Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

13.06.13; Präses Annette Kurschus

Leuchtkraft des Segens

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Ich weiß es noch genau. Es hat sich mir als Kind tief eingeprägt. Oft wartete ich eine ganze Stunde lang nur auf diesen einen Satz:

Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig.

Dann wusste ich: Jetzt kommt noch einmal etwas Besonderes. In dem hessischen Dorf, wo ich die ersten Jahre meines Lebens verbrachte, feierte dann und wann der Pfarrer des Nachbarortes mit uns Gottesdienst. Ich kannte ihn nicht näher. Aber wie er uns den Segen zusprach, besonders die eine Zeile mit dem leuchtenden Angesicht, daran erinnere ich mich noch genau. Es war, als nähme der Mann innerlich Anlauf für die Worte, die nun kommen sollten. Er wippte auf seinen Zehenspitzen, breitete seine Hände aus, richtete seinen Blick mit großen, feierlichen Augen auf die versammelte Gemeinde und sprach auf unvergessliche Weise den Segen:

Gott, der HERR, segne dich und behüte dich;
der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir
und sei dir gnädig.
Der HERR hebe sein Angesicht über dich
und gebe dir Frieden.

Besonders das Leuchten war körperlich zu spüren, es ging durch und durch – mit einer Kraft, die ich bis heute in diesen Worten finde. Als wir später in eine andere Gegend unseres Landes umzogen, hörte ich die Pfarrerinnen und Pfarrer um den Segen nur noch bitten. Mit gesenktem Haupt und gefalteten Händen. Das Leuchten des Angesichts Gottes, den kraftvollen Blick des Segens, den Menschen von Gott empfangen und an andere weitergeben, habe ich lange schmerzlich vermisst.

Denn in diesen alten biblischen Worten wohnt eine besondere Kraft. Es sind Worte, in denen das Versprechen liegt: Gott wird mit dir sein. Er wird dich begleiten. Er wird dich beschützen und stärken für alles, was kommt. Menschen leihen sich die alten Worte des Segens in unterschiedlichen Situationen. Segensworte geben Trost am Krankenbett. Sie stärken, wenn eine neue Lebensphase beginnt. Viele wünschen sich Worte des Segens, wenn sie auf Reisen gehen. Manche Eltern geben ihren Kindern am Morgen einen Segen mit in den Tag.

Der Segen ist nicht reserviert für besondere Stunden. Er will mitten hinein in unseren Alltag. Stellen Sie sich vor: Sie haben anstrengende Tage hinter sich. Vieles musste gemeistert werden. Jede Menge blieb unerledigt. Eine Sorge quält und will nicht verschwinden. Sie sind erschöpft. Aber morgen schon geht die Mühle weiter. Da kommt jemand, legt Ihnen die Hand auf und sagt:

Gott segne und behüte dich.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über dir.

Leuchten ist ein besonderes Wort. Leuchten ist mehr als hell sein. Leuchten ist mehr als glänzen.Es muss hell sein, damit wir uns orientieren können. Wir freuen uns an manchem Glanz, der die Welt schön macht. Hin und wieder blendet uns das grelle Licht von Leuchtreklamen. Doch wirkliches Leuchten ist anders. Es kommt von einer wärmenden Quelle her. Es fasziniert, es berührt - und es wärmt. Das wissen alle, die je der leuchtende Augen-Blick eines Menschen getroffen hat.

In der hebräischen Sprache der Bibel hat das Verb Leuchten unmittelbar zu tun mit dem Licht vom Anfang, als Gott sprach: Es werde Licht. Leuchten hat schöpferische Kraft.
Der HERR lasse sein Angesicht leuchten über Dir.

Gottes Augen – wärmend auf Sie gerichtet und auf mich. Von diesem Schein leben wir. Tag für Tag. Dieses Leuchten will unter die Leute – auch durch uns. Ich wünsche Ihnen, dass Sie heute etwas davon spüren – und an andere weitergeben können.

Ihre Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.

 

Audiobeitrag Leuchtkraft des Segens


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