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"Lügen-Bolde"
Alle Menschen sind Lügner. Sie stutzen, lieber Hörerin? Sie sind verwirrt, lieber Hörer?
Bemühen Sie sich nicht von Kindheit an, die Wahrheit und nichts als die Wahrheit zu sagen? Aber geht das überhaupt im Alltag? Denken Sie nur einmal an das nette Abendessen zurück, das Ihre Kollegin für Sie plus Anhang vorbereitet hatte. Und das gutgemeinte Menu war völlig verdampft, verkocht, versalzen, halt total daneben. Sagen Sie dann bei der Verabschiedung: Liebe Marianne, lecker war das Ganze wirklich nicht!? Nein, sie schwärmen geradezu von ihren Kochkünsten. Gelogen oder nicht?
Oder Ihr allerbester Freund war beim Starfriseur und präsentiert sich wahnsinnig stolz in seinem neu aufgedrehten Afrolook. Der sieht aber ganz, ganz furchtbar aus. Würden Sie es dann übers Herz bringen, ihn anzusehen und dabei zu bemerken, dass es haarmäßig gar nicht schlimmer hätte kommen können? Wieder haben sie gelogen, indem sie seine Friseur zumindest als interessant bezeichnen.
Nein, manchmal wollen wir gar nicht die Wahrheit sagen, z.B. dann nämlich, wenn wir einen lieben Menschen nicht verletzen wollen. Also, ich bleibe dabei: Jeden Tag lügen wir alle hier und dort ein bisschen. Psychologen haben sogar nachgezählt, wie oft im Durchschnitt: Das fängt bei der Floskel an: Danke, mir geht es gut, wenn man in Wirklichkeit völlig durchhängt. Und das geht bis zur Verabschiedung Klar, bis später, in dem Bewusstsein, das man die betreffende Person möglichst lange nicht wiedersehen will. Da kommt schon mal täglich ein gutes Dutzend an Lügen zusammen.
Das Gebot: Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten (2.Mose 20,16) bezog sich ursprünglich nur auf eine Aussage vor einem Gericht denn dort ging es tatsächlich manchmal um Leib und Leben. Erst viel später wurde diese Aufforderung ausgeweitet: Du sollst nicht lügen, bleib bei der Wahrheit! Und das Gebot hat ja auch viel Gutes. Wo man sich nämlich in wichtigen Angelegenheiten auf das Wort eines anderen nicht mehr verlassen kann, da zerbricht Vertrauen und am Ende das ganze menschliche Zusammensein. Deshalb werden Falschaussagen bei Gericht streng geahndet. Und zur Wahrheit zu stehen, das gilt etwas und zwar in allen Lebensbereichen, ganz gleich ob in Partnerschaft oder Familie, Schule, Freizeit oder Politik.
Nun hält die Bibel aber Geschichten bereit, in denen das Lügen ganz unterschiedlich beurteilt wird. Zwar wird schon zu Beginn zwischen Schlange, Mensch und Gott ein Täuschungsmanöver gesponnen (1. Mose 3). Und die erste glatte Lüge stammt von Kain, der auf Gottes Nachfrage hin, wo denn sein Bruder Abel wäre, mit seiner Lügenantwort Ich weiß es nicht den Brudermord verschleiern will (1.Mose 4). Aber andererseits geben Abraham und Isaak ihre Frauen als Schwestern aus (1.Mose 12), um zu überleben. Und schließlich durchzieht ein vieldeutiges Netz von Lügen das Leben von Jakob Jakob, dem Lügner (1.Mose 27). Und Petrus lügt auch. Entschuldigt also die Bibel das Lügen als durchaus menschlich und normal?
Ja und nein, da muss man sehr genau hinsehen und unterscheiden. Gott zu belügen führt nicht nur zu nichts, es irritiert auch das wichtigste Vertrauensverhältnis im Leben von uns Menschen. Aber Lügen Menschen gegenüber werden sehr differenziert gesehen. Sie können nämlich und das verbinden wir bis heute mit dem Begriff der Notlüge auch Leben retten, so wie es bei Abraham und Isaak z.B. der Fall war, die ihre Frauen durch eine Notlüge geschützt haben. Selbst die Lügen Jakobs werden später der Rettung einer ganzen Familie dienen. Also aufgepasst, was wir mit unseren Lügen erreichen wollen.
Wenn wir dabei, wie es Martin Luther ausgedrückt hat, unseren Nächsten förderlich und dienstlich sind, kann man manchmal selbst mit einer Lüge Gutes tun meint Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
"Lügen-Bolde"
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