Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

09.05.13; Pfarrer Michael Opitz

Himmelsstürmer oder Erdenbürger?

Autor: In den nächsten Stunden geht es los. Etliche sind wieder unter freiem Himmel unterwegs. Denn heute ist Christi Himmelfahrt.

Sie wandern, fahren Rad, sehen sich satt an der Natur, küssen sich unterm Fliederbusch – je nach Wetter mit Regenschirm oder ohne, flanieren über Promenaden – die männliche Spezies bisweilen mit einem Fässchen Bier im Schlepptau… ist ja schließlich „Vatertag“. Heute wollen alle „draußen“ sein.

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer! Ich heiße Michael Opitz und bin evangelischer Pfarrer in Düsseldorf.

1. Musik: Till Brönner, „Highway To Heaven“ (00.00. – 00.55 / Track 3) / LC 00383

Was suchen die vielen Menschen eigentlich draußen? Ein Stück „Himmel“ vielleicht – auch wenn sie gar nicht religiös sind? Ein Stück Himmel --- was heißt das?

Autor: Reden über den Himmel – das tun wir ja reichlich. Nicht nur in den Kirchen. Und dabei kommt der Himmel verblüffend gut weg. „Himmlisch“ ist eine unserer höchsten Steigerungsformen. Die mehr-als-köstliche-Pizza – einfach himmlisch. Ein „himmlisches Vergnügen“ verspricht uns die Werbung, wenn wir das richtige Auto kaufen. Urlaubsziele, Kleidung, Essen, Trinken, all das kann „himmlisch“ sein. „Himmlisch“ – das ist die Erfüllung von Träumen und Wünschen. „Wie im siebten Himmel“ – so fühlen sich denn auch alle, die solche Genüsse erleben dürfen. Früher sagte man ‚mal von Verliebten: „Die himmeln sich gegenseitig an“, „die heben sich im Ansehen bis in den Himmel…“ Und sollte einmal alles Wünschenswerte erreicht und alles Lästige beseitigt sein, dann, so hoffen viele, haben wir den „Himmel auf Erden“.

2. Musik: Nils Landgren, „Himmel“ (01.12 – 02.00 / Track 1) / LC 07644

Autor: Interessanterweise will, obwohl es doch so schön dort ist, keiner im Himmel sein. Jedenfalls noch nicht. „Im Himmel sein“, „In den Himmel kommen“ – das haben wir für die vorgesehen, die schon gestorben sind. Auf Erden zu leben ist allemal attraktiver als tot und im Himmel zu sein. Und dann steht der Himmel ja auch noch für alles, was nicht so ganz Ernst zu nehmen ist, für Phantasien und Hirngespinste. Ein prominenter, ironischer Zeuge einer solchen Verklärung des Himmels war Heinrich Heine, zu hören in seinem „Lied des kleinen Harfenmädchens“:

Sprecherin:
Sie sang von Liebe und Liebesgram,
Aufopfrung und Wiederfinden,
Dort droben, in jener besseren Welt,
Wo alle Leiden schwinden.

Sie sang vom irdischen Jammertal,
Von Freuden, die bald zerronnen,
Vom Jenseits, wo die Seele schwelgt,
Verklärt in ewigen Wonnen.
(…)

Ein neues Lied, ein besseres Lied,
O Freunde, will ich Euch dichten!
Wir wollen hier auf Erden schon
Das Himmelreich errichten.
(…)

Es wächst hienieden Brot genug
Für alle Menschenkinder,
Auch Rosen und Myrten, Schönheit und Lust,
Und Zuckererbsen nicht minder.

Ja, Zuckererbsen für jedermann,
Sobald die Schoten platzen!
Den Himmel überlassen wir
Den Engeln und den Spatzen.

(Heinrich Heine: Deutschland. Ein Wintermärchen. Caput I.)

Autori: „Den Himmel überlassen wir den Engeln und den Spatzen…“ Ist es das, was wir tun sollten? Und hier auf der Erde das Himmelreich zu errichten suchen? Als Christ lese ich in der Bibel vom Himmel, in den der auferstandene Christus aufgefahren ist. Was ist das für ein Himmel? Gibt es einen Weg dahin? Und wo verläuft er?

