Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.04.13; Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius

Schlaflos in Ronsdorf - Gefangene spielen Macbeth von Shakespeare

Autorin: Wir sind heute hinter Gittern - in der Justizvollzugsanstalt Wuppertal Ronsdorf – dem neuen Jugendgefängnis in NRW mit 500 Gefangenen im Alter von 14 bis 21 Jahren:

O-Ton: Ich wusste, dass ich gut Theater spielen kann, aber das mit den Knackis hier, ich bin ja selber ein Inhaftierter, das mit den Leuten, dass sie sich auch unter Kontrolle haben, dass sie nicht nur ausflippen, oder Mist bauen, das war mal eine neue Erfahrung gewesen.

Autorin: erzählt Tim, 22 Jahre alt, seit zwei Jahren inhaftiert. Auf dem Kopf hat er ungefähr 20 Zöpfe. Seine Eltern kamen einst aus dem Kongo. Wenn er Musik hört, muss er sich bewegen. Überhaupt: Still zu sein, ruhig, mal zuzuhören, fällt ihm schwer. Er ist einer von neun Inhaftierten, die in der JVA Wuppertal Ronsdorf Theater spielen: Macbeth von Shakespeare.

O-Ton: Es motiviert mich aus der Zelle rauszukommen, Beschäftigung zu haben, Texte lernen und dass natürlich meine Mutter später hierhin kommt, wenn die mich sieht, das ich mich angestrengt habe, das motiviert mich.

Autorin: Ausgerechnet Macbeth. Dieses blutreiche Stück des einst treuen Generals Macbeth, der seinen König tötet. – Er hatte sich verführen lassen von den Verheißungen der Macht. Hatte sich zunächst gesträubt, gewehrt und war ihnen dann doch erlegen. Nun fließt jede Menge Blut und Macbeth wird langsam wahnsinnig - im wahrsten Sinne des Wortes.

O-Ton: Vom Inhaltlichen her gehen wir davon aus, dass wir alle Macbeth sein können, dass niemand davor gefeit ist, dass er irgendwann mal eine falsche Entscheidung trifft, und darum geht es ja bei Macbeth. Bei dieser klassischen Tragödie, dass der einmal die falsche Entscheidung trifft und dann geht es ziemlich rasant bergab.

Autorin: sagt Peter Wallgram, Regisseur der Wuppertaler Bühnen. Die Theatergruppe ist ein bunter Haufen: Betrüger, Schläger, Einbrecher, Junkies. Laut, aggressiv und frech – zurückhaltend, zuvorkommend, unsicher. Mit den Worten: „Heute mal in Mädchenhose“, wird der Regisseur begrüßt. „Hast dich wohl in der Abteilung vertan“. In der Pause geben sie ihm dann eine Geburtstagskarte für seine Tochter. Sie war am Wochenende zwei geworden. So sind sie halt: frech und wohlerzogen.

Sie alle haben es geschafft – sind gecastet worden für das Theaterprojekt. Denn was keiner glauben wollte, es gab mehr Bewerber als Plätze. Initiiert hatte das Projekt die evangelische Gefängnisseelsorge in Kooperation mit der Justizvollzugsanstalt Ronsdorf und den Wuppertaler Bühnen.

Mein Name ist Sabine Steinwender-Schnitzius. Ich bin Rundfunk-Pastorin beim WDR und habe die Inhaftierten bei den Proben besucht.

O-Ton: Das ist schwer, Texte zu lernen nachts, nicht Fernsehen zu gucken und in der Zelle lesen und auswendig lernen. Das ist schwer, aber wo ein Wille ist da ist auch ein Weg. Das klappt.

Autorin: erzählt Resan aus dem Irak und Tim sagt:

O-Ton: Theater hab ich immer im Fernsehen gesehen, ich hab mir gedacht: Das ist einfach, aber das ist sehr schwer mit den Abläufen immer wiederholen, wiederholen, wiederholen...da braucht man sehr viel Geduld.

Autorin: Sechs Wochen lang proben sie nun - jeden Tag. Verzichten auf Freistunden und auf Besuch. Lernen seitenweise Text auswendig. Nach einem langen Tag: nach Schule, Arbeit und dreistündigen Proben. Ihr Ziel: Die Premiere am 27. April. Das Publikum kommt von draußen. Gespielt wird in der JVA - im Kulturzentrum neben der Knast-Kirche.

MUSIK: Radici, Track 1

Autorin: Die Idee zu diesem ungewöhnlichen Projekt hatte der evangelische Seelsorger Pfarrer Jönk Schnitzius. Natürlich gab es viele Bedenken. Von Kollegen, aber auch von den Inhaftierten. Das weiß auch Tim.

O-Ton: Die Inhaftierten sagen: Ach, die Knackis, die sind doch für nichts zu gebrauchen, die machen doch nur Mist, aber der Pfarrer Schnitzius hat gesagt: „Ich weiß, das ihr es schafft, sonst wärt ihr ja nicht hier.“ Wir werden den Leuten das auch zeigen, das wir dazu fähig sind und das wir keine Taugenichtse sind… wir schaffen das…

Autorin: “Die halten das doch nicht durch. Das schaffen die nie.“ Wer kennt sie nicht, diese Zuschreibungen, die man sich selber gibt oder andere einem geben. So entsteht nach und nach ein bestimmtes Bild, das ich von mir habe. Und das gibt man dann auchnicht so einfach auf. Wer weiß, was danach kommt.

