Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.06.13; Pfarrerin Miriam Haseleu

Ich bin ich

Anna ist beliebt. Sie hat viele Freunde und wenn sie lacht, lachen andere mit. Dabei kullern ihre Augen ein bisschen. Sie malt gerne. Große Bilder in hellen Farben.

Und morgens zum Frühstück isst sie am liebsten Cornflakes. Anna freut sich wenn Fußball im Fernsehen übertragen wird und von Borussia Dortmund kennt sie die Namen aller Spieler. Sie ist zehn Jahre alt und geht in die 4. Klasse. Anna hat wenig Zeit. Bis halb vier am Nachmittag ist sie meistens in der Schule. Danach macht sie schnell die restlichen Hausaufgaben und dann geht’s los. Montags geht sie zum Ballett, dienstags hat sie Klavierunterricht, mittwochs ist sie bei der Logopädin, weil sie ein bisschen lispelt. Donnerstags ist Schwimmtraining und freitags meistens ein zweites Mal Ballett, für die „Guten“ findet da ein extra Training statt. Im Sommer kommt die Zehnjährige auf die weiterführende Schule. Sie will aufs Gymnasium. Dafür muss sie sich anstrengen, denn in Mathe könnte sie wirklich besser sein. Und auf dem Gymnasium wird es ja nicht einfacher. Da muss man hart arbeiten für die guten Noten. Aber sie wird das schaffen. Na klar.

Manchmal da hat Anna auch einfach keine Lust. Da will sie am liebsten einfach nichts tun. Kein Mathe und kein Ballett. Dann will sie mit niemandem auf dieser Welt sprechen oder sich im Kreis drehen. Dann will sie einfach nur so dasitzen und in den Himmel gucken. Die Dinge geschehen lassen - ohne, dass sie etwas leisten muss.
Der Schriftsteller Peter Bichsel erzählt dazu folgende Geschichte:

Sprecher: Am Hofe gab es starke Leute und gescheite Leute, der König war ein König, die Frauen waren schön und die Männer mutig, der Pfarrer fromm und die Küchenmagd fleißig – nur Columbin, Columbin war nichts. Wenn jemand sagte: „Komm, Columbin, kämpf mit mir“, sagte Columbin: „Ich bin schwächer als du.“ Wenn jemand sagte: „Wie viel gibt zwei mal sieben?“, sagte Columbin: „Ich bin dümmer als du.“ Wenn jemand sagte: „Getraust du dich, über den Bach zu springen“, sagte Columbin: „Nein, ich getraue mich nicht.“ Und wenn der König fragte: „Columbin, was willst du werden?“, antwortete Columbin: „Ich will nichts werden, ich bin schon etwas, ich bin Columbin.“ (Peter Bichsel, Kindergeschichten, Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 1997, S. 40)

Autorin: Anna ist schon etwas. Ich bin schon etwas. Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, sind schon etwas. Das, was Columbin in der Geschichte erkennt, ist mir längst nicht immer klar. Das Entscheidende, das was mich voran bringt, mich und andere, das muss doch durch meine Hände entstehen, denke ich. Und so rotiere ich tagein und tagaus, Monat für Monat, Jahr für Jahr. All das, was ich gelernt habe, verdeckt das, worum es eigentlich geht. Das Beeilen und Mühen, das Üben und Lernen überdeckt das, was mich eigentlich ausmacht. Die Schönheit in einem jedem von uns. Das „Wer-wir-sind“ und „Was-wir-mitbringen“, das ist schon da. Es ist in uns. Nicht weil wir so toll sind und so viel können und schaffen. Nicht weil Anna so gut Ballett tanzt und so viel lernt. Nicht weil wir ständig unterwegs sind: Sondern weil wir genau so gemeint sind, wie wir sind. Gedacht, geschaffen und gemocht! Nein, nicht weil wir so außergewöhnlich sind. Sondern weil Gott uns liebt.

Ich wünsche Ihnen Zeit, einfach dazusitzen. Ihre Pfarrerin Miriam Haseleu aus Köln.

 

Audiobeitrag Ich bin ich


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