Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.05.13; Pastor Sebastian Begaße

Genuss ohne Reue

Neulich im Restaurant: Wir sitzen gemütlichen zusammen, haben unsere Bestellung aufgegeben und freuen uns auf das Essen.

Ich mache es mir bequem, da fällt mein Blick auf eine rustikale Tafel neben mir. „Denke bei dem Genuss, dass auch der Arme leben muss.“, steht da in alten Buchstaben.
Der Satz überrascht mich – so was in einem Restaurant zu lesen. Bis das Essen kommt, haben wir viel über diesen Reim gesprochen. Ich finde das nur fair: Wenn es mir gut geht, dann soll ich die anderen darüber nicht vergessen. Vor allem nicht die Armen. Die Armen haben was mit meinem Essen zu tun. Irgendwie passt der Gedanke zwar nicht zu einem gemütlichen Abend in einem Restaurant. Aber ich komme doch ins Nachdenken.

Ich blättere noch mal in der Speisekarte: Eine Tasse Kaffe: 2,50 €. 148 Liter Kaffee trinken die Deutschen im Jahr1. Was verdient eigentlich so ein Kaffeepflücker auf einer Plantage?, frage ich mich. In Guatemala zum Beispiel - einer der ärmsten Kaffeeregionen der Welt - arbeiten mehr als 900.000 Kinder auf den Kaffeeplantagen. Sie gehen nicht zur Schule und leben dort unter menschenunwürdigen Bedingungen. Maximal verdienen sie 4 € täglich – für 46 Kilo Kaffeekirschen, wenn die ganze Familie mithilft.
Und auch das reicht kaum aus, um die Kosten für Essen und Kleidung der Familie zu decken. Eine Tasse köstlichen Filter-Kaffees aus Guatemala kostet mich gerade mal 5 Cents, wenn ich sie mir zuhause mache.

Meist bin ich dann doch nicht bereit, mehr Geld für den Kaffee zu zahlen. Obwohl ich weiß, was schon in der Bibel steht:

„Stellt euch vor: - heißt es da- Ein Bruder oder eine Schwester hat keine Kleider. Ja, nicht einmal das tägliche Brot zu Essen. Einer von euch könnte nun zu ihnen sagen: `Friede sei mit euch. Ihr sollt es warm haben und satt sein!` Was nützt das, wenn ihr ihnen nicht gleichzeitig gebt, was sie zum Leben brauchen?“ (Jakobus 2,16)

Ich blättere weiter in der Speisekarte: Jetzt bin ich im Thema. Woher kommen die Gemüsebeilagen? Von einem Bauernhof aus der Region – oder aus einem spanischen Gewächshaus? Eine Tomate fährt über 2000 Kilometer, bis sie auf meinem Teller landet. Was für ein Aufwand! Wie kommen die hohen Transport- und Energiekosten überhaupt wieder rein? Doch auch nur wieder durch billige Arbeitslöhne. Über die Umweltbelastung will ich erst gar nicht anfangen nachzudenken.

Mein letzter Blick wandert zu den Fleischgerichten. Mir fällt der Pferdefleisch-Skandal ein, der vor einigen Wochen aufgedeckt wurde. Jedesmal, wenn ich etwas esse, muss ich mich darauf verlassen können, dass es mir nicht schadet.

Ich vertraue darauf, dass jemand anderes die Nahrung nicht mit Pestiziden oder Medikamenten vergiftet hat, dass alles frisch und sauber verpackt und transportiert wurde. Einige missbrauchen dieses in sie gesetzte Vertrauen – und machen damit ein dickes Geschäft.

Unser Essen kommt! Es ist heiß, sieht lecker aus und schmeckt gut. Wohl auch, weil ich heute einmal sehr bewusst die Zutaten erkennen möchte. Und daran denke, wieviel Mühen und Schweiß nötig waren, bis es auf meinem Teller liegt.

Diesen Dienst bezahle ich mit meinem Geld. Ein Dienst, damit ich mich ausruhen und es mir gut gehen lassen kann. Jemand hat auch für mich heute Abend den Tisch gedeckt, wird die Teller abspülen, säubert den Raum und die Toiletten, bringt mir das Essen. Als die Rechnung kommt, gebe ich reichlich Trinkgeld. Wie mein Vater mal sagte: „Wer sich das Trinkgeld nicht leisten will, sollte nicht Essen gehen.“ Recht hat er. Ich habe den Abend trotz der kritischen Gedanken sehr genossen. Ab morgen will ich mir den restlichen Frühstückskaffee lieber noch mal aufwärmen, anstatt ihn wegzuschütten. Und im Supermarkt mal nach Fairtrade- und Gepa-Produkten schauen. Das wird mich nicht ärmer machen. Aber zufriedener – weil ich weiß, dass ich mit meinem Konsum etwas gegen Armut und für die Gerechtigkeit tun kann. Dann macht mir das Genießen noch mehr Freude.

Es grüßt Sie Ihr Pastor Sebastian Begaße aus Dortmund.

1 Quelle:
http://www.gew.de/Arbeitseinsatz_von_Kindern_auf_Plantagen_Guatemalas.html

 

Audiobeitrag Genuss ohne Reue


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