Neue Wege zu gehen, ist schwer. Und wenn es der Abschied von einem negativen Bild von mir selbst ist. Da braucht man jemanden, der an einen glaubt. Umso mehr, wenn man schuldig geworden ist – an anderen. Verklagt und verurteilt und nun hinter Gittern sitzt. Für Jahre - gezeichnet fürs Leben. Pfarrer Jönk Schnitzius:

O-Ton: Im Gefängnis laufen sie dann als der Schläger oder der Junkie oder was weiß ich was. Immer im Blickwinkel ihrer Tat oder ihrer Vergangenheit oder ihrer Herkunft. Jetzt, wenn sie Theater spielen, erleben sie halt was ganz Neues, erleben sie sich anders und können sich auch anders zeigen.

Autorin: Umso wichtiger ist die Arbeit der Seelsorger:

O-Ton: Mit denen kann man reden. Die sehen ja immer das Gute in einem Menschen. Das ist super.

Autorin: sagt Resan aus dem Iran, 21 Jahre. Die Seelsorger stehen für die biblische Botschaft: Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Eben auch zu der Freiheit nicht immer die gleiche Rolle spielen zu müssen. „simul justus et peccator“, ihr seid schuldig und gerechtfertigt zugleich, so hat Martin Luther das auf den Punkt gebracht. Bei Gott gilt: Veränderung, Umkehr ist möglich. Du kannst dich entscheiden, der Versuchung zu widerstehen. Denn „du bist mein geliebter Mensch“, sagt Gott. Trotz allem. Das ist die wichtigste Zuschreibung in deinem Leben. „Du bist Gottes geliebter Mensch“. Vor Gott gilt nicht: Einmal kriminell, immer kriminell. Einmal gewalttätig, immer gewalttätig. Einmal süchtig, immer süchtig. Um Gewalt, Schuld und Verführung geht es auch in Shakespeares Theaterstück Macbeth.

O-Ton: Soll es doch schnell passieren und keine Folgen haben. Wer Unterricht im Blut erteilt, der vom Blut belehrt wird …

Autorin: Nichts bleibt ohne Wirkung. Der Entschluss zur bösen Tat, zieht Böses nach sich. Doch der Entschluss zum Guten eben auch. Dafür braucht man aber mindestens einen, der an einen glaubt.

MUSIK: Radici, Track 1

O-Ton: Wenn ich den Glauben nicht an Gott hätte, dann wüsste ich nicht, wie ich mir selber helfen soll. Zum Glück glaube ich an Gott. Das gibt mir wirklich sehr viel Kraft.

O-Ton: Für mich persönlich liebt Gott jeden Menschen und ist egal, was er gemacht hat: (barmherzig). Gott der Barmherzige. Also, bei Gott ist auch ein Neuanfang möglich. Steckt ja in dem Wort barmherzig.

Autorin: Barmherzig ist Gott, der Herr. Unser aller Gott. Der Gott der Gefangenen. Der neun jugendlichen Inhaftierten, die alle religiös sind, aber bis auf einen keine Christen. Barmherzig sein – mit sich selbst. Sich Dinge zutrauen und zumuten, neue Dinge. Darum geht es bei dem Theaterprojekt der Inhaftierten. Darum geht es für jeden Menschen und dafür braucht es Mut. Die Jugendlichen Inhaftierten haben sich getraut. Mit der Zusage Gottes im Rücken: Du schaffst das .Mit dem Seelsorger, dem Theaterregisseur, dem Assistenten. Nun spielen sie, fünf Tage die Woche, 30 Tage lang, jeder jede Rolle: den König, die Hexe, Lady Macbeth… insgesamt zehn verschiedene Rollen. Das ist keine Schikane, sondern Konzept, sagt Regisseur Peter Wallgram:

O -Ton: Vom Inhaltlichen her gehen wir davon aus, dass jeder alles sein kann und jeder sowohl Opfer als auch Täter… sein kann oder jemand sein kann, der den Täter dorthin bringt, dass er es überhaupt macht, also das klassische Lady Macbeth. Deswegen haben wir gedacht, wir teilen das auf, dass wir die Rollen durchwechseln.

Autorin: Jeder kann alles sein … Opfer, Täter, Anstifter … das ist eine neue Erfahrung …

O-Ton: Mal bin ich der General Banco, mal der König, mal die Hexe und wir sind gerade noch am Lernen. Wir proben noch.

O-Ton: Und ich brauch Ruhe dahinten, ich brauch Ruhe dahinten, Ruhe, gut und los …

O-Ton: Meine erste Rolle war eine Hexe gewesen. Anfangs war das ein bisschen komisch, weil ich hab so gedacht, wenn die Leute mich so sehen, was denken die über mich.

