Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

31.03.13; Oberkirchenrätin Cornelia Coenen-Marx

Wie das Leben siegt

Sprecher: „Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. … wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und

auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung.“

Autorin: Frohe Ostern, liebe Hörerin, lieber Hörer, mein Name ist Cornelia Coenen-Marx, ich komme aus Düsseldorf und bin Oberkirchenrätin in Hannover. Sind Sie auch so froh, dass der lange Winter endlich vergangen ist? Ich jedenfalls habe diesmal besonders sehnsüchtig auf den Frühling gewartet.

1. Musik „Freunde, dass der Mandelzweig“, Track 6 von CD Du meine Seele singe – Gitarrenmusik, Tracklänge: 3:14 min., Melodie: Fritz Baltruweit, Bearbeitung: Reinhard Börner, Hänssler Verlag, LC Nr. 06860

Autorin: Zu oft hat sich der Schnee noch einmal über die Blüten gelegt.

1. Musik noch einmal

Sprecher: „Es war der Frühling der Hoffnung und der Winter des Verzweifelns. …wir steuerten alle unmittelbar dem Himmel zu und auch alle unmittelbar in die entgegengesetzte Richtung.“ / „Es war die beste und die schönste Zeit, ein Jahrhundert der Weisheit und des Unsinns, eine Epoche des Glaubens und des Unglaubens, eine Periode des Lichts und der Finsternis.“1

Autorin: So beginnt Charles Dickens berühmter Roman „Eine Geschichte von zwei Städten“, in dem er von London und Paris in den Wirren der französischen Revolution erzählt. Der meist verkaufte Roman aller Zeiten.

Ich glaube, bei jedem, der im letzten Jahr auf die Länder des Maghreb und des Nahen Ostens gesehen hat, klingen diese Sätze wie ein Echo aus ferner Zeit. Denn was die Bürgerinnen und Bürger zurzeit in Tunesien oder in Ägypten, in Libyen oder in Syrien erleben, das gleicht den Hoffnungen und dem Chaos, den Träumen und den Abgründen während der Französischen Revolution. Ob der arabische Frühling sich am Ende durchsetzt oder ob eine neue Eiszeit folgt, ob diese Gesellschaften unterwegs zur Demokratie sind oder ob sie in neue Diktaturen steuern, ob sie die Frauenrechte stärken und andere Religionen achten - das ist alles noch nicht ausgemacht. Hilflos und erschrocken sehen wir zu, wie die Zahl der Toten in Syrien steigt – so wie viele zugesehen haben, als die sowjetischen Panzer in Tschechien einrollten und der Prager Frühling ein jähes Ende nahm – damals, 1969.

Im vorigen Sommer war ich wieder einmal mit meinem Mann in Prag. Auf dem Wenzelsplatz standen wir an einer kleinen Gedenkplatte – für Jan Palach, der am 19. Januar 1969 umgekommen ist – und für Jan Zajik, der im Februar desselben Jahres starb. Auf schwarzem Marmor sind die Fotos der beiden zu sehen – sie waren damals erst 19 und 21 Jahre alt. Junge Männer, die die Sowjets mit Blumen begrüßen - Demonstranten für die Freiheit. Niedergeschossen - wie die jungen Leute heute in Kairo, in Tunis, in Damaskus und Aleppo. Auf der Grabplatte am Wenzelsplatz lagen frische Blumen - und auch ich hätte dort gerne Blumen nieder gelegt. Denn ich erinnere mich noch gut, wie erschüttert ich war, als der sowjetische Einmarsch damals alle Hoffnungen zunichtemachte. Und es macht mich glücklich, zu wissen, dass sich der Frühling doch noch durchgesetzt hat - 20 Jahre später. Prag war die Stadt der Schriftsteller und Politiker; und Vaclav Havel wurde 1989 Präsident der zweiten freien Republik. Wegen seiner offenen Kritik am kommunistischen Regime war er mit Berufsverbot belegt und hatte jahrelang im Gefängnis gesessen - unbeugsam, wenn es um die Wahrheit ging. Dass die Freiheit sich durchsetzen würde, konnte 1969 niemand wissen – und auch heute wissen wir nicht, wohin die Entwicklung geht - in Kairo oder in Damaskus. Aber wir dürfen darauf vertrauen, dass die Wahrheit den Sieg davon trägt und dass die Liebe bleibt. Das feiern Christinnen und Christen zu Ostern.

