Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.05.13; Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Patenkind

Wir haben es geschafft. Sind das, was wir nie sein wollten, sind etabliert. Haben eine Coachgarnitur, eine Schrankwand und eine Mikrowelle.

Die Mutigen unter uns ein paar Aktien, der Rest ein paar Bundesschätze oder das gute alte Sparbuch. Wir haben etwas über. Geld über. Und wollen etwas tun, etwas Soziales. Entweder weil wir in der Kirche sind oder schon ausgetreten - ganz egal. Wir wissen uns geht es gut und anderen nicht. Im eigenen Land und weltweit.

Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Heißt es im Neuen Testament. (Epheser 1,18)

Ja, über ein Patenkind in Indien haben wir schon nachgedacht. Ehrlich gesagt, tun wir das schon seit längerem. Und spätestens wenn Sie sich jetzt über das vereinnahmende „wir“ ärgern, kann ich sie beruhigen. Ab jetzt spreche ich nur noch von mir.

Ich habe sie schon gefunden, die Organisation meines Vertrauens. Mit Spendensiegel und allem drum und dran. Die Kindernothilfe in Duisburg. Immer wieder war ich auf der homepage. Doch geholfen hat das wenig. Da klickt man hin und her zwischen Asien und Afrika … hat die Qual der Wahl.

Also, ein Kind im Alter unseres Sohnes. Das wäre doch optimal. Die könnten sich dann schreiben und eines Tages auch besuchen. Zumindest wir könnten dorthin. Aber nach Tamil Nadu – wollen wir das wirklich? Zu heiß, zu weit, zu unbequem. Und dann der Durchfall. Das bleibt doch nicht aus in Indien.

Aber Afrika ist auch nicht besser mit seiner Malaria. Malaria tropica, das ist doch die, an der man sterben kann. Und dann diese Hitze – diese unerträgliche Schwüle. Mal ganz abgesehen von den Straßenverhältnissen. Das ist doch Stress pur.

Da sind sie also, die Ansprüche und die Bedenken – die Liste ist lang. Alles soll perfekt sein. Das gut aussehende Patenkind, das uns regelmäßig schreibt und am besten in Flughafennähe wohnt. Mit der Folge: Entschieden wird nichts. Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Heißt es im Epheserbrief.

Monate vergehen. Ideen kommen und gehen. Man könnte sich natürlich auch ehrenamtlich engagieren. Vormund werden von einem unbegleiteten minderjährigen Flüchtling, wie es offiziell heißt. Der würde sich freuen über einen festen Ansprechpartner, der sich hartnäckig um Aufenthaltsgenehmigung und Asylverfahren kümmert. Klar – wäre auch eine Möglichkeit. Aber ist man dafür wirklich die Richtige? Mit dem Gesetz und den Ämtern hat man es persönlich auch nicht so. Immer alles so kompliziert. Ach, da wäre doch noch die Hausaufgabenhilfe beim Kinderschutzbund …

Es gibt viele Möglichkeiten sich zu engagieren, zu viele. Und zu viele Bedenken, die einen hindern, sich zu entscheiden. Gott gebe euch erleuchtete Augen des Herzens, damit ihr erkennt zu welcher Hoffnung ihr von ihm berufen seid. Und ich füge hinzu: Möge Gott uns die Kraft geben, dass wir uns entscheiden. Wir haben jetzt ein Patenkind. Endlich. Kajol ist alles andere als perfekt. Sie ist nicht hübsch, wird uns vermutlich niemals schreiben und wohnt auch nicht in Flughafennähe. Sondern in den Bergen in einem der ärmsten Bundesstaaten Indiens. Trotz harter Feld-und Lohnarbeit hat ihre Familie nicht genug zu essen. An einen Schulbesuch wäre ohne die Unterstützung der Kindernothilfe nicht zu denken. Danke Kajol, dass du unser Patenkind bist. Von dir haben wir schon viel gelernt. Nämlich dankbarer für das zu sein, was wir haben – für unseren unermesslichen Reichtum.

 

Audiobeitrag Patenkind


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