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Reden und Tun
Lieber Hörer, liebe Hörerin, manche Erlebnisse vergisst man nie. Ich sehe mich noch in der großen Kirche sitzen, in der mein Vater viele Jahre Pfarrer war.
Schon als kleines Kind habe ich diese Kirche geliebt.
Manchmal schlich ich mich verstohlen hinein, wenn der Küster beim Saubermachen war und hörte der beeindruckenden Stille dieses großen Raumes zu. Manchmal setzte ich mich in eine Bank, wenn die Organistin übte und genoss es, wie die Klangfülle des majestätischen Instruments in jede Ecke des verwinkelten Kirchenschiffs drang.
In diese Kirche ging ich gern zum Kindergottesdienst, wo Schwester Lydia uns unter einer der Emporen jeden Sonntag eine biblische Geschichte erzählte während ich mich fragte, wie wohl ihre Haare unter der Diakonissenhaube aussehen mochten.
Oft ging ich schon vorher mit in den Gottesdienst der Großen. Da verstand ich wenig, und bei der Predigt wartete ich von Anfang an auf das erlösende Wort Amen. Aber ich liebte die Rituale, stimmte in manche unverständlichen Worte ein und wusste sie bald auswendig, ohne ihren Sinn zu erfassen. Die alten Lieder faszinierten mich. Und mit Leidenschaft beobachtete ich die erwachsenen Menschen um mich herum beim Singen und Beten und Zuhören. Eine Atmosphäre, die mich heute noch in ihren Bann schlagen kann.
Anders an jenem Sonntagmorgen, der mir immer in Erinnerung bleiben wird. Da ging es um das biblische Gebot der Nächstenliebe. Ich mag damals acht oder neun Jahre alt gewesen sein. Das Thema war an diesem Morgen besonders unangenehm und bedrängend für mich, weil ich gerade mit meinem jüngeren Bruder im Streit lag. Von Liebe keine Spur ich hätte ihn am liebsten auf den Mond geschossen. Nach der eindringlichen Predigt, die mir quälender und länger erschien als sonst, begann die Gemeinde zu singen. Die Kirche war außergewöhnlich gut besetzt, der Gesang entsprechend kräftig.
So jemand spricht: Ich liebe Gott,
schmetterten sie lauthals um mich herum,
und hasst doch seine Brüder,
der treibt mit Gottes Wahrheit Spott
und reißt sie ganz darnieder.
Gott ist die Lieb und will, dass ich
den Nächsten liebe gleich als mich.
Ich wüsste nicht, dass mir je ein Gesang wieder solchen Schrecken eingejagt hätte. Eigens für mich schienen sie zu singen; nein, schlimmer noch: gegen mich sangen sie. Die ganze große Gemeinde. Mit strenger Inbrunst. Voller Anklage so kam es mir vor. Anscheinend wussten sie alle Bescheid. Diese Situation sitzt tief. Bis heute mag ich den Choral nicht singen.
Dabei sagen seine Worte nichts Schlimmes. Sie richten nicht. Sie verurteilen nicht. Sie erinnern schlicht daran: Was wir singen und sagen, sollte mit dem übereinstimmen, wie wir leben und was wir tun. Das gelingt nicht immer. Das geht manchmal richtig schief. Aber man sollte uns abspüren, dass wir uns darum bemühen.
Es passt nicht zusammen, wenn ich Gott im Himmel Loblieder singe und mich nicht für die Menschen in meinem Alltag interessiere. Es darf nicht sein, dass ich in der Bibel lese und die Nachrichten in der Zeitung und im Fernsehen darüber vergesse. Es stimmt nicht, dass der Gottesdienst am Sonntag in der Kirche und unser mitmenschliches Verhalten im täglichen Leben zwei verschiedene Paare Schuhe wären.
Ehre sei Gott in der Höhe, haben die Engel auf dem Feld bei Bethlehem zur Geburt Jesu gesungen und ihr Gesang geht weiter: ... und Friede auf Erden bei den Menschen seines Wohlgefallens!
Gott lieben heißt: Ganz nah bei den Menschen sein. Ihre Not sehen. Ihre Freude teilen. Ihr Schreien hören. Den Mund aufmachen für alle, die stumm und benachteiligt sind. Gott selbst hat das in Jesus Christus getan. Zum Segen für uns alle.
Ihnen einen guten Tag. Ihre Annette Kurschus, Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen.
Reden und Tun
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