3. Musik: Mike Sheridan, „Som Regn Fra en Skyfri Himmel“ (00.32 – 01.08 / Track 2) / LC ???

Autor: Auf dem Vorplatz des Kulturbahnhofs in Kassel steht ein bekanntes Kunstwerk. Eine Skulptur, eine mächtige Stange aus Stahl, silbrig glänzend, 25 Meter lang. Sie zeigt in einem Atem beraubenden Steigungswinkel von 63 Grad nach oben. Auf der Stange sieht man in zweidrittel Höhe eine Männerfigur eilig nach oben schreiten. „Man walking to the sky“ nannte der Künstler Jonathan Borofsky seine Arbeit. Die Kasseler sagen einfach: „Der Himmelsstürmer“.

Ein Mann in Alltagskleidung, lebensgroß, so, als wäre er soeben von der Straße gekommen, geht Richtung Himmel. Scheinbar ohne Mühe. Auf glatter Stange. Ohne Zögern – als wüsste er genau, wohin es ginge. Und als Betrachter weiß man nicht: Ist dieser Mann ein „Aussteiger“, einer, der einen persönlichen Höhenflug antritt, der den Superthrill sucht? Oder verkörpert er die uns alle antreibende Spirale: Immer weiter und mehr, immer höher hinaus?

Aber bald ist das Ende der Fahnenstange erreicht – und der Mann will offenbar weiterlaufen, mit offenen Augen dem Absturz entgegen…

Denn noch hält die Schwerkraft unsere Körper auf der Erde gefangen. Hat er etwa das tödliche Spiel des Lebens durchschaut? Dann wäre er einer, der aussteigt aus der allgemeinen Betriebsamkeit. Einer, der einen neuen Weg geht, den es noch nicht gibt – einen Weg in Richtung Himmel, voller Hoffnung, dass da noch mehr ist, als ich hier auf der Erde erlebe und sehe. Was ist dieser neue Weg, den es noch nicht gibt?

4. Musik: Rodrigo y Gabriela, „Stairway To Heaven“ (00.00 – 00.32 / Track 5) / LC 13981

Autor: „Wir machen den Weg frei.“ So wirbt ein bekanntes Geldinstitut für sein Geschäftsmodell. Im Neuen Testament wirbt Jesus von Nazareth um die Menschen mit einem ganz ähnlichen Motto:

Sprecherin: „Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater denn durch mich.“ (Johannes 14,6)

Autor: Der Weg, den Jesus frei macht, ist nicht der Weg in die Welt der Luxusgüter, in den gesellschaftlichen Wandel oder zum irdischen Paradies. Jesus macht den Weg frei in den Himmel – sagt die Bibel. Mit seiner Himmelfahrt macht er den Weg frei für die Himmelfahrt der Menschen. Und seine Himmelfahrts-Parole lautet:

Sprecherin: „Wenn ich erhöht sein werde von der Erde, so will ich alle zu mir ziehen.“ (Johannes 12,32)

Autor: „… so will ich alle zu mir ziehen.“ Da geht es um die Himmelfahrt des Menschen. Was, wenn es dabei gar nicht um eine räumlich-zeitliche Flugbahn in die Höhe ginge, wenn Himmelfahrt gar keinen transzendentalen Ortswechsel, keine letzte Reise in höhere Sphären bedeutet?

Was sollte denn attraktiv daran sein, im Weltraum zu trudeln und Gott dabei doch nicht zu finden – wie es dem russischen Kosmonauten Gagarin in den Mund gelegt wurde, der als erster Mensch im Weltall unterwegs war.

Der Himmel in der Bibel bezeichnet nicht einen Raum in luftiger Höhe, versetzt nicht einen unveränderten Menschen an einen ungleich angenehmeren Ort, sondern der Himmel der Bibel bedeutet:

Himmel ist die beste aller Lebensweisen, die uns auf Erden passieren kann. Das Himmelfahrtfest kann dazu verleiten, zu sehr in die Ferne zu blicken, zu denken:
Jesus ist in den Himmel gefahren – das muss weit weg sein, für uns unerreichbar. Und wir schieben damit Gott selbst ganz weit aus unserem Leben hinaus, so weit, dass wir schließlich gar nicht mehr glauben können, er habe noch etwas mit uns zu tun. Aber Gott ist da, heißt es in der Bibel.

Gott ist nicht da, wo der Himmel ist, sondern der Himmel ist da, wo Gott ist. Und Gott ist in allen und allem zu finden, wie Martin Luther immer wieder betont hat. Wir finden Gott nicht, wenn wir nach oben, sondern wenn wir nach vorne blicken, wenn wir die Welt sehen, in der wir leben, wenn wir die Menschen sehen, mit denen wir leben. Natürlich – es kann dauern, bis man den Himmel nicht mehr oben und Gott nicht mehr in einem prächtigen Haus in den Wolken sucht.

