Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

14.04.13; Pfarrer Max Koranyi

"Gerüchte-Küche"

Unser Büro ist ein Nachrichtenumschlagplatz. Die Tür geht auf, wir schauen hoch. Frau Heine steht da. „Stör ich?“ Eine Antwort wartet sie gar nicht ab.

„Nur ganz kurz: Grübers aus Eudenkirchen wollen sich scheiden lassen.“ Unsicheres Schweigen der Sekretärin. „Bin schon wieder weg“. Und fort ist Frau Heine. Was aber ab jetzt nicht mehr fort geht und also zurückbleibt, ist die heiße Nachricht. Oder soll ich besser sagen: Das Gerücht? Zufällig war im Büro ein Mitarbeiter aus einem anderen Bezirk dabei. Nur um zu fotokopieren. Meine Sekretärin und ich schauen uns an. Wir wissen: Heute Abend weiß ganz Oberwaldstadt: Die Grübers lassen sich scheiden.

Rossini hat das Ganze in seiner Oper „Der Barbier von Sevilla“ musikalisch dargestellt. Die Arie heißt tatsächlich „ Das Gerücht“. Ganz leise fangen die Geigen das Thema an, der Bass kommt dazu, jetzt sind die Blechbläser dabei, die Melodie schwillt an wie ein Fluss nach der Schneeschmelze; am Ende hat sich das ganze Orchester mitreißen lassen – und jeder im Opernhaus kann die Melodie jetzt nachpfeifen.

Nun kann man natürlich auch Verständnis für Frau Heine aufbringen. Vielleicht macht sie sich ja wirklich Sorgen um das Ehepaar Grüber. Es ist Fürsorge und Interesse, die sie leiten; vielleicht auch der gute Wille, andere auf deren Not aufmerksam zu machen. Aber die andere Melodie spielt leider auch oft im Untergrund mit: Dieses Gefühl: Ich weiß was von anderen, ich kenne ihre Schwächen, Macken und Fehler. Und jetzt muss ich auch darüber reden, weil ich mich dabei wichtig machen kann; und weil mir so etwas nicht passieren könnte. Manches male ich dabei auch aus, bausche es auf, verdächtige, vermute... Und die anderen? Nehmen die Tonfolge gerne auf, fügen ihr Instrument dazu. Und das gesellschaftliche Orchester bläst in der Gerüchte-Küche aus allen Backen.

Wie kommt es zu dieser Tratscherei? In der Bibel, im ersten Timotheusbrief gibt es dazu eine psychologisch höchst interessante Erklärung: „Sie lernen, untätig zu sein. Sie machen in den Häusern die Runde – und nicht nur das: Sie reden zu viel, sind vorlaut und sprechen über Dinge, nach denen sie niemand gefragt hat.“ (1.Tim 5,13)

Gut beobachtet: Menschen, die viel herumschwätzen, haben oft einfach zu viel Zeit. Andere, die in einen täglichen Arbeitsablauf eingebunden sind, verfügen gar nicht erst über die nötigen Stunden, Nerven und Neugierde, sich um die „Baustellen“ ihrer Umgebung zu kümmern. Die anderen, die Fenstergucker, sie langweilen sich. Und da kommt die Nachricht über das Ehepaar Grüber aus Eudenkirchen genau richtig. Oder über den unzuverlässigen Pfarrer. Oder die kranke Lehrerin. Heute muss man dazu nicht einmal mehr in die Häuser gehen. Email, Handy, SMS tun’s auch und sind sogar noch schneller. Damit setzen Menschen manchmal eine unaufhaltbare gefährliche Maschinerie in Gang. Es gibt eine Karikatur des Malers Anton Paul Weber. Auch sie heißt „Das Gerücht“. Da zieht eine Schlange mit hundertfältigen Augen und Zungen durch die Stadt und verbreitet eine Nachricht, die sogar tödlich enden kann. Weber wusste, wovon er zu seiner Zeit malte: Gerede, Verdächtigungen, falsche Behauptungen, Getratsche und Kolportagen lieferten im „Dritten Reich“ Tausende Menschen der Unrechtsregierung aus.

Manche Schlange ist auch heute nicht mehr zu stoppen. Viele Medien füttern sie geradezu weiter und schädigen damit oft den Ruf völlig unbescholtener Menschen. „Nein, Frau Heine“, hätte ich sagen können, „ich möchte das jetzt alles gar nicht wissen. Rufen Sie mich doch bitte privat an, wenn Sie Sorgen um die beiden haben.“ Seitdem hängt in unserem Büro der Satz Martin Luthers: „Wir sollen unseren Nächsten nicht verraten, hinterher reden und bösen Leumund machen, sondern ihn entschuldigen, Gutes von ihm reden und alles zum Besten kehren.“ Eine lohnende Aufgabe für unsere ganze Gesellschaft meint Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter

 

Audiobeitrag "Gerüchte-Küche"


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