Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.05.13; Pfarrer Eko Alberts

Kein Nest hier

Liebe Hörerin, lieber Hörer, wie wichtig uns manche Erlebnisse sind, merken wir oft erst, wenn wir darüber erzählen.

Wir nehmen sie noch einmal in den Blick und betrachten sie genauer. Wie die Muscheln, die wir am Strand aufgesammelt haben oder den besonderen Stein von der Bergwanderung. Die Blumen der Bergwiese, das blaue Meer, das leckere Essen, die guten Gespräche sind wieder gegenwärtig. Das gewinnt Kraft und kann uns berühren. Der „spirit“, der Geist des Erlebten geht mit uns und bereitet auf Neues vor. -

So ging es auch den Menschen, die ihre Erlebnisse mit Jesus von Nazareth hatten. Als er nicht mehr bei ihnen ist, sind sie viel zusammen. Sie beten. Und sie erinnern sich. Und weil sie nun nicht so genau wissen: Was wird aus uns? Und wo bleiben wir? Wo sind wir in dieser Welt wirklich zu Hause? erinnern sie sich auch an die Heimatlosigkeit im Leben ihres Meisters. Jesus kam nie irgendwo richtig an, war nie richtig geborgen. Sie erzählen und bewahren es auf für das Gedächtnis der Christengemeinde, die später entsteht.

„Weißt du noch, “ sagt eine Jüngerin, „damals als wir mit dem Meister vom Norden nach Jerusalem zogen? In einem Dorf wollte man uns nicht aufnehmen. Und dann gingen wir weiter. Ich weiß nicht, wer das auch noch mitbekommen hat, was dann passierte, aber ich war grad in der Nähe.“

„Was war denn los, was geschah denn da?“

„Da kam einer und bot Jesus an: Ich will dir folgen, wohin du gehst.“

„Und?“, fragt ein anderer Jünger, „Ist er? Wer von uns hier ist es gewesen?“

„Tut nichts zur Sache“ sagt die Jüngerin. „Aber was unser Meister sagte, das hab ich mir gemerkt: `Die Füchse haben Gruben, und die Vögel unter dem Himmel haben Nester; aber der Menschensohn hat nichts, wo er sein Haupt hinlegen kann.` Und weißt du, das trifft es doch, oder?“

„Ja, du sagst es. Und nicht nur er hatte keinen Rückzugsort, wir haben hier doch auch keine bleibende Statt. Was haben wir schon? Und was liegt vor uns? Wie sicher sind wir in unserem Leben?“ Der Jünger wirkt unsicher.

„Wir sollten uns darüber schon im Klaren sein: wer ihm folgt, bucht keine Komfort-Reise durch das Leben“, beendet die Jüngerin das Gespräch. -

Liebe Hörerin, lieber Hörer, dieses Reden und Austauschen der Jüngerinnen und Jünger Jesu hat nie aufgehört. Im Erzählen wird das Erlebte bewahrt und gegenwärtig- Bleibt im kulturellen religiösen Gedächtnis. Überall dort, wo Menschen an Jesus von Nazareth erinnern und sich an ihn erinnern lassen. Und dabei spüren sie zum Beispiel, dass sie auch etwas von der Schutzlosigkeit Jesu auf dieser Erde teilen. Sie werden gewahr, dass sie unterwegs sind. Sie bauen sich vielleicht Häuser, richten Wohnungen ein, aber ihre Seele hat hier kein Nest, keine Bleibe. Sie haben eine andere Heimat. Einen anderen Ort ihrer Sehnsucht und Hoffnung. Und das macht sie auf dieser Erde manchmal eben fremd. Sie sind wie Reisende. Aber das ist kein böses Schicksal. Das verbindet sie mit Jesus, der ihnen vorausgegangen ist. Sein Geist macht ihnen Beine. Damit sie auf dem Weg bleiben, hin zum Reich Gottes.

Zur Geburt sangen die Engel von der Ehre Gottes und vom Frieden auf Erden. Solange der auf unserer Erde noch keinen unbestrittenen Platz hat, bleiben alle, die sich an Jesus Christus erinnern, unterwegs.

Aber unterwegs sind wir nicht allein. Das glaubt Pfarrer Eko Alberts aus Bonn.

 

Audiobeitrag Kein Nest hier


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