Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

07.04.13; Pfarrerin Karla Wessel

Sehen lernen - das Leben spüren

Autorin: Eigentlich kann ich ganz gut sehen. Ich bin zwar kurzsichtig, aber meine Brille gleicht das wunderbar aus. Aber – kann ich auch alles erkennen?

Hätte es vor zweitausend Jahren diese Sehhilfe schon gegeben – hätte ich den auferstandenen Jesus dann erkannt, wenn er mir begegnet wäre? Nach seinem Tod war Jesus vielen Menschen erschienen. Die sagten später: Wir haben ihn gesehen. Aber was haben Sie gesehen?
Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer. Mein Name ist Karla Wessel und ich bin Gemeindepfarrerin in Gelsenkirchen Buer.

1. Musik Magnificat (BWV 243: Esurientes implevit bonis“), Track 7 von CD Johann Sebastian Bach: Lieder ohne Worte, Transkriptionen für Oboe und Orchester, Albrecht Mayer und Sinfonia Varsovia, 2003 Universal Classic and Jazz, LC 00173.

Autorin: Mit dem Sehen und Erkennen ist das so eine Sache. Obwohl ich ganz gut sehen kann, laufe ich manchmal wie blind durch die Welt. Wenn ich durch den Wald gehe, gäbe es da ja manches zu entdecken: die Farbe der frischen Blätter an den Bäumen, aufbrechende Knospen an den Ästen, Eichhörnchen, die in den Bäumen spielen. Aber ich sehe nichts davon. Denn ich bin so versunken in meine Gedanken. Wie schade. Das ganze Leben, das da stattfindet im Wald, geht an mir vorbei und ich merke es nicht.

Ganz anders ist das, wenn ich mit meinem Cousin Hermann durch den Wald gehe. Er kennt und liebt den Wald. Er weiß sehr viel über Bäume und Tiere, ist begeistert, wenn er kleine Schößlinge und frische Rehspuren entdeckt. „Guck mal hier“, sagt er, und erklärt mir, was da zu sehen ist. Wenn ich mit Hermann durch den Wald gehe, dann beginne auch ich zu sehen. Ich entdecke manches, was mir bisher verborgen war. Wirklich erstaunlich, was es da alles gibt in Gottes schöner Welt – und ich wusste es nicht.

2. Musik = 1. Musik

Autorin: „Man sieht nur, was man weiߓ, las ich jahrelang auf einem Werbeplakat für Reiseführer. Es hing in der Wohnung einer Freundin. Dieser Spruch scheint zu meinem Waldsparziergang mit Hermann zu passen: Je mehr ich weiß, desto mehr kann ich sehen. Andererseits: Das ist nur eine Seite der Medaille. Bei Kindern ist das ja anders: Sie erkunden neugierig alles Unbekannte. Jedes bunte Blatt, jeder Stein, jede Pfütze, an denen wir achtlos vorbeigehen, kann sie begeistern. Neugierig und offen sind sie unterwegs. Jeder Winkel im Zimmer, jede Schublade, jede Ecke im Garten muss erforscht werden - immer gibt es Neues zu entdecken.
Auch ich möchte gerne mehr sehen als das, was ich sowieso schon weiß. Möchte wieder mehr wahrnehmen von der Welt. Neugierig und offen bleiben für Unbekanntes.

3. Musik = 1. Musik

Autorin: Gott sei Dank sieht Maria Magdalena mehr als das, was sie sowieso schon weiß. Sie kommt zum Grab Jesu. Der schwere Stein, der sein Höhlen-Grab verschließt, ist weggerollt. Im Johannesevangelium wird berichtet, dass Petrus kurz vor Maria ins Grab geschaut hatte. Außer den Leichentüchern hatte er nichts darin gesehen. Maria weiß also schon von Petrus – das Grab ist leer. Doch als sie hineinschaut, sieht sie zwei Engel dort sitzen. Man sieht nur, was man weiß?

Nun gut, als Jüdin glaubt Maria, dass es Engel gibt. Sie kennt manche Geschichte von den Boten Gottes. Sie werden in den Synagogen erzählt. Auch hat Maria Magdalena einige Zeit mit Jesus verbracht, und erlebt, dass Gott durch ihn wirkt. Aber wo waren die Engel, wo war Gott, als Jesus verhaftet, verurteilt, gekreuzigt wurde? Wo sie so dringend nötig gewesen wären, da hatten die Boten Gottes gefehlt. Nein, wissen konnte Maria nicht, dass sie ihnen hier im Grab begegnen würden.

Und doch sind sie da. Und Maria sieht sie. Maria konnte auch nicht wissen, dass ihr Jesus nach seinem Tod begegnen würde. Als Auferstandener. Sie wusste nur: Er ist tot. Sie selbst hatte ihn sterben sehen und hatte ihn mit anderen zusammen begraben. Zwar glaubte sie, dass die Toten auferstehen. Dass sie nach dem Tod in Sarahs oder Hagars oder Abrahams Schoß geborgen sind. Dass sie sich um ihren Toten nicht zu sorgen brauchte. Aber dass ein Toter aufersteht in diese Welt, damit konnte sie nicht rechnen. Dass die Auferstehung hier und jetzt, am Grab sichtbar wird, spürbar wird, das hat sie nicht gewusst.

