Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.04.13; Pfarrerin Petra Schulze

Du und der Wal

“Angeschwemmter Pottwal - Vollgestopft mit Plastikmüll“1 las ich in einem online-Magazin. An der spanischen Südküste war ein zehn Meter langer Pottwal angeschwemmt worden.

Im Mittelmeer soll es nur noch 1000 von ihnen geben. Und nun war einer dieser Wale grausam verendet. Todesursache: Er hatte sich an Plastikmüll überfressen. Über 17 Kilogramm Plastikmüll verstopften seinen Magen und Darm. Wie kommt nun dieser Müll ins Meer: Verantwortlich sollen die Betreiber von Gewächshäusern in Andalusien sein. Das Gemüse und Obst von dort werden nach ganz Europa exportiert. Dabei entstehen jedes Jahr 45.000 Tonnen Müll. Und der landet zum Teil im Meer statt in den speziellen Müll-Aufbereitungsanlagen.

In immer mehr Tieren findet man Plastikrückstände. Die verletzen die inneren Organe oder setzen sich im Magen fest, so dass die Tiere bei vermeintlich vollem Magen verhungern. Meeresschildkröten verwechseln Plastiktüten mit Quallen und ersticken an dem vermeintlichen Leckerbissen. Als man Eissturmvögel untersuchte, die auch bei uns heimisch sind, entdeckte man in fast allen untersuchten Exemplaren Kunststoff – „im Mittel etwa 30 Teilchen pro Magen“2.

In dem toten Wal fanden sich mehr als 30 Quadratmeter Plastikfolie, die zur Abdeckung der Pflanzenzucht-Anlagen verwendet wird. Dazu Gartenschläuche und kleine Blumentöpfe, Plastiktüten, ein Kleiderbügel und Teile einer Matratze. Unvorstellbar. Allein im Mittelmeer sind über 250 Tierarten durch Plastikabfälle bedroht.

Ausgerechnet der Wal, der in der Bibel eine so große Rolle spielt, denke ich. Der Freund und Helfer von Jona, dem Propheten. Der war auf hoher See von Matrosen über Bord geworfen worden. Im Bauch des Wals übersteht Jona Wind und Wellen und wird später heil an Land gespuckt. Ausgerechnet der Wal verendet heute qualvoll an unserem menschlichen Wohlstandsmüll. Für mich ist dieser Wal ein aufrüttelndes Symbol für alles, was wir Tieren, Pflanzen und unserer Umwelt antun.

Das Meer, die Wiege allen Lebens, verseucht durch Öl, Plastikmüll, radioaktive Abfälle, tonnenweise Arsen, Schwefeldioxid, Dünnsäure oder quecksilberhaltige Industrieabwässer. Verbrechen.

Und an Land sieht es auch nicht besser aus: Kosmetika und Medikamente werden von vielen zu Hause einfach in die Toilette gekippt. Das gibt einen Chemie- und Hormoncocktail in unserem Trinkwasser, den keine Kläranlage ganz rausfiltern kann und der Schuld ist, wenn heimische Fische und Reptilien verweiblichen und sich nicht mehr fortpflanzen können.3

Am Ende der Nahrungskette stehen dann wir selbst. Damit das aber nun nicht unser Ende und das Ende vieler Pflanzen und Tierarten bedeutet, können wir uns an den Anfang setzen. Das hat Gott gemeint, als er dem Menschen ganz am Anfang der Welt den Auftrag gab, die Erde zu bebauen und zu bewahren. Mir gerät das immer wieder aus dem Blick. Die Meldung von dem Wal, der am Plastikmüll verendete, hat mich aufgerüttelt. Ich habe meinen Badezimmerschrank, meinen Kühlschrank und meine Putzmittel noch mal unter die Lupe genommen. Nagellackentferner, Erdbeeren im März, natürlich in der Plastikschale, Backofenspray, Entkalker extra stark. Muss das sein? Hier kann ich anfangen, das Ende zu verhindern.

1 http://www.spiegel.de/wissenschaft/natur/pottwal-aus-dem-mittelmeer-verendet-an-plastikmuell-a-887845.html

2 http://www.welt.de/wissenschaft/umwelt/article114474624/Was-Sie-ueber-die-Plastik-Pest-wissen-sollten.html

3 http://www.zdf.de/planet-e/Risiko-Trinkwasser-26888784.html

 

Audiobeitrag Du und der Wal


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen