf der Zunge lag. Warum also nicht auch in der Straßenbahn? Kürzlich beobachtete ich in einem Restaurant, wie ein junger Mann verschämt nach rechts und links blickte, bevor er flüchtig die Hände faltete zu einem stillen Tischgebet. Als sei er ängstlich darauf bedacht, dass niemand diese kleine Geste bemerkt. Ich gebe zu: Mich selbst habe ich auch schon dabei ertappt. Je nachdem, in welcher Gesellschaft ich bin, erledige ich das vertraute Ritual, das für mich zu jeder Mahlzeit gehört, eher verlegen und versteckt. Möglichst so, dass es keiner sieht. Seltsam. Was ist daran zum Schämen, wenn ich vor dem Essen Gott dafür danke, dass ich genug zum Leben habe? Was sollten andere daran komisch finden? Und wenn sie es belächeln – warum stört mich das?

Wer zeigt, was er glaubt, macht sich verletzlich – ja. Wir geben damit zu: Ich lebe nicht aus mir selbst. Ich vertraue auf eine Kraft, die mich trägt. Manche fühlen sich darüber erhaben.

Manche behaupten: Singen und Beten und Glauben - das alles sei nur etwas für schlichte und schwache Gemüter. Sie sagen: Ich brauche so etwas nicht. Ich glaube nichts.
Ich bezweifle das. Jeder Mensch muss sein Herz irgendwo festmachen. „Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott“, hat Martin Luther einmal gesagt.

Wer sein Herz festmachen kann; wer tief innen weiß, wo er zu Hause ist, wird offen und frei für die Begegnung mit dem, was fremd ist. Wer getrost von seinem eigenen Glauben zu singen und zu sagen weiß, muss sich nicht vor dem Glauben anderer fürchten. Im Gegenteil.

Wir können ohne Angst miteinander teilen, woran wir unser Herz hängen. Wir können miteinander und voneinander lernen. Einander achten. Unterschiede klar aussprechen. Uns darüber freuen, was uns verbindet.

Vielleicht gibt es heute eine Gelegenheit für Sie zu zeigen, was Sie glauben? Ich wünsche es Ihnen. Ihre Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen

 

Audiobeitrag Glauben zeigen


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