O-Ton: Mir persönlich gefällt am besten der König, ist ja auch so ein Symbol. Wollen wir ja alle sein irgendwie, der König, der die Macht hat.

O-Ton: Halt ihn im Blick, halt ihn im Blick und halt deine Spannung, bis er sagt: Wo ist der Hausherr Das gilt für alle. Das Stichwort ist: Wo ist der Hausherr?

O-Ton: Mein Liebstes, Duncan kommt heute Nacht … wann geht er wieder? Morgen, so hat er es vor. … Nie soll die Sonne aufgehen über diesem Morgen …

O-Ton: Beim Arbeiten aber sind die hochkonzentriert. Da lassen, die sich durchaus auf die Rollen ein und machen ihr Bestes und das ist auch sehr berührend, was die da machen auf der Bühne…

Autorin: so Regisseur Peter Wallgram. Und was hat Pfarrer Jönk Schnitzius bei den Proben am meisten beeindruckt:

O-Ton: dass die Jugendlichen wieder gekommen sind und dass sie diese Belastungen ausgehalten haben, dass sie sich mit dem Text auseinandergesetzt haben, die Konflikte, die in der Gruppe entstanden sind, die natürlich immer entstehen bei so einem Projekt …

MUSIK: Radici Track 1 (2)

Autorin: Eine neue Rolle spielen, auf der Bühne und im Leben. Weil auf der Bühne, deshalb auch im Leben. Sich zeigen. Resan und Mustafa erzählen, was ihnen das bedeutet:

O-Ton: Ich wollte mal was zu Ende bringen. Schule habe ich nicht zu Ende gemacht, Ausbildung habe ich abgebrochen. Ich habe nicht viel erreicht in meinem Leben, aber jetzt versuche ich positiv nach vorne zu schauen. Bis jetzt sieht gut aus.

O-Ton: Wenn man will, wenn man Spaß dran hat, kann man sich ändern, kann man verschiedene Rollen spielen, man muss nur wollen. Solange man das will, schafft man das. Das Theaterprojekt hat auf jeden Fall viel beigefügt in meinem Kopf.

Autorin: Einen Entschluss fassen, eine neue Rolle spielen. Für sich selbst, vor anderen. Mit anderen. Und sich dann zeigen. Auch den anderen. Denen von früher. Der eigenen Familie: Das ist eine Mutprobe ganz neuer Art. Auch für die Inhaftierten, deren Familien zu der Premiere am 27. April kommen.

O-Ton: Meine Familie, wenn die das sehen, die würden nicht glauben, dass ich mich auf so was einlasse, weil die kennen das nicht von mir, dass ich eine Frau vielleicht spiele. Aber die werden sich bestimmt freuen …

O-Ton: Auf jeden Fall ein anderes Bild, das haben die noch nie von mir gesehen. Schauzuspielen - das wird mir vielleicht ein bisschen peinlich, aber das ist kein Problem, das sind meine Eltern, ich möchte denen auch zeigen, dass ich hier drinnen nicht nur am leiden bin, sondern dass ich auch ein bisschen Spaß habe.

O-Ton: Die werden sehr stolz auf mich sein, weil die kennen mich ja auch nicht so. Weil früher hab ich in Klammern jetzt immer den Harten gespielt, wollte immer der Coolste sein und jetzt sehen die mich auf der Bühne Shakespeare spielen, ein Stück von ihm.

Autorin: Neue Rollen ausprobieren - sich einfach mal anders geben. Das wollen die Jugendlichen auch, wenn sie rauskommen.

O-Ton: Ich möchte gerne eine Ausbildung machen als Fachlagerist. Das ist so ein Traum von mir. Weil draußen hab ich das auch gemacht. Hab mein Staplerschein gemacht. Und das liegt mir, Sachen zu lagern.

O-Ton: Ich werde von Köln – also, von da wo ich herkomme, wegziehen, ich werde mein Umfeld komplett wechseln. Meine Familie zieht auch weg, also ich ziehe zugleich mit ihr weg. Ich werde einfach mehr für meine Familie da sein.

O-Ton: Ich möchte arbeiten gehen und nicht wieder auf die Schnelle das Geld machen. Nee, das bringt nichts. Das führt nur wieder in den Knast rein. … Mich interessiert mehr so die Küche. Ich bin ja hier auch in der Küche tätig. Bin Vorabeiter. Mein Onkel hat ja ein Restaurant. Da könnte ich sofort anfangen und ein Neuanfang beginnen.

Autorin: Neue Rollen ausprobieren. In einem geschützten Raum. Dann auftreten: öffentlich. Die Rolle durchhalten, auch sie Teil des eigenen Selbst. Und so sein Leben verändern. Es gibt sie, die Wege nach draußen. Gehen müssen die Jugendlichen sie selbst. Mit der Botschaft im Gepäck „Du bist Gottes geliebter Mensch“ und kannst entscheiden, was du aus deinem Leben machst. Und das gilt auch für uns.

Einen schönen Sonntag, wünscht Ihnen, liebe Hörerin und lieber Hörer, Pastorin Sabine Steinwender-Schnitzius aus Wuppertal.

MUSIK: Coltrane Track 2, Too young to go steady

 


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