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Nimanden zurücklassen - Dialogpredigt zu Johannes 14, 15-19
Liebe Gemeinde, liebe Hörerin, lieber Hörer, Zwei Pastorinnen stehen heute auf der Kanzel.
So versuchen wir heutige Erfahrungen und Erfahrungen aus der Zeit Jesu ins Gespräch zu bringen. Jesus sagt: Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Ein Satz, der uns bewegt hat. Wie haben damals die Nachfolger Jesu diesen Satz gehört, und wie kann er uns heute noch Wegweisung geben?
Pastorin 2: Um die Brücke zwischen damals und heute zu schlagen könnten wir der Bedeutung der Wörter nachspüren. In Johannes 14 fällt mir das Wort Waise auf. Jesus bezog das damals zunächst auf seine engen Weggefährten. Die Jünger Jesu ahnten, sie würden sich nach seinem Tod wie Waisen fühlen.
Pastorin 1: Auch heute ist ein Waise im übertragenen Sinn jemand, der oder die sich alleingelassen fühlt. Einer, der aus einem Beziehungsgeflecht hinaus gefallen ist. Eine, die keinen hat, der sich für sie verantwortlich erklärt. Solche Menschen leben unter uns. Manche haben das ja vorhin schon zur Sprache gebracht. Es gibt Menschen, die aus unterschiedlichen Gründen verwaist sind oder sich verwaist fühlen. Obwohl Menschen heute durch vieles abgesichert sind: Krankenkasse, Rentenkasse, Lebensversicherung, Pflegeversicherung, Arbeitslosenversicherung. gibt es so etwas wie Verwaisung. Das dichte Netz hat Lücken. Menschen bleiben zurück. Wer nicht betroffen ist, kann solche Verwaisung leicht übersehen oder ignorieren. Und umgekehrt: Viele Verwaiste machen sich lieber unsichtbar, als dass sie Solidarität einfordern. So leiden sie oft, ohne wahrgenommen zu werden. Ich will euch nicht als Waisen zurücklassen. Dieser Satz ist anders. Jesus geht davon aus , dass Menschen allein bleiben. Er macht ein Angebot. Doch wie wird Jesu Versprechen greifbar? Wie wird es konkret?
Pastorin 2: Ich versuche mich in die damalige Situation zu versetzen und nehme an, die Jünger ahnten, dass Jesus nicht mehr lange bei ihnen sein würde. Sie bemerkten, dass Jesus sie auf diese Zeit vorbereitete. Er tat das durch den Gedanken der Gemeinschaft. Das hatten sie ja zusammen gelebt und erlebt: Jede und jeder der Jünger hatte im eigenen Leben erfahren: Menschen, die glauben, werden Teil einer neuen Gemeinschaft. Durch die Verbindung zu Jesus entstand eine Zusammengehörigkeit, die neu war. Bis dahin fremde Menschen lebten so eng zusammen, wie sie es nur in Familien erlebt hatten. Sie teilten ihren Alltag, waren füreinander da, wenn es jemandem schlecht ging. Niemand blieb allein. Keiner musste sich als Waise fühlen. Je besser das gelang, wirklich zusammen zu halten, desto mehr wurde spürbar, dass ein guter Geist herrschte. Jesu Geist. Der versprochene Tröster.
Pastorin 1: Heute bezeichnen wir so einen Zusammenhalt als Solidargemeinschaft. Heutzutage gibt es so viele Versicherungen, dass die meisten gar nicht mehr wissen, was Solidarität ist. Mehr und mehr habe ich den Eindruck, jeder ist für sein Glück und für die Vorsorge selbst und allein verantwortlich. Solange es Menschen gut geht, meinen viele: ich schaff das schon allein. Und wenn es dann nicht mehr geht, fühlen viele sich einsam. Da ist uns wohl etwas Wichtiges verloren gegangen.
Pastorin 2: Mich begeistert beim Blick in die Zeit Jesu, wie stark diese Erfahrung für einzelne Menschen war. Sie veränderte ja das ganze Leben. Die Evangelien stellen das ja so dar: Menschen, die das Gebot der Nächstenliebe erfüllten, erfuhren den Geist Gottes. Sie sahen ihr Leben in einem neuen Licht. Was ihnen wichtig war, veränderte sich.
Pastorin 1: Nach solchen Veränderungen sehnen sich ja heute noch Menschen. Vor allem dann, wenn sie sich wie Waisen fühlen.
MUSIK
Pastorin 1: Menschen wünschen sich Zusammenhalt. Wer möchte nicht liebevoll gepflegt werden? Wer möchte nicht von einem sozialen Netz aufgefangen werden, wenn er in Schwierigkeiten gerät? Doch gleichzeitig fällt uns das heute auch unglaublich schwer: an andere denken; unsere Interessen zurücknehmen; das Wohl aller in einer Gemeinschaft zu fördern, anstatt nur auf meinen Profit zu achten. War das bei den Jüngern anders? Oder besser, was denkst du, hat die Jünger bewogen, anders zu leben? Und wie sah das denn wohl praktisch aus? War Ausgrenzung, Verwaisung, Vereinsamung gar kein Thema mehr?.
