Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.05.13; Maike Siebold

Freilandhaltung für Kinder

„Alexander darf das Haus nicht außer Sichtweite verlassen“, erklärt mir die Mutter des knapp 10jährigen Alexs mit Panik in der Stimme.

Sie will ihren Sohn bei uns abholen und ist ganz aufgebracht, weil sich ihr Sohn mit Philo, unserem 8jährigen, zum nahe gelegenen Spielplatz verabschiedet hatte.

Früher spielte ich oft stundenlang mit meinem Bruder im Freien, ohne dass unsere Eltern wussten, wo wir und unsere Freunde genau waren. Der „Streifradius“ – jener Umkreis, in dem sich Grundschüler bewegen – schrumpfte in den letzten 40 Jahren von zwanzig Kilometern auf magere vier. Der Rest der Kontrolle geschieht über „die längste Nabelschnur der Welt“, die Handys. Dabei war die westliche Welt für Kinder noch nie so sicher wie heute. Eine diffuse Furcht vor den Bedrohungen dieser Welt treibt uns Eltern dazu, jeden Schritt unserer Kinder zu überwachen und den Freiraum immer weiter einzuengen. Das führt dazu, dass nachts die komplette Stromversorgung des pubertierenden Sohnes unterbrochen wird, damit er nichts Unkontrolliertes machen kann sei es zu chatten oder irgendwelche Spiele am PC zu spielen. Mütter richten Facebook-Accounts nur deshalb ein, damit sie „Big-Mama-is-watching-you“ spielen können.

In der Schule mischen viele Eltern auch überall mit und begleiten ihren Nachwuchs selbst noch durchs Abitur. Der Kalender ist nicht mehr geprägt durch ihre eigenen Termine, sondern gefüllt durch die anstehenden Klausuren, Musik oder Trainings-Termine ihrer Kinder.

Da ziehen die Mütter ihre achtjährigen Söhne nach dem Fußballspiel in der völlig überfüllten Umkleidekabine lieber eigenhändig um, weil es schneller geht. Wenn wir bereit sind, jederzeit helfend einzugreifen und unseren Sprössling zu beschützen, schaden wir unserem Nachwuchs mehr, als das wir ihm nützen.

Viele Ängste sind nachvollziehbar, aber die absurde Risikovermeidung ist alles andere als gut: Die Entwicklung des Selbstvertrauens wird gehemmt und damit auch das Selbstbewusstsein. Außerdem leiden die geistige und motorische Entwicklung darunter. Psychologen verzeichnen eine Abnahme der Lebenskompetenz bei Jugendlichen. Sie werden depressiv, weil sie kein Spielfeld mehr haben, Krisen und Enttäuschungen allein zu meistern.

Heute würde Jesus den berühmten Satz aus dem sogenannten Kinderevangelium „Lasset die Kinder zu mir kommen und wehret ihnen nicht“ aus ganz anderen Gründen rufen. Heute müsste Jesus nicht seine Jünger ermahnen, die Kinder zu ihm durchzulassen, sondern die Eltern, sie loszulassen. Alleine, bei einem großen Menschauflauf, durch die Massen, zu einem fremden Mann zu laufen, würde heute kein Elternteil seinem Kind erlauben. Da hieße es dann - mit einer sichernden Hand auf der Schulter: „Du bleibst schön in meiner Nähe“.

Wehret den Kindern nicht, lasst sie los, sich auszuprobieren. In Zeiten der Bibel wurden die Jungs mit 12 Jahren, zu Propheten bzw. zum König berufen. Sie hießen Samuel, Daniel und Salomon. Als Jesus im gleichen Alter mit seinen Eltern bei einem großen Event mit ca.

150.000 Besuchern feierte, fiel es seinen Eltern erst nach einem Tag auf, dass er nicht die Rückreise mit ihnen angetreten hatte. Man vertraute der Aufsicht des Umfeldes und traute seinem Nachwuchs viel mehr zu. Trauen wir unseren Kindern, dem Leben und vor allem Gott mehr zu. Halten wir uns aus dem Leben unserer Kinder so weit wie möglich heraus. Lassen wir sie hinaus ins Leben - mit einer großen Portion Gottvertrauen.

 

Audiobeitrag Freilandhaltung für Kinder


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