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"...und hätte der Liebe nicht - Verstehen braucht Nähe"
Am 19.05.13 überträgt die ARD von 10 Uhr bis 11 Uhr den Pfingstgottesdienst aus der Erlöserkirche in Essen.
- Es gilt das gesprochene Wort -
Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Amen.
Liebe Gemeinde, Verstehen braucht Nähe die Tänzerinnen und Tänzer der inklusiven Tanzkompanie Szene 2wei zeigen uns heute, wie das geht: einander vertrauen und eng verbunden sein. Miteinander sein aber auch auseinandergehen ohne den Kontakt zu verlieren. Sie bleiben in Verbindung mit Ohr und Hand. Ich spüre beim Zuschauen die Intensität dieser Begegnungen. Und ich ahne: Das ist Pfingsten! Wenn Gottes Geist uns erfüllt und uns einander näher bringt. Ich erlebe es bei den Tanzenden:
Um sie herum scheint sich ein Kraftfeld aufzubauen. Für mich ist es ein Bild für die Kraft des Heiligen Geistes: eine besondere Nähe; eine getanzte Einheit; ein Miteinander und Füreinander, das ineinander fließt.
Dabei bringt jede Tänzerin, jeder Tänzer eine eigene Geschichte mit eine eigene Biographie, mit dem, was sie oder ihn ausmacht. Der Tanz führt die unterschiedlichen Menschen zusammen hebt Grenzen auf und verwandelt alle die Tanzenden und die, die ihnen zusehen.
Was passiert da im Tanz? Der Tanz öffnet die Tür zur Begegnung, zum Dialog. Die Tanzenden treten ein in eine Wechselbeziehung zwischen Du und Ich. Ein Wir entsteht so heißt auch ein Bühnenstück der Tanzkompanie: Nosotros! WIR. So verschieden auch alle sind die Tänzerinnen und Tänzer verstehen einander ohne Worte:
Da ist der Körper, der sich bewegt; die Hand, die berührt. Da ist das Gesicht, das spricht, das Ohr, das empfängt. Achtsam geht eine im Tanz auf die Andere zu und beide lassen ihre Herzen sprechen. Ganz egal, was am Morgen den Tag noch belastete im Moment des Tanzes ist all das Drumherum vergessen. Jede spürt: Ich gehöre dazu - Wir!
Ein ganz anderes Bild habe ich, wenn ich in der Bibel von einer Gruppe von Frauen und Männern lese.
Damals vor 2000 Jahren - nach dem Tod Jesu in Jerusalem!
Am jüdischen Wochenfest sitzen die Jüngerinnen und Jünger Jesu eng beieinander in einem Haus - abwartend - zweifelnd - sprachlos. Jesus hatte ihnen versprochen: Ich komme wieder. Doch diesem Versprechen trauen sie nicht. Einzig die Unsicherheit und die Angst vor dem, was in der Zukunft auf sie zukommen wird, hält sie zusammen. Zwar sitzen sie beieinander. Doch ist jede und jeder ganz bei sich - mit sich selbst beschäftigt mit den eigenen Sorgen mit der Einsamkeit mit dem Gefühl der Verlassenheit.
Das Flüstern des Windes, das durch die Fenster dringt sie hören es kaum für die leisen Töne haben sie noch kein Ohr erst als der Wind wie ein Sturm bläst und ihnen in die Ohren brüllt erst da heben sie den Blick - von sich selbst weg hin zum Anderen. Sie spüren mit allen Fasern ihres Herzens, dass etwas passiert, dass die Atmosphäre sich verändert.
Dann sahen sie etwas wie Feuer, das sich zerteilte, und auf jeden ließ sich eine Flammenzunge nieder. (Apg 2,3) heißt es in der Pfingstgeschichte der Bibel.
Die Leere in ihnen verschwindet sie werden erfüllt vom Heiligen Geist, überschäumende Freude unverständlich sich überschlagende Worte und Laute prophetische Rede, stammelnd erst in der Sprache der Liebe. Tief aus dem Herzen kommend -so wie wir es in der biblischen Lesung vom Hohenlied der Liebe gehört haben.
