Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.06.13; Pfarrer Sven Keppler

Spucke und Erde

Er hätte mich mit einem Wort heilen können. Aber er wollte es anders. Stattdessen verwickelte er mich in ein Gespräch.

„Warum sitzt Du hier?“ Was für eine Frage. Bestimmt nicht, weil hier alles so schön bunt ist. „Was soll ich sonst machen?“, fragte ich ihn zurück. „Hast Du niemanden, der für Dich sorgt?“ „Würde ich dann hier am Weg sitzen und betteln?“ „Wo sind Deine Eltern?“ Treffsicher hatte er meinen wunden Punkt erwischt. „Sie sagen immer, ich sei alt genug.“

Meine Eltern. Ich habe sie nie gesehen. Nichts habe ich gesehen in meinem Leben. Aber meine Eltern brauche ich auch gar nicht anzuschauen, um ihre Gesichter zu kennen. Verkniffene Münder. Niedergeschlagene Augen. Sie halten mich für das Unglück ihres Lebens. Ein blind geborener Sohn. Sie werden unruhig bei dem Gedanken, die Nachbarn könnten ihnen die Schuld daran geben. Weiß der Himmel, warum meine Eltern so ein schlechtes Gewissen haben. Wahrscheinlich ohne jeden Grund.

Als ob er meine Gedanken gelesen hätte, stellte Jesus die nächste Frage: „Halten Deine Eltern sich für schuldig?“ Frag sie doch selbst, hätte ich beinahe geantwortet. Stattdessen sagte ich: „Ich weiß nicht, ob sie darüber wirklich nachdenken. Sie fragen sich vor allem, was die anderen denken.“ „Was die Leute sagen ist ihnen wichtiger, als was Gott denkt?“ fragte Jesus. „Ich glaube nicht, dass Gott sich für uns interessiert!“ Ganz schön mutig von mir, so was zu sagen. Doch Jesus verzog keine Miene. „Interessierst Du Dich denn für Gott?“

Der nächste wunde Punkt. Von Gott erwarte ich ungefähr so viel wie von meinen Eltern. Er hilft mir ja auch genau so viel. Wenigstens schert er sich nicht darum, was die Leute sagen. Ihn kümmert ja auch nicht, wie dreckig es mir geht. Und dass ich von seiner wunderbaren Welt noch keine einzige Pfütze gesehen habe.

„Tja, immerhin hat Gott mich gemacht, so wie ich bin. Da habe ich wohl allen Grund, ihm dankbar zu sein!“ „Vielleicht hat er ja etwas vergessen, als er Dich gemacht hat.“ Das muss ich diesem Jesus lassen – erstaunliche Ideen hat er. Gott hat bei mir etwas vergessen. Als er die Erde nahm und mich machte und mir den Lebensatem einblies, da hat er vergessen, nämlich ein paar Lichtstrahlen mit hineinzumischen.

Ein derbes Geräusch holte mich zurück in die Gegenwart. Jesus spuckte mehrmals aus. Danach schien er seinen Speichel mit der Erde zu vermanschen, jedenfalls hörte es sich ungefähr so an. Plötzlich spürte ich etwas Kühles, Breiiges auf meinen Augen. Jesus stand dicht bei mir und strich mit zwei Fingern über meine Augäpfel. Er hatte doch wohl nicht ... Doch, er hatte tatsächlich die Pampe aus Erde und Spucke auf meine Augen gestrichen. „Geh zum Teich Siloah und wasche Dich!“ sagte er noch, dann war er fort. Ich konnte mich nicht mal beschweren. Gehorcht habe ich ihm sofort – Sie können sich vorstellen, dass ich mein Gesicht waschen wollte!

Als ich mich wusch, konnte ich zum ersten Mal in meinem Leben sehen. Jesus hätte mich mit einem Wort heilen können. Warum nahm er Spucke und Erde? Ich glaube, er wollte mir damit etwas zeigen: Wenn ein Mensch gesund wird, dann ist das letztlich Gottes Tat. Wie in der alten Geschichte, als Gott aus Wasser und Erde die Menschen schuf.

 

Audiobeitrag Spucke und Erde


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