Plastikflaschen und die Bewahrung der Würde
Er kommt jeden Abend, wenn es dunkel wird. Ein schwarzer Anzug, ein weißes Hemd, eine Krawatte.
Irgendwie passt die alte braune Einkaufstasche nicht zu seiner Kleidung. Das Gehen fällt ihm sichtbar schwer. Er wird über Siebzig sein. Ich bemerkte ihn zufällig, als er die Abfallkörbe auf dem Platz nach leeren Plastikflaschen durchsuchte. Unauffällig, wie nebenbei. Mich rührte diese Szene an, ohne den Mann zu kennen.
Warum?
Niemand sammelt gern Plastikflaschen, ohne es nötig zu haben. Schon gar nicht in hohem Alter, wenn einem das Gehen schwerfällt. Wieso aber hat der alte Mann mit dem Anzug das Sammeln von Müll nötig?
Es wird nicht mehr reichen für die Miete, dachte ich, für die gestiegenen Energiekosten, die Lebensmittel. Wie bei vielen. Aber wenn es ihm nur ums Geld ginge, warum beantragt der Mann dann nicht ergänzende Sozialhilfe? Bis ich verstand: Die Plastikflaschen dienen der Bewahrung seiner Würde. Der Abfall unserer Überflussgesellschaft mutiert in seinen Händen zum eigentlich Wertvollen. Am Ende zählt das Geld weniger als die Würde.
Viele alte Menschen, die bei gestiegenen Mieten und Lebenshaltungskosten mit ihren Renten nicht auskommen, schämen sich, mit ihren Kindern darüber zu reden. Es sind oft dieselben, die nicht zum Amt gehen und von keiner Statistik berechnet werden. Eine anonyme Armut bei der Generation, der wir unseren Wohlstand verdanken.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, so stellt der erste Artikel unseres Grundgesetzes fest. Wessen Würde? Die Würde derer, die es sich leisten können? Was wird, wenn ausgerechnet alte Menschen, die diesen Staat aufgebaut haben, und die das Gedächtnis unserer Zukunft sind, nicht in Würde leben und sterben können? Wenn sich Menschen in unserem Land für ihre Armut statt für ihren Reichtum schämen müssen? Würde ist unabhängig von Einkommen, Leistungsfähigkeit oder Alter. Jeder Mensch hat eine Würde, allein weil er Mensch ist. Den Zustand einer Überflussgesellschaft erkennt man daran, wie sie mit denen umgeht, die überflüssig zu sein scheinen.
Im Grundgesetz ist ein Menschenbild festgehalten, das sich nach der Katastrophe des Faschismus an ein christliches Grundverständnis erinnert. Vielleicht, so habe ich gedacht, ist das Verständnis von Menschenwürde der wichtigste Beitrag des Christentums in einer Gesellschaft, in der nur noch zählt, was sich rechnet.
Der Nazarener vertrat vor 2000 Jahren andere Werte. Er identifizierte sich mit Menschen, die wertlos und überflüssig schienen. Mit ihnen zusammen feierte er Leben. Durch seine wertschätzende Begegnung fanden die Menschen eine neue Haltung zu sich selbst, ihre Würde sowie eine neue Sicht auf Gott und die Welt. Bekanntlich führte das zu einem tödlichen Konflikt mit denen, die normalerweise definieren, was wertvoll ist und was überflüssig.
Der alte Mann in dem schwarzen Anzug sammelt in der Dämmerung Plastikflaschen. Jeden Abend geht er. Unser Hilfesystem nimmt er nicht in Anspruch. Er will offenbar weder als hilfebedürftig berechnet und definiert werden, noch betteln. Mit seiner anonymen Arbeit bewahrt er sich und seine Würde. Solange, wie es geht.
Vielleicht ist es das, was mich anrührt.
Plastikflaschen und die Bewahrung der Würde
|