Und wenn ich mit Menschen- und mit Engelzungen redete und hätte die Liebe nicht, so wäre ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle.(1 Kor 13,1) An ihrem Platz im Haus hält die Jüngerinnen und Jünger nichts mehr.
Sie kommen in Bewegung laufen vor das Haus. Treffen auf fromme Juden aus aller Welt, die zum Opferfest von weit her gekommen sind Menschen aus Mesopotamien, Asien und Ägypten Vielfalt pur.
Ihnen allen erzählen die Jünger mit übervollem Herzen, begeistert von ihrem Gott. Dem Gott, der den Geist der Liebe schenkt. Der sie daran erinnert, dass sie nicht alleine sind. Sie rufen es hinaus - schämen sich nicht bekennen, woran sie glauben. Die eine lautstark der andere mit leiser Stimme. Die eine tanzt und springt der andere setzt langsam, fast bedächtig einen Schritt vor den nächsten. Jede und jeder erzählt auf seine Weise vom Geist Gottes. Und die Jerusalemer Juden und all die anderen fremden Menschen in der Stadt, sie hören die Jüngerinnen und Jünger in ihrer jeweils eigenen Muttersprache reden. Und sie sind irritiert von diesen Leuten, die so ekstatisch ihren Gott preisen. Manche spotten: Sie sind betrunken.
Dennoch: die Juden und Fremden in der Stadt, sie laufen nicht weg, sondern bleiben und hören zu, was die Jünger zu erzählen haben. Die Römer, Kreter und Araber
fragen: Wie kann das sein? Wir kommen mit unterschiedlichen Voraussetzungen: Wir sprechen verschiedene Sprachen, kommen aus verschiedenen Ländern, haben einen ganz unterschiedlichen Bildungsstand, sind Arme und Reiche und trotzdem verstehen wir einander? Was will das werden?
--------------------Rollstuhlduett----------------------------
Nach einer Aufführung der Inklusiven Tanzkompanie in unserem Kirchenkreis sagte die Mutter einer Tänzerin glückstrahlend: Wenn ich sehe, wie meine Tochter in ihrem Rollstuhl mittanzt, wie die Musik sie leicht macht, wie sie dazugehört. Wie normal es ist, verschieden zu sein! Wir nosotros hieß das Programm, das sie auf die Bühne gebracht hatten. Mittendrin Ricarda, die junge Frau im Rollstuhl.
Die Mutter erzählte mir, wie sehr ihre Tochter diese Momente braucht: Momente von Leichtigkeit, Dabeisein, Beschwingtheit. Durch die Tanzszenen bekommen auch wir eine Ahnung davon. Natürlich sind nicht jeder Tag und jede Stunde so leicht wie der Moment des Tanzes. Doch jeder dieser kraftvollen, begeisternden Momente hebt über die Erdenschwere hinaus. Sich daran zu erinnern, beflügelt den Alltag. Mit den Augen des Glaubens sehe ich wie die Tänzerinnen und Tänzer sich im Kraftfeld des Heiligen Geistes begegnen, wie sie miteinander eine neue Energie spüren. So wie es vor 2000 Jahren die Jüngerinnen und Jünger Jesu erlebt haben damals nach dem Tod Jesu.
Um uns zu begegnen, müssen wir Grenzen überwinden. In meinem Alltag erlebe ich, dass das nicht immer klappt. Die andere ist mir fremd ich bin unsicher: Soll ich der körperbehinderten Frau an der Kasse beim Supermarkt helfen oder dränge ich mich auf? Gerade wenn wir merken, dass jemand eine Behinderung hat, sind wir oft sehr befangen. Aus lauter Sorge zu aufdringlich zu sein, bleiben wir untätig. Weil der Andere uns befremdet, bleiben wir lieber auf Abstand. Wir lassen Begegnung nicht zu. Doch: "Alles wirkliche Leben ist - Begegnung", sagt der jüdische Philosoph Martin Buber.