2. Musik „Freunde, dass der Mandelzweig“, Büro-Archiv Nr. 149, Track 18 von CD Der Himmel geht über allen auf – 50 Jahre Kirchentagslieder von 1949-1999, Tracklänge: 2:31 min., Verlag Ev. Medienhaus GmbH, LC-Nr., 03078

Autorin: Nach dem Holocaust, am Ende des zweiten Weltkriegs, hat der jüdische Dichter Schalom Ben Chorin ein Frühlings- und Osterlied geschrieben, das von dieser Hoffnung singt. Das Lied vom Mandelzweig, der unverzagt blüht und treibt, obwohl unendlich viel Blut geflossen ist. Vom Blütensieg des Lebens nach langen Jahren der Dunkelheit. In diesem Jahr können wir vielleicht etwas davon nachfühlen. Wir kommen aus den langen, trüben Monaten dieses dunklen Winters. Fast jeden Abend sehen wir die Bilder der Verzweiflung aus Damaskus, Aleppo oder Homs - und trotzdem feiern wir heute das Osterfest. Wir feiern, dass am Ende das Leben siegt.

3. Musik: = 2. Musik

Autorin: Wohin geht das Leben? Wie geht es weiter mit uns? Haben wir noch eine Zukunft oder liegt das Beste schon hinter uns? In den allerersten Ostertagen schwankten die Freunde Jesu zwischen Furcht und Verzweiflung. Seine Kreuzigung hatte all ihre Träume platzen lassen: die Erwartung, dass das Reich Gottes unmittelbar bevorstand, dass Israel sich mit Jesus, dem Messias, erneuern würde, die Hoffnung auf Frieden, auf Freiheit und Gerechtigkeit. Es war eine durchaus revolutionäre Situation, auch damals vor 2000 Jahren in Israel. Die Römer fürchteten den Umsturz. Darum machten sie kurzen Prozess. Mit Foltern und Kreuzigungen, mit Blut und Gewalt. Auf den Frühling der Hoffnung folgte der Winter der Verzweiflung. Die Freunde Jesu hatten unter dem Himmel Gottes gestanden – glücklich und erleuchtet – jetzt aber flohen sie vor dem Kreuz. Bei Jesus hatten sie gefunden, was sie suchten: Freundschaft, Gerechtigkeit, eine neue Freiheit. Sie wollten ihm überall hin folgen. Jetzt aber waren sie allein - mit leeren Händen, mit weichen Knien. Nichts ging mehr. Das Leben stand still.

Nur ein paar Frauen gehen an diesem Ostermorgen zum Grab, um dem Toten die letzte Ehre zu erweisen. Was sie finden, erschreckt sie zutiefst: Das Grab ist leer. Keine Spur mehr von Jesus. Nur ein junger Mann ist da in einem langen weißen Gewand, wie man sie im Orient noch heute trägt. Der behauptet, Jesus sei auferstanden. Und er wäre zu finden – in Galiläa, wo alles begann. Unglaublich - nach allem, was geschehen ist, eine Zumutung. Die Frauen ertragen das nicht - sie fliehen- und schweigen. Sie haben Angst. So endet das Markusevangelium - oder genauer - das war der ursprüngliche Schluss. Ich finde das sehr realistisch.