Sondern im Vorläufigen, im Unfertigen. In der Zärtlichkeit zweier Liebender, die sich zu zweit erst „ganz“ fühlen. In der Musik eines Straßenmusikers, die mich beim Bummeln in der Einkaufspassage überraschend berührt. Im farbenfrohen Bild eines psychisch Kranken. In der Nachbarschaftshilfe, in der Schuldnerberatung, in der Altenpflege. In immer neuen Anläufen zu mehr Nähe und Verständnis zwischen den Konfessionen. In der mutigen öffentlichen Rede, in Zeichen von Zivilcourage, wenn einer neben mir bedroht wird. Menschen sind Ort Gottes. Gott ist Mensch geworden. Menschen sind ein Ort, an dem man Gott begegnen kann. In allem, was das Herz weitet, den Mut größer werden lässt, die Angst mindert, die Schritte freier, den Gang aufrechter und die Augen froher macht.

5. Musik: Rodrigo y Gabriela, „Stairway To Heaven“ (01.05 – 01.37 / Track 5) / LC 13981

Autor: Als Jesus vor ihren Augen in den Himmel entschwindet, heißt es in der Bibel, gehen die Anhängerinnen und Anhänger Jesu schließlich zurück in ihre Lebenswelten.
Tun, was sie vorher auch getan haben. Zum Teil in ihren alten Berufen. Zum Teil auch konzentriert auf ihre neue Berufung: Sie sagen das weiter, was sie von Jesus gelernt haben und versuchen selbst, dementsprechend zu leben. Sie glauben an den Himmel und wenden sich der Erde zu. Ihr Weg führt sie in die Horizontale, nach nebenan. Die Weite des Himmels finden sie in der Nähe, auf dem Weg des Lebens, gleich bei den Menschen, die sie treffen.

6. Musik: Madeleine Peyroux, „This Is Heaven To Me“ (00.13 – 01.07 / Track 4) / LC 01846

Autor: Menschen sind fähig zu einer neuen Perspektive auf ihr Leben. Aber dazu braucht es Mut, Ermutigung…

Zwei Männer sind es, erzählt die Himmelfahrtgeschichte an ihrem Ende, die die Anhängerinnen und Anhänger Jesu ansprechen – als sie so dastehen, von ihrem Bruder und Herrn scheinbar verlassen, zum Himmel blicken und von einer besseren Welt träumen. „Was steht ihr da und starrt in den Himmel?“, hören sie die Männer fragen. Und sie erinnern sich an ihre Aufgabe, an das, was sie von Jesus gelernt haben und in ihrem Alltag in die Tat umsetzen können:

„Geht und lasst andere Menschen etwas von der Liebe Gottes spüren. Lacht mit den Lachenden und weint mit den Traurigen. Besucht die, die einsam sind, steht denen bei, die krank sind und erweckt die, die schon vom Leben Abschied genommen haben, zu neuer Lebendigkeit.“

Wenn Menschen solches tun und wenn sie ein solches Handeln an sich selbst erfahren, können sie etwas erleben – ein Stück Himmel auf Erden. Christi Himmelfahrt – ein Tag, der uns daran erinnern will, dass wir unseren Platz auf der Erde haben und nicht im Himmel. Uns allen einen himmlischen Tag! Ihr Pfarrer Michael Opitz von der evangelischen Kirche in Düsseldorf.

7. Musik: Madeleine Peyroux, „This Is Heaven To Me“ (01.36 – … / Track 4) / LC 01846

Musikinformationen:
1) Till Brönner / Titel: "Highway To Heaven" / Komponist: Till Brönner / CD: "Midnight" / Verlag: Universal / LC: 00383

2) Nils Landgren / Titel: "Himmel" / Komponist: Nils Landgren / CD: "Christmas With My Friends II" / Verlag: Act (Edel) / LC: 07644

3) Mike Sheridan / Titel: "Som Regn Fra En Skyfri Himmel" / Komponist: Mike Sheridan / CD: "I Syv Sind" / Eigenverlag Mike Sheridan / Keine LC-Nummer

4+5) Rodrigo y Gabriela / Titel: "Stairway To Heaven" / Komponisten: Jimmy Page & Roger Plant / CD: "Rodrigo y Gabriela" / Verlag: Pias / LC: 07800

6+7) Madeleine Peyroux / Titel: "This Is Heaven To Me" / Komponist: Frank Reardon-Ernest Schweikert / CD: "Careless Love" / Verlag: Universal / LC: 01846

 


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen