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Lass Dich überraschen!
Autor: Lass Dich überraschen! Das könnte das Motto des Pfingstsonntags sein. Denn der Heilige Geist, um den es am Pfingstfest geht, ist immer für Überraschungen gut.
Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Mein Name ist Joachim Römelt, ich bin Pfarrer der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp.
- 1. Musik- Track 2 Cancao do Mar, Quadro Nuevo, CD Grand Voyage Lieder einer großen Reise, GLM Music, 2010 Fine Music, LC 11188.
Autor: Ach, Herrgott, Pulaski würde sich im Grabe umdrehen, wenn er seinen Rasen hier sehen würde. Verdammte Schlitzaugen, warum mussten die auch in diese Gegend hier ziehen?
Sprecherin: Sagt Walt Kowalski, als er seine neuen Nachbarn beobachtet. Walt Kowalski ist eine Figur aus dem Film Gran Torino von und mit Clint Eastwood und ein alter Veteran des Koreakriegs. Er hat viel einstecken müssen: Er hat den Niedergang der Autoindustrie in Detroit erlebt, für die er ein Leben lang gearbeitet hat. Er hat seine Frau verloren. Und er erlebt kopfschüttelnd, wie immer mehr Menschen asiatischer Herkunft in sein gutes altes alteingesessenes Stadtviertel ziehen. Als eine Familie des Volkes der Hmong aus Vietnam direkt ins Nachbarhaus zieht, macht er keinen Hehl aus seiner Abneigung. Er schleudert der Familie rassistische Sprüche entgegen und gibt ihr deutlich zu verstehen, dass er mit ihr nichts zu tun haben will.
Autor: Wenn man die ersten Begegnungen zwischen Walt Kowalski und seinen Nachbarn erlebt, hat man schnell das Gefühl: Das kann nichts Gutes geben. Da treffen Welten aufeinander. Da beäugen Kowalski und die Großmutter der Nachbarsfamilie einander mehr als misstrauisch. Da prallt die Freundlichkeit anderer Familienmitglieder völlig an den Vorurteilen und dem Missmut von Kowalski ab. Einen Menschen, der ein Leben lang seine Vorurteile genährt und verfestigt hat, wird man nicht mehr ändern.
Sprecherin: Thao, der Junge der Hmong-Familie von nebenan, versucht, Kowalskis kostbaren Wagen zu stehlen. Einen Gran Torino. Die Gang seines Cousins hat ihn dazu gezwungen. Kowalski erwischt den Jungen, wirft die Gang von seinem Gelände und beschützt Thao damit unfreiwillig. Thaos Familie besteht darauf, dass der Junge seine Schuld bei Kowalski abarbeitet. Der alte Mann ist alles andere als glücklich darüber und schikaniert Thao mit allen möglichen Arbeiten. Aber trotz aller inneren Widerstände und aller rauen Sprüche beginnt etwas Unerwartetes: Kowalski kommt Thao und seiner Familie näher. Er besucht widerwillig eine Feier der Familie und ist überrascht von deren Gastfreundschaft und der guten Hmong-Küche. Er kommt mit Thaos Schwester Sue ins Gespräch sie erzählt ihm geduldig vieles über ihr Volk und ihre Familie. Und unter der rauen Schale des grimmigen alten Ausländerfeindes beginnt ganz langsam etwas anderes zu wachsen: Verbundenheit mit den so fremden Menschen von nebenan. Kowalski kümmert sich um Thao. Er versucht, ihn vor den Anschlägen der Gang seines Cousins zu schützen. Und setzt am Ende sein Leben dafür ein, die Gang hinter Gitter zu bringen. Und das, ohne selbst Gewalt auszuüben.
2. Musik- Track 11 Gran Torino, von CD I Am Relaxed Interpret Jamie Cullum; Komp. Clint Eastwood, Universal International Music B.V. 2010, LC 01846
Autor: Wie ist das möglich? Dass sich in einem Menschen so grundsätzlich etwas ändert? Dass selbst jahrzehntelang gepflegte Sichtweisen und Vorurteile aufweichen und zur Seite treten? Dass da einer, der fast ein Leben lang in festen Bahnen gedacht und gelebt hat, auf eine neue Spur kommt? Und Zugang findet zu Menschen, die er bisher nur als feindlich und fremd erlebt hat? Meistens heißt es ja: Einer wie er, der ändert sich nicht mehr. Der hat sich so eingerichtet in seinem Misstrauen, da dringt nichts mehr durch.