Sich vorzustellen, dass es noch einmal Frühling wird nach all dem Blutvergießen, das verlangt uns viel ab. Manchem zu viel. Es kann sich so anfühlen, als ob wir die Toten im Stich ließen, die Folteropfer und die Gefangenen, die verzweifelten Angehörigen, das zerstörte Leben – nur, weil wir uns nach einem neuen Anfang sehnen. Es gibt aber keinen Ersatz, wenn das Leben wegbricht - ob durch Folter oder Krieg oder durch einen Unfall. Ursula Hammerstein, die ihre Tochter bei einem Unfall verlor, verlor dabei auch ihren Glauben. Sie sagt:

Sprecherin: „Das Glaubensbekenntnis kann ich nicht mehr sprechen. … Ich muss die Tatsache annehmen, dass mein Leben ohne sie weitergeht - und wohl auch ohne Gott. Denn der Glaube hat mir keinen Trost gegeben.“2

4. Musik: Springtime's Coming von Kim Hopper (Interpretin) von CD Springtime's Coming (Studio Track), Label: EMI CMG, 2011 Copyright: (C) 2006 Spring Hill Music Group, LC 12422.

Sprecherin: „Ostermorgen. Über den Gräberreihen auf dem Dorffriedhof liegt freundliches Morgenlicht: Gelächter, Gesänge wehen hinüber: ‚Er ist wahrhaftig auferstanden!` Ich mag den Ostermorgen, das Licht, die Lieder... Jetzt aber bin ich ausgeschlossen. Er ist auferstanden, na prima. Und ich... werde vielleicht in ein paar Stunden an einer Bahre stehen... Und am Montag ein Grab aussuchen. Das ist nicht fair.“1

Autorin: Die Journalistin Barbara Kamprad beschreibt, wie der Tod das Leben in Frage stellen kann - auch zu Ostern. Und wie ihr Glaube neue Wurzeln geschlagen hat - in dieser Osternacht.

Sprecherin: „Die Osternacht ist vierzehn Minuten alt, als das Telefon klingelt. Um diese Zeit sollten keine Anrufe kommen. Sie verheißen nichts Gutes“.

Autorin: Der Mann, den sie liebt, liegt auf der Intensivstation, eine Notoperation ist unausweichlich. Man hat ihn ins künstliche Koma versetzt. Barbara Kamprad spürt den Schock, dann Ohnmacht und Zorn. Die grenzenlose Verlassenheit in den zäh fließenden Stunden dieser Nacht. Dann wird es endlich Morgen.

Sprecherin: “Als ich ins Krankenhaus fahre, liegt freundliches Morgenlicht auf dem Dorffriedhof: Gelächter, Gesänge wehen hinüber: ‚Er ist wahrhaftig auferstanden!` Er ist auferstanden, na prima. Und ich… werde vielleicht in ein paar Stunden an einer Bahre stehen. … Das ist nicht fair.“3

Autorin: Während der liebste Mensch um sein Leben ringt, kämpft Barbara Kamprad um ihren Glauben. Denn Ostern ist die Nagelprobe des Glaubens. Der Apostel Paulus hat das ganz klar beschrieben und kommt am Ende zu dem Schluss:

Sprecher: “Hoffen wir allein in diesem Leben auf Christus, so sind wir die elendesten unter allen Menschen“. (1. Korinther 15,19)

Autorin: Barbara Kamprad erzählt, wie angesichts des handgreiflichen Elends auf der Intensivstation nichts bleibt, wie es ist. Auch sie selbst nicht.

Sprecherin: „Im Nachhinein ist die Intensivstation für mich ein heiliger Raum. Einer, der in Frage stellt, prüft, verwirft, läutert - und schließlich verwandelt. Ein Raum, in dem gerungen und verloren, gerettet und gestorben wird... in dem Unnützes abgetan und Wichtiges ins Licht gestellt wird:“

Autorin: Die größte österliche Gnade, sagt sie, habe sie nicht in der Krypta einer alten Feldkirche gefunden, in keiner Wallfahrtskapelle, sondern im Krankenhaus, wo das Elend des Daseins ins Licht der Gnade gestellt wurde. Was ist das Geheimnis dieser österlichen Gnade? Was hat sie gesehen da am Krankenbett zwischen den Schläuchen und den tickenden Monitoren. Ist sie der Liebe begegnet im Gesicht des geliebten Menschen? Hat sie die Hoffnung gespürt, die stärker ist als der Tod? Das unvergängliche Leben, das unzerstörbare Leben?