Die Tanzenden machen uns vor, wie Begegnung gelingen kann. Dabei entdecke ich in der biblischen Pfingstgeschichte und den Begegnungen der Tanzenden hier drei Gemeinsamkeiten: Achtsamkeit Mut zur Nähe Perspektivwechsel.
Zuerst die - Achtsamkeit. Voll präsent sein hier und jetzt! Sich ganz auf den Augenblick konzentrieren. In der Pfingstgeschichte der Bibel sind die Jüngerinnen und Jünger so sehr gefangen in sich selbst, dass sie einen äußeren Impuls brauchen. Erst Sturm und Feuerzungen öffnen Augen und Herzen der Jünger für die Begegnung mit den Menschen aus allen Nationen. Sie werden achtsam und lassen sich unterbrechen. Plötzlich sind sie ganz da - im Hier und Jetzt. Offen für die Begegnung mit den Fremden ohne Schubladen im Hinterkopf, die den anderen schon wieder einordnen, ohne ihn zu kennen.
Für Begegnungen brauche ich auch: Mut zur Nähe. Ich stelle mir Nähe vor als einfühlendes Verstehen. Als einen Weg, auf dem Menschen sich miteinander vertraut machen. Auf dem sie die Grenzen des anderen achten: körperliche - emotionale - intellektuelle. Manchmal muss man nur genau hinschauen, um den anderen zu verstehen. So wie die Tanzenden: Sie lassen sich aufeinander ein, lassen sich berühren von dem, was sie bei ihrem Gegenüber sehen, hören und spüren. Und sie tanzen wieder auseinander
halten eine Balance von Nähe und Distanz. Dabei braucht Nähe Zeit und Muße, sich aufeinander einzustellen um die Beweggründe und die Lebenssituation des Anderen zu verstehen. Auch die Tanzenden sind einen langen Weg miteinander gegangen.
Mut zur Nähe auch wenn wir verschiedene Sprachen sprechen, auf ganz verschiedenen Wellen schwimmen. In der Pfingstgeschichte fassen die Jünger diesen Mut und rennen begeistert aus dem Haus. Bei aller Fremdheit der Menschen untereinander, die auf dem Platz vor ihrem Haus zusammenkamen: Sie fühlten sich ihnen nahe mit einem Geist getränkt (1Kor 12,13).
Der Geist der Liebe in ihren Herzen schenkt ihnen Phantasie: Wenn ihr so zu den Fremden sprecht, werden sie euch verstehen.
Und schließlich der Perspektivwechsel! Urteile nicht über einen anderen Menschen, bevor du nicht einen halben Mond in seinen Mokassins gegangen bist! lautet ein indianisches Sprichwort. Die Perspektive zu wechseln - so wie wir das gerade hier im Rollstuhlduett erlebt haben bringt mich dem Anderen näher und hilft, ihn zu verstehen. Wir alle sehnen uns ja danach, nicht ausgegrenzt zu werden. Wir sehnen uns danach, mittendrin zu sein trotz allem. Einmal die Blickrichtung zu wechseln hilft, Barrieren in unseren Köpfen abzubauen: Den Alltag einfach mal betrachten aus der Perspektive einer Rollstuhlfahrerin, eines Tänzers, einer Mutter von Kindern, eines alten Mannes oder eines gehörlosen Menschen. Dieser neue Blickwinkel verändert uns garantiert.
So wie es die biblische Pfingstgeschichte erzählt. Das Kraftfeld des Heiligen Geistes ist es, das die Menschen hier verändert: Die Jüngerinnen und Jünger sind achtsam, kommen einander mutig in aller Verschiedenheit näher. Sie trauen sich, die Blickrichtung zu wechseln vom ICH zum DU zum WIR!
Die Heilige Geistkraft erleben - damals vor 2000 Jahren genauso wie heute - als lebendige dynamische Lebenskraft. Als Energie, die aus Gott in uns Menschen hineinfließt, uns ganz erfasst und zur Begegnung mit anderen führt. Das ist für mich Pfingsten!
Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus, Amen.

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