Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.05.13; Pfarrerin Miriam Haseleu

Lobe den Herren

Sie hatte ihr Lieblingskleid an. Dunkelgrün mit feinen weißen Pünktchen. Friedlich sah sie aus. Als wenn sie schlafen würde.

Die Kinder und Enkelkinder hatten sie so noch einmal sehen können. Es war nicht immer alles einfach gewesen für Hilde, aber sie hatte ihre Freude am Leben gehabt. Oh, ja das hatte sie. Und es war keine Frage, welches Lied an ihrer Beerdigung gesungen würde. „Lobe den Herren“. Wie oft hatte sie es zu Lebzeiten gesungen. Ich sehe sie vor mir stehen wie sie an ihrem alten Herd steht und kocht, dabei das Lied auf den Lippen. Es war immer erhebend sie so zu sehen. Und, so hatte sie es sich gewünscht, so sollte es auch heute erhebend sein. An dem Tag des Abschieds von ihr. Ob sie eine Ahnung davon gehabt hatte, wie schwer das für uns sein würde? In der etwas zu dunklen Kapelle auf dem Friedhof findet die Trauerfeier statt. Hildes Foto und die Blumen bringen etwas Farbe hinein. Schön sieht sie aus auf dem Foto. Irgendwie fröhlich. Es wird viel geweint. Sie war einfach eine tolle Frau. Sie wird fehlen. Wir gehen aus der Trauerhalle. Draußen scheint die Sonne. Das macht den Weg zum Grab hinter dem geschmückten Sarg etwas leichter. Trotzdem. Es fällt schwer, sie gehen zu lassen. Am Grab ist es dann soweit.

Sprecher: „Lobe den Herren, den mächtigen König der Ehren, meine geliebete Seele, das ist mein Begehren. Kommet zuhauf, Psalter und Harfe, wacht auf, lasset den Lobgesang hören.“

Autorin: Ein Loblied an einer Beerdigung. Das Singen ist befreiend. Und auf einmal spüre ich: Leben und Tod, sie gehören zusammen. Gott vergisst uns nicht. Auch wenn Menschen uns vergessen sollten, Gott vergisst uns nicht. Auch nach dem Tod geht es weiter.

Sprecher: „Lobe den Herren, der alles so herrlich regieret, der dich auf Adelers Fittichen sicher geführet, der dich erhält, wie es dir selber gefällt; hast du nicht dieses verspüret?“

Autorin: Der dich erhält – auch über deinen Tod hinaus. In diesem Lied an diesem Grab steckt so viel Auferstehungshoffnung wie ich sie mir nie hätte erklären oder vorstellen können.

Ob der Dichter dieses Liedes das geahnt hat? Joachim Neander hat 1680 den Text zu „Lobe den Herren“ verfasst. Ich denke schon, dass er gewusst hat, wie viel Gottvertrauen seine Texte in sich tragen. Muss er selbst dieses Vertrauen ja in sich getragen haben, um es so schön in Bilder zu fassen. Heute ist sein kirchlicher Gedenktag. Und so ist er nicht nur durch das Datum mit uns verbunden, sondern auch in seinen Liedern, die wir bis heute singen und die vielen Menschen Kraft geben. Auch noch auf andere Weise hat sich Joachim Neander mit der Nachwelt verbunden. Zwischen Mettmann und Erkrath, östlich von Düsseldorf, hatte er sich zu Lebzeiten in einer Schlucht im Tal der Düssel aufgehalten. Und dies wurde später nach ihm benannt: Neandertal. Hier fand man die Skelettreste eines vorgeschichtlichen Menschen. Den nannte man Neandertaler. Und so ist der Neandertaler durch seinen Namen mit dem Liederdichter Neander bis heute verbunden.

Ich weiß nicht, ob Hilde das gewusst hat. Aber ich bin sicher, es hätte ihr gefallen. Sie selbst verbunden mit einem der ersten Menschen durch ihr Lieblingslied – ein Loblied auf Gott, der die Menschen schafft, erhält und am Ende bei sich aufnimmt.

Sprecher: „Er ist dein Licht, Seele, vergiss es ja nicht. Lobende, schließe mit Amen!“

Autorin: Es grüßt Sie Ihre Pfarrerin Miriam Haseleu aus Köln.

 

Audiobeitrag Lobe den Herren


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