Da kann eine HmongFamilie noch so dicht an seinem Zuhause wohnen - in Wahrheit bleiben sie Lichtjahre von ihm entfernt. Und dann werden sie plötzlich durchlässig, die meterhohen Grenzen im Denken und Fühlen von Walt Kowalski.
Vielleicht hängt das damit zusammen, dass Kowalski immer wieder unfreiwillig mit seinen Nachbarn konfrontiert ist. Und dass diese unfreiwilligen Begegnungen eben doch Spuren hinterlassen. Der stete Tropfen der freundlichen Worte des fremden Nachbarn höhlt eben doch irgendwann das versteinerte Herz. Und vielleicht steckt ja hinter der rauen Schale und all den fremdenfeindlichen Sprüchen doch ein Herz, das empfindsamer und lernfähiger ist als man gedacht hätte.
All das mag eine Rolle spielen. Aber das Entscheidende ist, dass es überhaupt geschieht. Dass so etwas möglich ist. Dass es in einer Welt, in der so vieles beim Alten bleibt, immer wieder solche unerwarteten Entwicklungen gibt. Aufbrüche, mit denen keiner gerechnet hätte. Dass Menschen zueinander finden, von denen man das nie vermutet hätte.
3. Musik- Track 11 In Christ Alone / Before the Throne of God Above, von David Carnes (Komp. Und Interpret), von CD Journey... A Praise Offering, Mysound Records 2009. LC unbekannt
Autor: Für mich ist die Geschichte von Walt Kowalski eine Pfingstgeschichte. Ganz dicht dran an dem, was in der Apostelgeschichte der Bibel über Pfingsten steht. Auch da wird von einer Situation erzählt, in der eigentlich keine Veränderung zu erwarten ist.
Sprecherin: Die Jünger Jesu sind in einem Haus zusammen. Nachdem Jesus umgebracht wurde, sind sie verunsichert und verängstigt. Fenster und Türen sind geschlossen, die gefährliche Welt wird draußen gehalten. Angst ist in den Köpfen: Was könnte passieren, wenn wir jetzt nach draußen gehen? Wenn wir öffentlich sagen, was wir denken und glauben? Wenn wir uns den anderen zeigen? Den vielen fremden Gästen des Wochenfestes, die gerade in der Stadt sind. Aber auch denen, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Den Leuten in Jerusalem, die auch Kreuzige ihn! geschrien haben. Den Vertretern des Hohen Rates und der Priesterkaste, die ihn loswerden wollten.
Den römischen Soldaten, die durch die Stadt patroullieren. Wer sagt denn, dass sie uns nicht auch gleich mitnehmen?
So denken die Jünger. Und plötzlich geschieht etwas, das die ganze Situation verändert. Etwas, das nicht wirklich greifbar und erklärbar ist. Ein Wind geht durchs Haus und durch die Herzen der Jünger, es kommt frische Luft in ihre verängstigten Gedanken. Und plötzlich ist da neues Feuer, wo alles erloschen war. Die alte Glut beginnt neu zu lodern. Mut wächst ihnen zu. Plötzlich öffnen sie die Türen und gehen auf all die anderen da draußen zu, kommen mit ihnen ins Gespräch. Und was dann geschieht, ist buchstäblich wunderbar: Menschen ganz verschiedener Herkunft und Sprache fangen an, einander zu verstehen. Sie sehen und begreifen, was den anderen treibt, was ihm wichtig und heilig ist. Und plötzlich sind die Grenzen überwunden, die den Umgang sonst so klar bestimmen, und es findet eine echte Begegnung statt.
Autor: Davon erzählt Pfingsten: Von Ereignissen, die man so nicht erwartet hätte. Die sich allein aus ihrer Vorgeschichte nicht wirklich erklären lassen. Die über das hinausgehen, was man normalerweise für möglich halten würde. Und zwar so, dass am Ende etwas Gutes, etwas Heilsames, etwas höchst Lebendiges geschieht. Die Bibel erklärt diese Ereignisse nicht. Aber sie gibt ihnen einen Namen: Sie spricht vom Wirken des Heiligen Geistes. Sie sagt: Hier ist Gott im Spiel. Hier wirkt er auf geheimnisvolle Weise in den Herzen von Menschen. Und bringt etwas in Bewegung. Wer oder was dieser Geist Gottes ist, wird nicht gesagt. Man kann Gottes Geist nicht definieren. Er bleibt etwas Geheimnisvolles. Aber man kann erzählen, was er bewirkt. Oder genauer gesagt: Wenn ich ein Erlebnis mit den Augen des Glaubens betrachte, kann ich es als Wirken des Geistes verstehen.