Pastorin 2: Doch sicher war das ein Thema. Damals waren die Menschen auch unterschiedlich. Unter den ersten Christen waren reiche Geschäftsleute und arme Tagelöhner. Da waren Männer und Frauen. Gebildete, die lange zur Schule gegangen waren und einfache Fischer. Dass wirklich keiner auf der Strecke blieb, war damals genauso eine große Herausforderung wie heute. Es gelang nicht immer. Doch Menschen erlebten: Diese neue Gemeinschaft verändert mich so, dass ich hoffnungsvoll lebe und wieder daran glaube, dass zusammen leben gelingen kann., Diese Erfahrung war stärker als die Enttäuschungen. Was mir besonders wichtig ist: Der Zusammenhalt, diese christliche Gemeinde wurde so stark und so verbindlich erlebt, wie man das nur aus Familienzusammenhängen kannte. Daher kam es ja, dass man sich in der Gemeinde als Bruder und Schwester verstand.
Diese Zugehörigkeit zur Gemeinschaft hat man sich nicht nur ausgesucht und beliebig gewählt, sondern durch die Taufe wurde man so verbunden, dass einen nichts mehr von Gott und der Gemeinde trennen kann. Eine Familie sucht man sich nicht aus. Man wird ein Teil von ihr. Im Leben durch die Geburt. Im Glauben durch die Taufe. Dann gehört man zu der Familie, ob es den anderen passt oder nicht. Man ist Teil, ob einem die anderen sympathisch sind oder nicht. Eine Verbindung, die da ist. Das ist tatsächlich ein Blickwechsel, es ist die Erfahrung: nun bin ich nicht mehr allein.
Pastorin 1: Aus heutiger Sicht braucht es schon einiges, um das nachzuvollziehen. Heute betonen wir doch viel mehr die Individualität. Viele Menschen stellen ihre Einmaligkeit, ihre besondere Persönlichkeit in den Vordergrund. Es ist überhaupt nicht mehr selbstverständlich, dass in einer Familie zusammen gehalten wird und das einer für die andere da ist. Es trifft auf noch mehr Bewunderung, weil es eben nicht selbstverständlich ist, dass Menschen sich für andere einsetzen. Und gleichzeitig, diejenigen, die das tun, die sprechen ja davon, wie gut es ihnen selber tut. So habe ich die Mitarbeitenden in der Tafel erlebt und verstanden: Das Geben und Anteilnehmen macht einen selbst zufrieden. Auch von Menschen, die in der Pflege arbeiten, habe ich das schon gehört: Ja, einerseits ist es anstrengend, aber gleichzeitig bleibt einem so deutlich, worauf es im Leben ankommt. Wer Nächstenliebe übt, wird verändert. Das eigene Leben wird als sinnvoll erlebt Es ist erfüllt. Dann ist man selber auch nicht mehr alleingelassen, verwaist, sondern Teil einer Gemeinschaft. Nur wie weit soll das gehen?
MUSIK
Pastorin 2: Um auf deine Frage zurückzukommen zitiere ich noch mal aus dem Gespräch in Johannes 14: Ihr kennt den Geist, den die Welt nicht erkennen kann. Ich komme zu euch. Ich lasse euch nicht als Waisen zurück. Schon damals war also klar: wer so lebt, stellt das, was in der Welt so üblich ist, in Frage. Damals war die Welt ja auch nicht in Ordnung: es gab politische Schwierigkeiten, ungerechte Verteilung von Wohlstand. Es gab furchtbare Einzelschicksale, Naturkatastrophen und die unterschiedlichste Erfahrung von menschlichem Leiden. Darauf bezieht sich Jesus ja: er sieht ja, dass es schwer zu verkraften ist, und dass das Leiden die Jünger womöglich überfordern wird. In diese Situation hinein betont er: Trost findet Ihr im Zusammenhalt und in der Verbundenheit mit Gott.
Pastorin 1: So geht das also: Darauf vertrauen, dass ich untrennbar mit Gott verbunden bin. Darin für sich selber Kraft finden. Und dann diese Kraft dafür einsetzen, andere Menschen zu unterstützen. So kommt etwas in Bewegung: Menschen erleben, wenn ich mich darauf einlasse, verändert sich mein Leben. Ohne sich darauf einzulassen, bleibt es vielleicht nur eine interessante Weltsicht. Aber so wird das Versprechen Jesu wahr. Vermittelt über das, was Menschen für andere tun. Der Charme dieser Erfahrung ist, dass der christliche Glaube sich nicht in frommen Sprüchen erschöpft. Was denkst du, würde ein Jünger aus der damaligen Zeit uns dazu noch sagen?
Pastorin 2: Aus der damaligen Sicht würden uns die Jünger Mut machen, wenn sie von unseren Projekten wie Tafel und Diakonie und Runder Tisch Asyl hörten. Sie würden vielleicht sagen: Ihr habt Problem-Ecken in eurer Gesellschaft wahrgenommen. Habt hingesehen, wo Menschen sich wie Waisen fühlen. Und habt dann angefangen, mit kleinen Schritten die Verwaisung aufzubrechen. Das ist der richtige Ansatz: sich berühren lassen von der Not, die vor Ort da ist. Oder anders gesagt: den Geist Gottes, den anderen Tröster, wirken lassen.
Pastorin 1: Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.
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