Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

27.05.13; Pfarrerin Miriam Haseleu

Ticks und Macken

Ein schöner Raum. Hell, Parkettboden. Alle störenden Möbel zur Seite geschoben. Viel Platz. Rund zwanzig Menschen sind wir. Gut verteilt im Raum.

Manche sind jung, manche älter, manche mittelalt. Alle ein bisschen unsicher. Schüchtern vielleicht. Einige machen Witze, überspielen die Unsicherheit. Wer sind die anderen, die mit mir hier sind?, frag ich mich. Und dann die Vorstellungsrunde. Ich mag keine Vorstellungsrunden. Immer diese Ausschweifungen darüber, was man alles Tolles macht und gemacht hat und machen wird. Aber diesmal ist es anders. Wir sollen uns überlegen, was unser größter Tick ist. Welche Macke stört andere an mir? Oder welchen Tick kann ich selber gar nicht an mir leiden? Sprechen sollen wir dazu nichts. Es geht reihum. Nacheinander kommt jeder aus der Runde dran. Der eine kratzt sich permanent an der Nase. Eine andere wirft die Haare zurück. Der nächste tippelt mit dem Fuß. Wieder eine andere seufzt hin und wieder. Jemand reibt sich das Kinn. Ich gestikuliere heftig, wie eigentlich immer. Die Peinlichkeit ist schnell wie weggeblasen. Es ist nichts mehr von Unsicherheit zu spüren. Wir lachen, kichern, schmunzeln. Was für ein schönes Gefühl! Natürliches Lachen, echtes Lachen, das Energie schenkt. Es ist da. Einfach so. Verbreitet sich im Raum und es befreit, lässt aufatmen. Es verbindet uns untereinander. Lässt uns innerhalb kürzester Zeit zu einer Gruppe. Das, was sonst nervt und im Alltag als Fehler gilt, ist hier das, was Freude macht und Lächeln in die Gesichter zaubert! Die Barrieren sind gefallen. Mensch sein mit allen Ticks und Macken ist schön und wird hier nicht gestört oder infrage gestellt.

Mit den Ticks und Macken haben jetzt alle etwas ganz Persönliches von sich preisgegeben. Und das hat jeden und jede in ein liebevolles Licht gehüllt. Ein Boden, auf dem Vertrauen entsteht. Da, wo meine Ticks und Macken freundlich und mit Humor willkommen geheißen werden, da entsteht Begegnung, die keine Floskeln braucht. Begegnung, die nicht mal mehr Worte braucht. Der tippelnde Fuß – sonst nervig und ein Zeichen dafür, dass sein Besitzer ungeduldig oder unsicher ist, dieser Tippel-Fuß ist jetzt eine Auszeichnung für seinen Besitzer. Ein nur zu ihm gehörendes Merkmal. Interessant.

Das ist der Beginn von Clownerie, so habe ich es in diesem Workshop gelernt.

Ein Clown zu sein bedeutet: Die Macken so hervorzuheben, dass man sich selbst humorvoll betrachten kann. Ein Clown zu sein, ab und zu, oder jeden Tag ein bisschen, das schafft Vertrauen: Guck mal, die anderen, die haben ja auch Macken! Und es ist sogar ganz lustig, dass es so ist. Und macht uns einzigartig. Vertrauen schafft Nähe. Jetzt muss ich mich nicht verbiegen, toll darstellen, ich kann den anderen mit weniger Anstrengung unverfälscht begegnen. Nach dem Clowns-Seminar sehe ich mich selbst und die anderen in einem neuen Licht. Ohne Rolle, Beruf, Funktion. Als Mensch mit dem ein oder anderen liebevollen Tick.

Diese Begegnungen verwandeln mich, weiten meinen Blick.

Gott, du verwandelst mich! Du hilfst, dass wir einander nahe kommen! Du nimmst mich wie ich bin.

Ich wünsche Ihnen viel Spaß beim Clownsein! Ihre Pfarrerin Miriam Haseleu aus Köln.

 

Audiobeitrag Ticks und Macken


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