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"An-Ständig"
Die vier sitzen um einen überquellenden Abendbrottisch. In der Mitte die Ofenpfanne mit Überbackenem. Salat. Wein.
Ein ideales Setting, wie man heute so schön sagt, für eine gelingende Gesprächsrunde. Aber was passiert? Nachdem sich die Tischpartner verbal ein wenig abgeklopft haben, übernimmt Paul auf einmal die Redestafette. Übernimmt sie und lässt sie nicht mehr los. Zunächst ist es auch gar nicht mal so uninteressant, was er da alles zu erzählen weiß. Er berichtet von seinen Reisen. Er schwärmt von den Büchern, die er zur Zeit liest. Er hat auch neue Restaurant-Geheimtipps auf Lager. Nun hätten die anderen drei natürlich zu all den gleichen Themen auch Anregendes beizutragen. Aber kaum setzen z.B. Susanne oder Stephan oder Iris zu einem Beitrag an, ist Paul schon wieder zur Stelle, schneller, wendiger als alle anderen zusammen. So tröpfelt der schöne Abend in eine Solo-Vortragsveranstaltung aus. Schade! Nun könnten manche darüber einfach die Schultern zucken und denken: Naja, einige müssen halt mehr als andere quasseln. Andere nehmens vielliecht mit Humor und sagen, die leiden vielleicht unter Logorrhö - Wortdurchfall -, und dafür gibt es eben keine Kohletabletten.
Gibts die wirklich nicht? Es ist ja nicht so, dass Paul theoretisch nicht auch einmal den Mund halten könnte. Aber er will es einfach nicht. Denn dann würde zweierlei passieren: Erstens stände er dann nicht mehr allein im Mittelpunkt. Und zweitens müsste er dann auch einmal anderen zuhören. Und das kann anstrengend werden. Sich interessiert und wohlwollend in andere Menschen hineinzuversetzen. Sich selber zurücknehmen. Nein, dann schon lieber selber reden. Bei Tisch. In der Mitarbeitersitzung. In der Konferenz. Wer immer redet, macht ständig auf sich aufmerksam. Ja, richtig - aber er oder sie macht auch vieles kaputt. Oft sind es nämlich sehr selbstbezogene Menschen, im Inneren meist gar nicht so sicher, wie sie sich äußerlich geben. Wenn sie so auftreten, machen sie andere leicht mundtot. Sie wollen nicht wirklich hören, was andere erlebt haben. Und sind an einem lebendigen Meinungsaustausch überhaupt nicht interessiert. Jedenfalls nicht Paul. Der hört sich nämlich am liebsten selber zu. Dreht sich um sich selber. Hält sich für das Zentrum der Welt. Und produziert damit einen langweiligen Abend oder eine nervtötende Sitzung. Als mein Bruder einmal ein ähnlich rücksichtsloses Verhalten an den Tag legte, hat meine Mutter einen Zettel an seine Zimmertür gehängt: Ich bin nicht allein auf der Welt. Das saß.
Ich bin nicht allein auf der Welt. Aber viele von uns leben so als ob. Ich zuerst. Im Geschäft. Im Betrieb. Im Kino. Mein Eindruck ist, solche Rücksichtslosigkeit nimmt zu. Menschen wollen sich durchsetzen. Ganz neu ist dieses Phänomen allerdings nicht. Schon 1893 beschrieb der Soziologe Èmile Durkheim seine Gesellschaft als einen Ort, in dem gemeinschaftliche Normen verschwinden, Gruppenmoral ins Wanken gerät und soziale Kontrollen nicht mehr stattfinden. Typische Merkmale einer derartigen Ichbezogenheit seien wachsende Scheidungsraten, Kirchenaustritte, Bindungslosigkeit, psychische Erkrankungen, ausufernde Vereinzelung und die Zunahme von Gewalt.
Etwas hat auch Paul dazu beigetragen. Er hat damit nicht nur die anderen kaltgestellt, sondern am Ende sich selber geschadet. Wie langweilig: Er konnte sich ja nur noch um sich selber drehen. Er war nicht mehr offen für die anderen. Wie bereichernd es sein kann, Susanne, Stephan und Iris zuzuhören, hat er nicht erfahren. Gibts Abhilfe? Ja, niemand unterliegt von Natur aus einem Redezwang. Auch Paul könnte wieder neu lernen, der Goldenen Regel Jesu zu folgen: Alles, nun was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihnen auch! (Mt 7,12)
Will ich, dass mir jemand aufmerksam zuhört, dann versteht es sich von selbst, dass auch ich lerne, zuzuhören und mich den Ideen und Gedanken anderer zu öffnen. Vielleicht wird dann auch die nächste Abendessensrunde viel lebendiger und menschlicher meint Pfarrer Max Koranyi aus Königswinter.
"An-Ständig"
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