Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.04.13; Pfarrerin Petra Schulze

Leben in Provisorien

Nach dem Umzug: Der alte Schuhschrank ist auf dem Sperrmüll. Ein neuer noch nicht gekauft. Aber irgendeine Ablage brauche ich für die Schuhe.

Also erstmal zwei Gemüsekisten mit einem Regal-Brett drüber aufgestellt. Dabei ist es bis heute geblieben. Und irgendwie sieht das Provisorium gar nicht so schlecht aus. Aus dem Provisorium wurde ein Providurium nach dem Motto: Nichts ist so haltbar wie ein Provisorium. Und wie schreibt die Journalistin Ursula Ott: „Manchmal hält die (Schwimm-)Flosse unter der Tür tatsächlich besser als der Alessi-Türstopper.“

Als ich in der Nähe der polnischen Grenze einen Besuch mache, zeigt mir ein Bekannter seine große Scheune. Darin lagern Handwerkszeug, Schrauben, Nägel, Bindfäden, Drähte, Bleche, Gummireifen, Holzstücke und –bretter in allen Größen. In der ehemaligen DDR war dies sein Schatz. Er hatte immer einen Einfall, wie man auch auf unkonventionelle Weise funktionstüchtige Geräte, Möbelstücke, Behältnisse herstellen kann.

Manches ursprüngliche Provisorium hat längst Eingang gefunden in das moderne Design. Da gibt es zum Beispiel Untertassen mit einem Plastikaufsatz für eine Kerze – für viel Geld zu kaufen. Oma hat das auch ohne Plastikaufsatz geschafft. Da werden Backsteine als Kugelschreiberhalter verkauft.

Provisorien sind eine Art Protest gegen die so genannte Frühversargung. Ich gehöre zu der Generation, in der sich viele gegen Einbauschränke gewehrt haben. Gegen Stillstand und Spießigkeit waren wir provisorisch unterwegs. In WGs gewohnt, Matratze auf dem Boden, möglichst wenig Ballast im Lebensgepäck war das Motto, nicht nur aus Geldmangel. Ganz anders unterwegs sind heute die meisten 20- bis 30-Jährigen.

Der Kölner Psychologe Stephan Grünewald hat das untersucht. Er sagt: „Die Jugendlichen von heute haben das (…) Gefühl, in einer brüchigen, zerrissenen Welt zu leben, (…) in der alles vom Absturz bedroht ist. Das fängt in den Familien an, die vielfach auseinanderbrechen, und es geht bis zur Politik, wo sogar Bundespräsidenten über Nacht verschwinden und Währungen wie der Euro womöglich auch. Daraus erwächst der Traum, Verlässlichkeit herzustellen.“ Und so stehen die jungen Erwachsenen auf fest Verschraubtes: massive Einbaumöbel, Treue in der Partnerschaft, Schrebergarten – das kleine, überschaubare, private Glück. Verstehen kann ich das. Lebensintensität kann aber durch zu viel Sicherheit erstickt werden. Manchmal denke ich, auch die Religion wird dadurch erstickt. Unsere meterdicken unverrückbaren Kirchenmauern von heute sind vielleicht nicht so durchlässig für einen lebendigen Glauben wie die dünnen Zeltwände unserer jüdischen Vorfahren.

Das Volk Israel war ein „Volk unterwegs“ – immer wieder forderte Gott es auf, weiterzuziehen, zu leben auf ein größeres Ziel hin. Das war das gelobte Land – wo Friede herrscht, Gerechtigkeit wohnt und Milch und Honig für alle fließen. Und heute wie damals gerieten die Menschen immer wieder in Versuchung, stehen zu bleiben. Es sich gemütlich zu machen. Sich einzukuscheln in das private Glück.

Meine Provisorien zu Hause – das selbstgebastelte Schuhregal, mein aus Ästen und Schiffsplanken zusammengezimmerter Couchtisch ohne Designerlabel – die sind meine äußeren Erinnerungszeichen dafür, dass ich auf dem Weg bleiben will. Es mir nicht zu gemütlich machen. Mich weiter von Gott rufen zu lassen, dahin, wo er mich braucht. Für sein größeres Ziel.

Literatur:
Essay / Lebensart und –philosophie, Februar 2012, Ursula Ott „Das wird noch, ich mach das später“ aus: http://chrismon.evangelisch.de/artikel/2012/das-wird-noch-ich-mach-das-spaeter-13449

http://www.stephangruenewald.de/fileadmin/downloads/german-dream-gruenewald.pdf

 

Audiobeitrag Leben in Provisorien


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