Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.04.13; Pfarrerin Annette Krüger

Gesehen werden richtet auf (Lukas 13, 10-13)

Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Der Körper ist der Spiegel der Seele, sagt man.

Da bekommen wir in angespannten Situationen feuchte Hände, vor Aufregung wird unser Kopf ganz rot. Wenn wir wütend sind, beginnen wir oft am ganzen Körper zu zittern, Angst macht weiche Knie. Das Zusammenspiel zwischen Körper und Seele findet sich auch in vielen Redewendungen wieder: „Das ist ihm auf den Magen geschlagen“ sagen wir oder „das geht mir ganz schön an die Nieren“. Ich nehme mir etwas zu Herzen oder mir bleibt die Luft weg. Wir schlucken so manches hinunter oder zerbrechen uns den Kopf und haben am Ende Kopfschmerzen.

Diese Redewendungen zeigen: Unsere Sorgen, unsere Ängste, unsere Konflikte wirken sich auf unser Wohlbefinden, auf unseren Körper aus. Die moderne Medizin nimmt diese Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper zunehmend in den Blick. „Wovon haben Sie denn die Nase voll?“, fragt der Arzt seinen Patienten, den ein chronischer Schnupfen plagt. Oder: „Was fressen Sie denn schon so lange in sich hinein, dass Sie ein Magengeschwür bekommen haben“. Manchmal trifft der Arzt damit ins Schwarze: Seine Patienten merken: „Stimmt, da ist noch etwas anderes mit mir los, da ist mehr, als der körperliche Schmerz.“ Oft spüren wir erst, wenn jemand behutsam nachfragt: Da liegt etwas in uns, das uns lähmt oder auffrisst, uns drückt oder lustlos werden lässt.

Dabei ist das Phänomen nicht neu. Hippokrates, der bekannteste Arzt der Antike, kannte es schon. Er sah Körper und Geist als eine Einheit. Und auch in der Bibel können wir das nachlesen: „Ein fröhliches Herz lässt Wunden schnell heilen, ein gedrückter Geist lässt den Leib verdorren.“ (Übersetzung: BiGS. Sprüche 17,22)

„… 12 Prozent der Deutschen, die unter chronischen Schmerzen leiden“, so stand es vor einiger Zeit in der Zeitung, „wären besser beraten, wenn sich einer ihrer seelischen Konflikte annähme.“1

Stattdessen passiert nicht selten das Gegenteil. Klagt jemand, ist man schnell bei der Hand mit Parolen wie: „Kopf hoch! Wird schon wieder.“ oder „Wart’s ab, die Zeit heilt alle Wunden!“ Wenn das so einfach wäre! Wenn Schmerz und Kummer tief sitzen, uns nieder drücken, dann nützt es wenig, einfach darüber hinweg zu plaudern oder hinweg zu sehen. Wenn sich einer ihrer annähme!

In der Bibel steht die Geschichte einer Frau, die einen verkrümmten Rücken hatte – seit achtzehn Jahren schon. Irgendwann war ihre Wirbelsäule immer krummer geworden. „Sie hat einen bösen Geist“, sagten ihre Nachbarn. Andere Erklärungen fand man damals nicht. Anfangs hatten noch alle getuschelt, wenn die Frau klein und gebeugt durch die Straßen ging. Mittlerweile nahm sie kaum noch jemand wahr. Niemand, der danach fragte, was sie tatsächlich erlebt hatte. Und wie sie sich fühlte, wenn sie immer nur den Boden sah, nie in die Weite, keine Gesichter, nicht den Himmel.

Da hörte die verkrümmte Frau, dass Jesus in ihr Dorf kam und in der Synagoge predigen wollte. Sie ging entgegen ihrer Gewohnheit auch hin. Es war richtig voll und sie verschwand klein wie sie war in der Menge. Doch auf einmal hörte sie ihren Namen, Jeus rief sie nach vorn – und sie ging hin. Und da erlebte sie: Er sah nicht über sie hinweg, sondern blickte sie an. Er sprach mit ihr, legte ihr die Hände auf Schultern und Rücken. Und sie richtete sich auf: mit seinem Blick in ihren Augen, seinem Wort in ihren Ohren, seinen Händen in ihrem Rücken.

Es tut gut, wenn jemand tiefer blickt, und mich wahrnimmt. Wenn einer einfühlsam hinguckt, achtsam erspürt, was ich brauche und mit fühlt. Das kann aufrichten, der Seele gut tun und den Körper heilen.

Für heute und jeden Tag wünsche ich Ihnen, liebe Hörerin, lieber Hörer, aufrichtige Blicke füreinander und heilsame Begegnungen! Ihre Pfarrerin Annette Krüger aus Witten.

1Süddeutsche Zeitung online 17. Mai 2010

 

Audiobeitrag Gesehen werden richtet auf (Lukas 13, 10-13)


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