Und sieht es doch. Nur verstehen kann sie es nicht sofort. Sie braucht gleichsam eine Sehhilfe. Denn: Als sie am Grab steht, kommt ein Mann auf sie zu. Sie denkt: „Das ist der Gärtner.“ Bis er sie anspricht: „Maria!“ Als der Mann ihren Namen nennt, erkennt sie ihn. Und später wird sie erzählen:

Sprecherin: Ich habe Jesus, den Lebendigen gesehen. (Johannes 20,18)

4. Musik Konzert für Cembalo und Orchester A-Dur, BWV 564: Intermezzo /Adagio, Tack 13 von CD Johann Sebstian Bach: Lieder ohne Worte, Transkriptionen für Oboe und Orchester, Albrecht Mayer und Sinfonia Varsovia, 2003 Universal Classic and Jazz, LC 00173.

Autorin: Eine lange Liste von Zeugen, die den Auferstandenen gesehen haben, nennt der Apostel Paulus in einem seiner Briefe. Manchmal erkannten diese Menschen den Auferstandenen, Lebendigen nicht sofort. Selbst die, denen Maria Magdalena schon gesagt hatte: Ich habe ihn gesehen. Er ist auferstanden. – selbst die erkannten ihn nicht sofort.

Auch sie brauchten eine Sehhilfe. Die Jünger, die Jesus auf dem Weg nach Emmaus begegnen zum Beispiel. Als sie unterwegs sind, gesellt sich ein Fremder zu ihnen. Am Ziel angekommen, essen sie zusammen zu Abend:

Sprecher/-in: Als er mit ihnen zu Tische lag, nahm er das Brot, dankte, brach es und gab es ihnen. Da wurden ihnen die Augen aufgetan, und sie erkannten ihn. (Lukas 24, 30f BigS)

Autorin: Die Jünger erkennen Jesus erst, als er das Brot bricht – wie er es viele Male vorher getan hatte, wenn sie zusammen gewesen waren. Genauso die Fischer Petrus und Johannes. Mit leeren Netzen kommen sie mit ein paar anderen Fischern nach einer langen Nacht auf dem See Tiberias zurück. Da spricht sie ein Mann an:

Sprecher/-in: Kinder, habt ihr nichts zu essen? Sie antworten ihm: Nein. Er aber spricht zu ihnen: Werft das Netz aus zur Rechten des Bootes, so werdet ihr finden. Sie werfen das Netz aus und können es nicht mehr heraufziehen, so viele Fische sind darin. Da sagt Johannes, jener Jünger, den Jesus liebte, zu Petrus: Es ist Jesus, der Lebendige. (nach Johannes 21,6f BigS)

Autorin: Ein anderes Mal ist es der vertraute Gruß „Friede sei mit euch“, an dem die Jüngerinnen und Jünger ihren Rabbi erkennen. All diese Sehhilfen: die Stimme, mit der Jesus den Namen ausspricht, die Art, wie er das Brot bricht oder „Friede sei mit euch“ sagt oder wie er den Jüngern Mut macht, nicht aufzugeben nach ihrem erfolglosen Fischzug – all das ermöglicht den Menschen, ihn wiederzuerkennen. Hier findet eine Begegnung statt, etwas Vertrautes, Bekanntes leuchtet auf. Und zugleich ist alles neu und anders.

In gewisser Weise waren die Jüngerinnen und Jünger vorbereitet auf das, was sie zu sehen bekamen. Denn sie hatten lange vorher schon manches gesehen, was Teil ihres Wissens und ihrer Erinnerung wurde. Manche von ihnen waren dabei gewesen, als Jesus die kranke Schwiegermutter des Petrus heilte. Wie er die Hand der Frau ergriff, die fiebernd im Bett lag, und sie stand auf (Mt 8,15). Sie hatten gesehen, wie Jesus mit dem Gelähmten sprach, den seine Freunde gebracht hatten. Und der Gelähmte stand auf, nahm seine Matte und ging davon (Mk 2,12). Die Jünger waren auch dabei, als Jesus die Hand der totgesagten Tochter des Jairus nahm. Und sie stand auf, als hätte sie nur geschlafen (Mt 9,25).Und als Martha ihrer trauernden Schwester zuflüsterte: Der Rabbi ruft dich! (Joh 11,29), da stand auch die von Trauer Gelähmte sogleich auf und ging zu ihm.