Sprecherin: So wie Susanne. Sie erzählt überglücklich von einem Gespräch mit ihrer Tochter Lisa. Vor Jahren haben die beiden sich zerstritten. Sich gegenseitig tief verletzt. Jahrelang war Funkstille zwischen den beiden. Nach einer Weile versucht Susanne wieder vorsichtig, mit Lisa Kontakt aufzunehmen. Ohne Erfolg. Lisa weist alle Versuche zurück. Unmöglich, dass dieses Verhältnis noch einmal zu heilen ist.
Und gerade da, als Susanne schon alle Hoffnung aufgegeben hat, ruft ihre Tochter Lisa an. Ein Gesprächsangebot. Die beiden treffen sich und reden. Es ist kein einfaches Gespräch. Viele unangenehme Wahrheiten kommen auf den Tisch, viele Verletzungen von damals sind wieder zu spüren. Nach diesem Gespräch ist nicht alles einfach wieder gut. Aber ein Anknüpfungspunkt ist da. Die beiden bleiben im Gespräch. Und nach und nach wächst etwas Neues zwischen ihnen.
4. Musik Track 4 Holy, Holy, Holy / God of Wonders, von David Carnes (Interpret), Byrd; Steve Hindalong; Dykes; Heber (Komp.), von CD Journey... A Praise Offering, Mysound Records 2009. LC unbekannt
Autor: Was passiert in solchen Situationen? Kann man sagen: So etwas geschieht einfach, ohne dass man Gründe dafür nennen könnte? Es war jetzt einfach dran? Ohne dass wir sagen könnten, warum? Oder darf man sagen: Da ist ein Kraftfeld wirksam geworden, das nicht allein von uns selbst ausgeht, das über unsere eigenen Möglichkeiten und Kräfte hinausgeht. Oder anders gesagt: Da hat der Geist Gottes im Leben von Menschen gewirkt.
- 4. Musik noch einmal kurz -
Autor: Walt Kowalski würde das vermutlich von sich weisen. Und sein Schauspieler und Regisseur Clint Eastwood wahrscheinlich genauso. Beide würden von einem Wirken des Geistes nichts wissen wollen. Und das ist ihr gutes Recht. Es gibt keine Beweise für das, was die Bibel das Wirken des Geistes nennt. Man kann ein und dieselbe Erfahrung unterschiedlich lesen und verstehen. Man sie unterschiedlich deuten. Ich möchte damit rechnen, dass Menschen etwas geschehen kann, das nicht allein aus ihren Möglichkeiten heraus zu verstehen ist. Dass es heilende und verändernde Mächte gibt, in deren Kraftfeld wir alle unerwartet geraten können. Da legt eine ihre Angst ab und verlässt die sichere Umgebung. Da hören Menschen einander zu, die verschiedene Sprachen sprechen und verstehen einander.
Da freundet sich ein alter, misstrauischer Zyniker mit seinen verhassten Nachbarn an und bringt sich für sie in Lebensgefahr. Pfingsten sagt mir: Das gibt es! Das ist möglich! Du kannst es nicht machen, aber Du kannst darum bitten. Du kannst damit rechnen! Du kannst Deine Hände und Dein Herz aufhalten und darum bitten, dass dieses Kraftfeld Dich verändern möge.
Vielleicht haben Sie Lust, liebe Hörerin, lieber Hörer, selber mal zu schauen: Wo habe ich das schon mal erlebt bei mir selbst oder in meiner Umgebung? Dass etwas geschehen ist, was ich nicht mehr für möglich gehalten hätte. Dass eine Geschichte eine Wendung genommen hat, die nicht zu erwarten war. Wo hat sich in meinem Leben, in meiner Seele etwas bewegt, wo ich im Rückblick sagen kann: Das kommt nicht von mir selbst! Das habe ich nicht selbst angestoßen! Da bin ich in das Kraftfeld eines anderen geraten! Lass Dich überraschen von Pfingsten, vom Kraftfeld des Heiligen Geistes.
Belebende Pfingst-Überraschungen wünscht Ihnen Ihr Joachim Römelt von der Evangelischen Kirchengemeinde Solingen-Dorp!
5. Musik Track 2 Naked As We Came, Interpreten Iron & Wine, Komp. Sam Beam, von CD Our Endless Numbered Days, Verlag: Sub Pop Records, 2004. LC 03159
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