(Beinahe) Vater
Ich wäre beinahe zum dritten Mal Vater geworden. Im Dezember erfahren wir, dass meine Frau schwanger ist!
Wir freuen uns, nach zwei perfekt verlaufenen Schwangerschaften fühlen wir uns als Vollprofis in Sachen Babys kriegen.
Doch diese Schwangerschaft entwickelt sich anders. Bei einer Routineuntersuchung im dritten Schwangerschaftsmonat stellt der Arzt fest: Es kann sein, dass ihr Kind mit einer schweren Behinderung auf die Welt kommt. Unsere Souveränität bekommt erste Risse. Wir beruhigen uns: Das kann sich in der frühen Phase alles noch verändern
.
Komplikationen zwingen meine Frau nun immer öfter zum Arzt, eines Tages wird sie sogar ins Krankenhaus eingewiesen. Dort wird es dann Gewissheit: Unser Kind hat das sogenannte Turnersyndrom. Die Wahrscheinlichkeit, dass es auf die Welt kommt und nicht schon vorher stirbt, ist unheimlich gering.
Meine Frau wird von einem Spezialisten untersucht. Während der Untersuchung stellt der Arzt fest, dass das Herz nicht mehr schlägt. Unser Baby ist tot. Ein OP Termin wird vereinbart und wenige Tage später hole ich meine Frau aus dem Krankenhaus ab. Nur meine Frau. Der Alltag hat uns wieder und es muss weitergehen.
Wir schweigen. Und Gott schweigt mit uns. Alles andere hätte ich von ihm auch nicht akzeptiert.
Ich bin so froh, dass uns in dieser Situation niemand sagt: Hey, du hast zwei wunderbare Töchter. Sie sind gesund. Also ist das doch nicht so schlimm! Ich ahne zwar, dass es noch mehr weh tut, wenn man keine Kinder hat und ein Kind verliert, aber ich bin trotzdem traurig. Unendlich traurig. Denn wir haben ein Kind verloren. Punkt.
Wir trauern. Und Gott trauert mit. Alles andere hätte ich von ihm auch nicht akzeptiert.
Ich bin so froh, dass uns niemand mit einem Bibelvers oder einem Satz nach dem Motto Euch werden alle Dinge zum Besten dienen! oder Für irgendetwas wird es schon gut sein! zutextet. Das hätte unheimlich weh getan.
Denn, selbst wenn das stimmt: Ich will und kann das nicht hören. Wir fragen: Warum? Und Gott sagt nicht: Ja, Daniel, weisst Du
. Das verstehst Du zwar nicht, aber glaube mir, ich mache keine Fehler. Gott ist einfach nur da. Und das beruhigt mich.
Viele Menschen sind für uns da, schweigen, trauern und fragen mit uns: Warum? Diese Menschen spiegeln für mich Gott wieder. Sie sind ein Geschenk! Das tröstet! Ich frage mich, woher ich eigentlich die Gewissheit nehme, dass diese tollen Menschen um uns herum ein Zeichen von Gott sind. Woher weiß ich, dass Gott mit mir schweigt und trauert und da ist?
Für einige klingt das nach dem viel zitierten Opium fürs Volk, für einen Menschen wie mich, in einer Krise, einer Grenzerfahrung. Für mich ist es der allmächtige Gott, den ich nicht verstehe, an den ich mich klammere, der die Situation nicht ändert, der es möglich macht, dass ich mit der Situation umgehen lerne. Wir haben unserem Kind einen Namen gegeben, wir haben ihm einen Platz in unserem Garten gegeben, einen Gedenkstein und ein Grablicht. Unsere Kinder pflücken Blumen und bringen sie zu ihrem Geschwisterchen. Ich bin unendlich traurig, wenn ich den Gedenkstein betrachte, male ich mir aus, wie es wäre, wenn
.. Ich habe immer noch keine Worte für die Geschehnisse, aber eins weiß ich: Ich bin nicht beinahe zum dritten Mal Vater geworden. Ich bin zum dritten Mal Vater geworden.
(Beinahe) Vater
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