Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.06.13; Pfarrer Sven Keppler

Der "Dritte Weg"

Ist Frank Bsirske ein Heuchler? Wenn einer behauptet, sich für mich einzusetzen, aber dabei vor allem die eigenen Interessen im Sinn hat – dann nenne ich das Heuchelei.

Frank Bsirske, der Vorsitzende der Gewerkschaft Verdi, behauptet, etwas für kirchliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer tun zu wollen.

Das ist an sich ja keine schlechte Idee. Erzieherinnen in kirchlichen Kindergärten, Pflegekräfte bei der Diakonie, Küster in den Kirchengemeinden – sie alle leisten ganze Arbeit und werden dafür alles andere als fürstlich entlohnt. Wenn sich da die mächtige Verdi als Beschützerin anbietet, kann man sich doch eigentlich nur freuen! Stellt sich aber die Frage, warum sie das tut.

Bsirskes Hauptärgernis ist das kirchliche Tarifrecht, der so genannte "Dritte Weg". Hier werden Löhne in einer Kommission ausgehandelt, ohne Gewerkschaft, Streiks und Aussperrungen. Das ist der Gewerkschaft natürlich ein Dorn im Auge.

Die Kirche hat jedoch den Anspruch, ein besserer Arbeitgeber zu sein als die Mitbewerber. Das forderte zumindest Kirchentagspräsident Gerhard Robbers in einer Diskussion mit Bsirske kürzlich in Hamburg. Er kann darauf verweisen, dass die kirchlichen Tarife oft höher liegen als die der Konkurrenz. Dadurch entstehen der Diakonie und den Kitas aber oft Wettbewerbsnachteile.

Um trotzdem konkurrenzfähig zu bleiben, kommt es deshalb immer wieder zu Fällen von Lohndumping und Outsourcing. Wenn Bsirske das kritisiert, hat er vollkommen recht. Aber leider verschweigt er bewusst, dass die kirchlichen Tarife in der Regel besser sind. Stattdessen nützt er das angekratzte Image der Institution Kirche für seine Zwecke. Sie sei an das Recht gebunden und dürfe beim Abendmahl ja auch keine Haschischoblaten verteilen.

Mir scheint, bei seinem Kampf für das innerkirchliche Streikrecht hat Bsirske vor allem seine Gewerkschaft im Blick. Er malt die Zustände noch schwärzer, als sie sind. Und vor allem vernebelt er den Vergleich mit der Konkurrenz. So leid mir das tut – das ist pure Heuchelei!

Was soll die Kirche in dieser Lage tun? Die Leitung von Kirche und Diakonie verteidigt ihren „Dritten Weg“. Dabei geraten Diakonievereine und kirchliche Kindergärten immer mehr unter Druck, weil sie an die teureren kirchlichen Tarife gebunden sind.

Ich meine: Schafft den „Dritten Weg“ doch einfach ab! Übernehmt die branchenüblichen Tarife samt Streikrecht und allem Pipapo. Keiner kann die Kirche dann mehr an den Pranger stellen. Aber es darf dann auch keiner mehr eine Sonderbehandlung erwarten. Kirchliche Einrichtungen wären im Wettbewerb plötzlich auf Augenhöhe. Ob sie wettbewerbsfähig sind, entschiede sich dann allein an der Qualität ihrer Angebote. Und da brauchen sie sich wahrlich nicht zu verstecken!

Und wenn uns Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern dann plötzlich der Wind ins Gesicht bläst? Wenn wir irgendwann den Segnungen des "Dritten Weges" hinterhertrauern? Dann erweist sich Frank Bsirske hoffentlich als der starke Partner, als der er sich heute darstellt.

 

Audiobeitrag Der "Dritte Weg"


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