Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

15.04.13; Pfarrer Erhard Ufermann

Glaube nicht alles, was Du denkst

Über meinem Schreibtisch hängt eine Postkarte mit einem Esel darauf. Daneben der Satz: „Glaube nicht alles, was Du denkst!“

 Die Karte schenkte mir ein Freund, mit dem ich seit Jahren zusammen arbeite. Sie macht mir Spaß. Zum einen ist der Esel mein Lieblingstier. Zum anderen bringt der Satz: „Glaube nicht alles, was Du denkst!“ auf witzige Art und Weise durcheinander, was man selbst denkt oder glaubt oder auch glaubt zu denken.

Meistens hat man ja zu glauben, was andere denken. Das beginnt morgens mit dem Wetterbericht, findet seine Fortsetzung auf der Arbeit und endet nicht zuletzt abends mit den Nachrichten.

So verstehe ich nicht wirklich, welche Schlussfolgerungen die Damen und Herren der Wettervorhersage aus Strömungs- und Satellitenbildern ziehen. Ich kann´s nur glauben. Oft erkenne ich dann mittags: Da haben sie sich vertan!

Manche Entscheidungen meiner Chefs zum Wohle der Firma kann ich auch nicht nachvollziehen. Ich kann nur glauben. Ich glaube, also bleibe ich. Nur dass die Finanzkrise eine Chance sein soll, will ich den Politikern nicht glauben. Es macht mich sogar wütend. Hinter dem Begriff „Finanzkrise“ verbirgt sich das anonyme Leiden vieler Menschen.

Zurück zu meinem Lieblingstier: Der Esel hat seinen eigenen Kopf, kann total störrisch sein, aber auch eine Menge ertragen. Man hält ihn sprichwörtlich für doof. In Wirklichkeit aber ist er ziemlich schlau. In der Bibel wird davon erzählt, dass Esel sogar besser als wir Menschen die Wege finden, die für uns gut sind.

Im Alten Testament gibt es eine Geschichte, wo Politiker einen Propheten mit Namen Bileam einkaufen, um ihre Gegner, in dem Fall die Israeliten, zu verfluchen. Die religiöse Macht sollte helfen, die eigene zu stärken. Zuerst zickt Bileam noch herum. Er ahnt, dass das nicht gut ausgehen kann. Dann macht er sich mit seinem Esel auf den Weg.

Unterwegs tritt ihnen ein Engel in den Weg. Er möchte Bileam an der Verfluchung der Israeliten hindern. Das sei nicht Gottes Wille. Bileam merkt nichts. Aber der Esel sieht den Engel und versteht: Er weicht vom Weg ab, drängt sich an eine Mauer, klemmt Bileams Fuß ein, dass der überhaupt was spürt und fällt irgendwann auf die Knie. Bileam prügelt wie wild auf das Tier ein. Der Esel entrüstet sich: „Was habe ich Dir getan, dass Du mich so verachtest?“ Und auf einmal erkennt Bileam den Engel und erschrickt.
„Was schlägst Du den Esel?“ fragt der Engel. „Ich habe mich Dir in den Weg gestellt, weil Dein Weg falsch ist.“

Der Esel auf meiner Karte und der Satz: „Glaube nicht alles, was Du denkst“ machen mir Spaß. Sie öffnen mir den Horizont, dass das, was ich glaube oder denke oder glaube zu denken, nicht unbedingt der richtige Weg sein muss. Es kann nämlich sein, dass wir nicht mitkriegen, wenn Gott etwas anderes will, als wir denken oder auch glauben. Und dass ein Engel uns in den Weg treten muss, um Schlimmeres zu verhindern. Sollte es mal wieder schwierig werden mit dem Denken und dem Glauben, wünsche ich Ihnen und mir einen „Esel“, der Gottes Willen eher erkennt als wir. In dieser Woche und überhaupt.

Audiobeitrag Glaube nicht alles, was Du denkst


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