Hilft Wissen beim Sehen? Womöglich. Das Wort, das hier im Griechischen für das Aufstehen der kranken Frau, für das Aufstehen des gelähmten Mannes, für das Aufstehen des totgesagten Mädchens und für das Aufstehen der trauernden Schwester benutzt wird, dieses Wort ist dasselbe, das später für das Auferstehen Jesu von den Toten steht. Denn es ist dieselbe Kraft Gottes, die die Kranken und Trauernden aufstehen und die den gekreuzigten Jesus auferstehen lässt.

Schon zu Lebzeiten Jesu haben viele Menschen die Kraft Gottes gesehen, gespürt und erlebt. Die Kraft Gottes, die aufweckt, aufstehen lässt und verändert. Eine Kraft, die herausführt aus Ausweglosigkeit und Einsamkeit. Die Kraft Gottes, die lebendig macht.

5. Musik Konzert für Cembalo und Orchester A-Dur, BWV 564: Intermezzo /Adagio, Tack 13 von CD Johann Sebastian Bach: Lieder ohne Worte, Transkriptionen für Oboe und Orchester, Albrecht Mayer und Sinfonia Varsovia, 2003 Universal Classic and Jazz, LC 00173.

Autorin: Was genau Maria und andere damals gesehen haben, das wissen wir nicht. Wir haben keine Bilder davon, wie der Auferstandene aussah. Denn das war und das ist nicht wichtig. Viel wichtiger ist, wie die Begegnung mit dem Auferstandenen auf die Menschen gewirkt hat. Es ist, als hätten sie die Kraft der Auferstehung am eigenen Leib gespürt. Denn sie waren ja selbst auch vom Tod gezeichnet. Sie waren nicht selbst gestorben. Aber Sie hatten jemanden verloren, der ihnen ganz wichtig war und dem sie sich tief verbunden fühlten. Mit ihm war etwas in ihnen gestorben.

Mit dem Tod Jesu war in Maria etwas zerbrochen und gestorben. Mit dem Tod Jesu war auch für die Jünger vieles zu Ende gegangen. Die Gemeinschaft brach auseinander, sie waren gescheitert. So muss es sich für sie angefühlt haben.

Durch die Begegnung mit dem Auferstandenen aber wurde alles anders. Was die Menschen am Grab Jesu sahen, das veränderte ihr Leben. Sie gaben sich nicht geschlagen, sie blieben nicht alleine, sie beugten sich nicht der Macht des Todes. Sie kehrten ins Leben zurück. Was auch immer Maria und Petrus und all die anderen da gesehen hatten: Sie taten sich zusammen, machten sich auf den Weg, trauten sich an neue Aufgaben – und sie blieben dem treu, wozu sie sich hatten rufen lassen.

6. Musik Open the Eyes of my Heart, Track 8 von CD Journey...A Praise Offering, David Carnes (Piano), Copyright - David Carnes and MySound Studios / MySound Records (884501068178) (ohne LC).

Autorin: Ich möchte gerne mehr sehen, anderes sehen als nur das, was ich schon weiß. Und ich möchte auch Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, dazu ermutigen, Sehen zu lernen und die Kraft der Auferstehung wahrzunehmen. Es wäre doch schade, wenn uns nicht berühren würde, was wir in der Osterzeit feiern. Das wäre wie mein Gang durch den Wald, bei dem ich kaum etwas wahrnehme von der ganzen Lebendigkeit, weil ich in meinen Gedanken und Sorgen gefangen bin.
Ich will mich auf die Suche machen, aufstehen und mich dem Leben in die Arme werfen, wie die schweizerische Theologin Luzia Sutter Rehmann dichtet:

Sprecherin:
Wir sind auf der Suche
nach der Kraft,
die uns aus den Häusern,
aus den zu engen Schuhen
und aus den Gräbern treibt.

Aufstehen und
mich dem Leben in die Arme werfen –
nicht erst am jüngsten Tag,
nicht erst, wenn es nichts mehr kostet
und niemandem mehr wehtut.

Sich ausstrecken nach allem,
was noch aussteht,
und nicht nur nach dem Zugebilligten.
Uns erwartet das Leben.
Wann, wenn nicht jetzt?

Autorin: Auferstehung erwartet uns nicht erst nach dem Tod, sie wirkt schon jetzt. Wo wir verletzt sind vom Tod, lässt sie uns wieder lebendig werden. Lässt uns die Verbindung mit anderen wagen. Macht Mut, sich dem Leben in die Arme zu werfen. Uns alle erwartet das Leben.
So wünsche ich Ihnen heute einen Sonntag, liebe Hörerin, lieber Hörer, an dem Sie aufstehen können und sich dem Leben in die Arme werfen. Es gibt viel zu entdecken!
Viel Freude dabei wünscht Ihnen Ihre Pfarrerin Karla Wessel aus Gelsenkirchen

7. Musik = 6. Musik

Literatur: Luzia Sutter Rehmann, in: Sich dem Leben in die Arme werfen. Auferstehungserfahrungen, Hg Luzia Sutter Rehmann, Sabine Bieberstein, Ulrike Metternich, Gütersloh 200, Seite 9
BigS = Bibel in gerechter Sprache

 


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