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"Ruf-Mord auf Raten"
Ich freue mich auf den Film. Sitze zusammen mit meiner Frau auf guten Plätzen und bin gespannt, ob die Filmkritik Recht hat:
Ein aufrüttelnder Streifen über die Beziehungs- und Rücksichtslosigkeit in der Großstadt. Dargestellt an einem tödlichen Konflikt in einem Mehrfamilienhaus. Herausragend gespielt von
usw. Die Werbung ist vorbei, da geht die Kinotür mit einem lauten Knall auf, und drei leicht angeheiterte Frauen stolpern in die Dunkelheit, unterhalten sich laut und prosten sich klirrend mit ihren Bierflaschen zu. Vor uns sind drei Plätze frei, das haben sie erkannt, sie plumpsen in die weichen Sessel und reden weiter. Ach ja, ihre Mäntel müssen sie noch ausziehen, also stehen sie drei Mal hintereinander auf. Kichernd. Als ich schließlich freundlich anfrage, ob sie nun zur Ruhe kommen könnten, weil wir doch schließlich alle den Film sehen wollten, dreht sich eine von ihnen halb um und sagt: Dann setz Dich doch woanders hin, Alter! Und die anderen murmeln: So ein Blödmann! Und quatschen weiter. Ein aufrüttelnder Streifen über die Beziehungs- und Rücksichtslosigkeit in der Großstadt? Wozu ein Film, wenn ich das auch live haben kann, denke ich.
Ich habe das Gefühl, dass schon seit längerer Zeit das menschliche Klima in unserer Gesellschaft umzukippen droht. Viele leben als Solisten. Unsere Kinder können zwar schon als Vierjährige eine Fremdsprache lernen, aber sich miteinander freundlich auszutauschen und zu spielen - das fällt vielen Kleinen zusehends schwer. Alles andere wäre auch ein Wunder. Denn auch viele Eltern teilen immer weniger gern - aus Angst, selber zu kurz zu kommen. Dabei sind wir als soziale Wesen jeden Tag auf andere angewiesen.
Klar sind wir sozial, werden einige sagen. So viel Kommunikation wie heute gabs noch nie: Unsere Smartphones öffnen uns die Tür zur weiten Welt. Und wir stehen mit dutzenden Zeitgenossen, Freunden, wem auch immer im Kontakt. Tun wir das wirklich? Ist dieser Hype der weltweiten Verbindung nicht eher ein Schutzschild dafür, dass wir mit unserer nächsten Umgebung nichts mehr anzufangen wissen? Oder andersherum: Weil viele es zusehends verlernen, auf die Bedürfnisse anderer einzugehen, und sich selber mal zurückzunehmen, müssen sie die anderen abqualifizieren: Als Alte, als Blödmänner wie mich, oder auch mal als Volltrottel, Stinkstiefel, Obernörgler. Denn es sind ja im Zweifelsfall immer die anderen, die nur an sich denken und damit der eigenen Lebensentfaltung im Wege stehen.
Ihr wisst, sagt Jesus, dass unseren Vorfahren gesagt worden ist: Du sollst nicht töten. Wer jemanden umbringt, der gehört vor ein Gericht. (Mt 5,21) Und er fährt sinngemäß fort: Ich sage Euch heute dazu: Schon wer auf seinen Bruder oder seine Schwester ungebremst wütend ist, gehört dorthin. Und wer zu einem Menschen sagt: Du Trottel, sollte beim Hohen Rat vorsprechen müssen. Und wer sagt: Du Idiot dem ist das Feuer der Hölle recht nah. (nach Mt. 5,22)
Wer einen Menschen abqualifiziert, ihn oder sie bewusst in der Öffentlichkeit lächerlich macht, der macht den ersten Schritt zu einem am Ende gewalttätigen Übergriff. Man kann nämlich auch mit Worten verletzen und fertig machen. Denn hinter der Bezeichnung Du Alter oder Du Blödmann steckt ja die heimliche Überzeugung, dass das Gegenüber aus Alters- oder Verstandesgründen eigentlich nicht mehr viel in unserer Gesellschaft zu vermelden hat. Und deshalb im Grunde auch unbesehen verschwinden könnte. Ruf-Mord auf Raten sozusagen.
Was für eine Verblendung. Einmal abgesehen davon, dass wir alle schnurstracks auf dem Weg ins Alter sind und manchmal dabei auch unser Gehirn sich ausruht, wir werden nur dann friedlich überleben, wenn wir uns gegenseitig wahrnehmen und schätzen; oder wie Luther es formuliert hat: Wir sollen Gott fürchten und lieben, das wir unserem Nächsten an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und fördern in allen Leibesnöten. Viel Erfolg dabei wünscht Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
"Ruf-Mord auf Raten"
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