Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.05.13; Pastorin Beate Raguse

Chromosome

Film: 46/47 Autorin: Wissen Sie wieviel Chromosome Sie haben – jetzt spontan - -morgens … um 5 vor 6.

Vielleicht würden Sie „nö“ sagen (oder „ja, 46 “. Oder: „Nein, ) warum auch?“ Wir definieren uns über Namen, Beruf, Alter und Familienstand. Dass wir 46 Chromosome haben, interessiert normalerweise niemanden. Anders ist das bei Menschen, die in jeder Zelle eins mehr -also 47- haben, Menschen mit Trisomie 21, auch bekannt als Down-Syndrom. Sie sind die Hauptdarsteller im Film 46/47.

O-Ton: Telefon klingelt.

Autorin: Das Telefon steht vor ihm, doch der junge Mann greift nur widerwillig zum Hörer.

O-Ton: Nein, ist nicht nötig. Ich hab’ noch zwei Schlafanzüge im Schrank. Ja, ja hab’ ich doch immer im Brustbeutel. Ich bin auch stolz auf dich. Ja, Mama. Tschüss, tschüss, Mama, tschüss.

Autorin: Mit dem Anruf einer besorgten Mutter bei ihrem erwachsenen Sohn beginnt der Kurzfilm „46/47“. Nach dem Telefonat setzt Daniel seine Kopfhörer auf und betrachtet sein verzerrtes Spiegelbild auf der Rückseite eines Löffels. Er wirkt in sich gekehrt, vielleicht einsam.

Was es mit ihm auf sich hat, wird deutlich, sobald weitere Darsteller auftauchen. Es sind Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit Down-Syndrom. Im Film sind sie Chef oder Kollege, Busfahrer, Pizzabote und Kassiererin. Sie bestimmen das Bild in der Arbeitswelt wie im öffentlichen Leben und definieren somit, was normal ist. Nur Daniel ist anders. Nur er hat 46 Chromosomen – und ist das was gemeinhin als normal gilt.

O-Ton: Ich weiß auch nicht. Die Leute schauen mich alle an, die wissen gar nicht, wie ich mich fühle. Die denken alle; „Wie sieht der denn aus?“

Autorin: 46/47 will die Welt, so die Produzenten, einmal „anders herum“ erzählen. Dazu braucht der Film nur wenige Worte und ein paar eindrückliche Szenen. Sie zeigen Daniel als Aussenseiter. Bei seiner Arbeit als Maschinenführer streichen ihm Kollegen und Vorgesetzte anerkennend über den Kopf oder nicken ihm aufmunternd zu. Nur ernst nehmen sie ihn nicht. Und egal ob im Bus oder im Supermarkt, alle mustern ihn kritisch - . Auch das Nachbarskind weiß, dass Daniel behindert ist und erkundigt sich unverblümt nach seinem fehlenden Chromosom.

O-Ton: „Daniel, hast du dein Somosom gefunden?“ – „Chromosom, nein, mir fehlt immer noch eins. Aber 46 hab’ ich schon.“ „Also bleibst du behindert?“

Autorin: Der Film will das Anderssein erlebbar machen. Das gelingt durch die originelle Idee des Perspektivwechsels. Der Rollentausch und eine ganze Reihe von Details führen zu Aha-Effekten. So hat Daniel einen Behindertenausweis, den er im Bus vorzeigen muss. Und einen besonderen Sitzplatz. Kinder mit Down-Syndrom lächeln einen freundlich an –vom Werbeaufdruck auf dem Linienbus und der Zwiebackpackung.

Anderssein erlebbar machen- Bei mir hat der Film sein Ziel erreicht. Ich war überrascht, wie schnell ich mich mit Daniel identifiziert habe - und mich ausgeschlossen fühlte aus einer Welt, in der alle anders waren als ich.

Wenn ich jetzt Menschen mit Behinderungen begegne, muss ich immer an Daniel denken. Was heißt hier schon normal?

 


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