Nichts bleibt wie es ist - auch wir nicht. Aber unsere Leiden, unser Elend ist bei Gott nicht vergessen. Noch der auferstandene Jesus ist an seinen Wunden zu erkennen. Sie schmerzen und bluten nicht mehr, aber vergessen sind sie nicht. Gerade an Ostern nicht, wenn wir das neue Leben feiern.

Im Jahr nach dem Tod meiner Mutter - sie starb am Samstag vor Ostern und wir legten ihr Osterglocken in den Sarg - habe ich die Kar- und Osterwoche ganz neu erlebt. Ich hatte Urlaub und konnte an einer meditativen Gottesdienstreihe teilnehmen. Am Gründonnerstag feierten wir gemeinsam Abendmahl. Am Karfreitag dann trugen wir dann das silberne Abendmahlsgeschirr und die weiße Tischdecke, die Blumen und Leuchter, ja selbst die Bibel, aus der Kirche heraus. Nur noch schwarze Leere im Altarraum. Totenstille bis zur Osternacht: Da wird das Osterlicht zurück in die Kirche gebracht – und das Kreuz, geschmückt mit Frühlingsblumen. Verwandlung und Neuschöpfung. Frühling nach langer Dunkelheit. Lieder, die wir ein Jahr zuvor am Sterbebett gesungen hatten. Und mit der Erinnerung kamen die Tränen. Österliche Gnade.

5. Musik Die güldene Sonne bringt Leben und Wonne (EG 444), Melodie: Johann Georg Ahle (1671), Track 3 von CD Choral:gut!, Athesinus Consort Berlin, Klaus-Martin Bresgott, 2012 edition chrismon, LC 16005.

Sprecherin: „Viele Menschen denken, loslassen bedeutet, das Schicksal stoisch zu akzeptieren. Das aber lässt keinen Protest, keine Rebellion, keine Neugier offen - und keine anderen Wege… Wer im guten Sinne loslässt, geht zwar auf Abstand, aber nicht ohne Gefühle. Er hält die Augen offen und weitet sich innerlich“. 4

Autorin: Diese Worte lese ich in meinem Fastenkalender. Was das heißen kann, habe ich bei der Künstlerin Madeleine Dietz entdeckt. Sie hat für den Friedhof in St. Ingbert im Saarland zwölf Grabplatten gestaltet. Was da steht, öffnet mitten auf dem Totenacker ein Fenster zum Leben:

Sprecherin: „Deine Küsse“; „Dein Lachen“; „Dein Geruch“, „Dein Haar“, „Deine Puppe“:

Autorin: So – voller Liebe auch zu meinen Toten, möchte ich dem Frühling und dem Leben entgegen gehen. Ich will meine Augen offen halten für das, was noch kommt. Wir steuern dem Himmel zu, die Welt geht Gottes Zukunft entgegen – auch wenn nach dem ersten Frühling noch einmal der Winter einbricht. Auch wenn noch einmal eine Eiszeit kommt- in Kairo wie damals in Prag. Der Mandelzweig wird blühen. Mein Name ist Cornelia Coenen-Marx. Ich wünsche Ihnen von Herzen fröhliche Ostern!

6. Musik = Musik 4 Springtime´s Coming, Kim Hopper,

1 Charles Dickens, Eine Geschichte von zwei Städten. Urheberrechtsfreie Ausgabe Kindle.
2 in: Philosophie-Magazin, Nr. 1/2013, „ Gott eine gute Idee“, S. 49.
3 Andere Zeiten-Magazin, 1, 2009.
4 Fastenkalender „Sieben Wochen ohne“ 27.2.2009, Anne Bärbel Köhle.

 


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