Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.04.13; Pfarrerin Annette Krüger

Alles geben (Lukas 21, 1-4)

Guten Morgen liebe Hörerin, lieber Hörer! Sie ist morgens immer schon ganz früh in der Stadt unterwegs. Über ihren beiden Armen hängen Plastiktüten, prall gefüllt.

Heute war ein guter Morgen. Noch ein letzter Griff in den Mülleimer am Rande des Stadtgartens. Tatsächlich: Da sind noch zwei große Pfandflaschen drin, 50 Cent mehr. Sie wird sie gleich in den Supermarkt bringen und zu Geld machen. Am Monatsende kann sie das gut gebrauchen. Auch wenn sie noch so gut wirtschaftet, manchmal reicht das Geld einfach hinten und vorne nicht.

Was sie macht, tun viele Menschen in unserem Land. Junge und Ältere, alleinerziehende Mütter, Rentnerinnen. Menschen, denen man es nicht unbedingt auf den ersten Blick ansieht, dass sie das Flaschenpfand zum Leben brauchen. Aber mit Sozialhilfe, Hartz IV oder der winzigen Rente, für die sie oft ein Leben lang hart gearbeitet haben, kommen sie nicht über die Runden. Nach Abzug von Miete und anderen fixen Kosten bleiben manchmal nur noch 200 € im Monat zum Leben: für Essen und Trinken, Kleidung und Schuhe, Schulhefte, Stifte, den Kindergartenausflug. Was tun, wenn die Waschmaschine kaputtgeht oder etwas anderes Unvorhergesehenes passiert? Was tun, wenn die anderen Kinder von Freizeitparkbesuchen und Kino erzählen, von Markenklamotten und Urlauben?

Not macht erfinderisch, sagt man. Stimmt! Ich habe neulich eine Frau kennen gelernt, die von heute auf Morgen vor dem Nichts stand. Fast ohne Geld, mit vier kleinen Kindern, musste sie plötzlich ihr Leben meistern. Gar nicht so einfach, aber sie hat alles daran gesetzt, das Leben trotz allem so schön wie möglich zu machen. Statt Urlaub hat sie mit den Kindern im Garten ihres Mietshauses gezeltet, statt Zoobesuch sind sie in die Zooabteilungen der Gartencenter gegangen. Gut, dass es die Stadtbücherei gab, sagt sie und die Menschen, die mich unterstützt haben immer wieder. Heute hat sie ihre Geschichte in einem Buch aufgeschrieben. Das Wichtigste ist, sagt sie, dass man Zugang hat zu Bildung und Unterstützung von Anderen.

Von Armut sind in Deutschland viele Menschen betroffen und die Schere zwischen arm und reich droht immer weiter auseinander zu gehen. Das schlimmste allerdings ist, dass Armut sozusagen „weitervererbt“ wird: Wer unten ist, bleibt unten, weil es keine Chancengerechtigkeit gibt.

Es beschämt mich, wenn ich sehe, wie viele Menschen in unserem Land nicht wirklich auskommen können mit ihrem Einkommen. Die sind angewiesen sind auf die warme Mahlzeit im Gemeindehaus, die Hose im Second-Hand-Laden der Diakonie, den Einkauf bei der Tafel. Gut, dass es das gibt, aber sie sind auch Zeichen für die Spaltung in unserer Gesellschaft.

So wie damals, zurzeit Jesu: Einmal saß Jesus im Tempel, in der Nähe der Tür. Dort stand ein so genannter Gotteskasten. In den warfen die Menschen - für alle sichtbar - ihre Geldgaben für den Tempel hinein. Auf einmal kam eine Witwe. Alle kannten sie. Sie hatte nicht viel. Denn mit dem Tod ihres Mannes hatte sie alles verloren, auch ihren materiellen Wohlstand. Sie warf zwei kleine Münzen in den Gotteskasten. Nur ein kurzes leises Klimpern war zu hören. Nicht der Rede wert. Aber gerade das erregte die Aufmerksamkeit Jesu. Er spürte: Sie nimmt in ihre Hände, was sie hat, ihr ganzes Leben. Sie gibt das Letzte. Müsste sie nicht, aber es ist ihr wichtig. Das leise Klimpern ihrer Münzen rührte Jesus an. Bis heute lässt dieser Klang uns aufhorchen – wenn jemand, der selbst kaum etwas hat, noch abgibt: um anderen zu helfen, für neue Glocken im Kirchturm, für die Schulbildung von Aidswaisen in Afrika. Was diese Frau tut und was sie schafft, verdient unseren Respekt und unsere Unterstützung. Genau wie die, die heute unterwegs sind und mit Ideen und Phantasie ihr Leben gestalten.

Es grüßt Sie herzlich Pfarrerin Annette Krüger aus Witten.

 

Audiobeitrag Alles geben (Lukas 21, 1-4)


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