Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

29.05.13; Pfarrerin Miriam Haseleu

Zwischen Himmel und Erde

Die Luft ist warm. Menschen stehen dicht an dicht. Doch jede und jeder ist bei sich. Das Licht ist schnell, aber nicht flüchtig, kaum einzufangen.

Die Scheinwerfer deuten den Raum nur an, erfassen ihn nie ganz. Rot, blau, gelb, grün, pink - das Spiel der Farben spiegelt sich in den Augen. Die Scheinwerfer ziehen ihre Linien. Dazu Musik. Gitarrenakkorde. Rhythmus, der in den Bann zieht. Langsam, dann schneller. Menschen bewegen sich. Musiker verschmelzen mit ihren Gitarren und – dem Raum.

Sie spielen und spielen, erfüllen den Raum mit Energie, die überschwappt. Es ist leise, obwohl die Musik den Raum mehr als ausfüllt. Im Licht blitzt auf: die Kanzel, ganz kurz. Die Kuppel. Kirchenbänke. Große bunte Fenster. Wie feine kleine Staubflöckchen verweilen die Scheinwerfer auf einer Szenerie, bestäuben sie mit einem Schimmer bevor sie dann weiterziehen. Ab und zu taucht eine Hand im Licht auf, auch einige Köpfe. Menschen tanzen. Lassen sich anstecken von der Bewegung der anderen. Hineinziehen in das Geschehen von Musik, Licht und Raum. Eins werden mit der Musik, eins werden mit der Bewegung. Es fühlt sich an, als sei alles genau richtig. Als sei dieser Raum schon immer da gewesen. Jetzt, in diesem Moment, verschmelzen Zeit, Ort und Raum. Ergreifend. Diese Stille der Musik. Ich komme an. Mitten in der geballten Kraft, die zwischen allen Menschen hier entsteht. Es vibriert. Geballte Energie, kaum vorstellbar, dass so etwas möglich ist.

Eine Momentaufnahme eines Konzerts, das ich in der Kirche erlebt habe. Ein Gitarrenduo aus Mexiko hat diese Atmosphäre in die Kirche gezaubert. Die beiden wirkten viel zu klein um all dies zu bewirken. Ein Moment - dicht und spirituell. In diesem Kirchenraum ist etwas geschehen. Es war etwas zu schmecken und zu fühlen von Unendlichkeit. Es war etwas zu schmecken davon, dass es etwas gibt, das über das hinausgeht, was ich verstehe. Ich war verbunden mit einer anderen Wirklichkeit, ganz für mich, aber auch verbunden mit den sechshundert anderen Menschen, die auch dort waren.

Still sein, sich verbinden, beten – mitten in der Masse, mitten in lauter Musik. Die Gedanken fliegen lassen, an nichts festhalten. Bewegung spüren: Wir gehören zusammen. Wir teilen etwas. Und ich bin nicht allein mit meinem Glauben, meinen Gedanken. Ich bin eigebettet in einen größeren Zusammenhang. Es gibt etwas, was größer ist als ich. Nicht greifbar, aber es berührt mich. Jetzt. In diesem Moment. Meine Bitten und Wünsche, die sich im Tanz in meinen Gedanken formen – sie werden einen Adressaten finden. Mein Dank wird irgendwo ankommen. Ganz gewiss. Das ist erfahrbar in diesem Moment. Nichts anderes ist in diesem Augenblick wichtig. Es gibt etwas, dass mich sicher sein lässt. Das mich bewegt. Diesen Moment kann ich nicht planen. Er kommt und ist da. Dann ist Gott da. Und mit Ihm das Gefühl einfach nur zu sein. So etwas habe ich noch nie erlebt. Es ist als hätte mich dieser Konzertbesuch verändert. Als wäre ich ein anderer Mensch. Als wäre Gott mir begegnet.

Einfach sein. Dasein. Hier sein. Einfach nur sein. Verschmelzen mit Raum und Zeit. Als würde die Uhr still stehen. Eine Erfahrung mit mir, mit Gott, mit den Menschen um mich herum.

Ich wünsche Ihnen solche Erfahrungen - immer mal wieder - Ihre Pfarrerin Miriam Haseleu aus Köln.

 

Audiobeitrag Zwischen Himmel und Erde


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