Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.04.13; Pfarrerin Viktoria Keil

Vertrauen gegen das Vergessen

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! An manchen Tagen begegnet uns eine andere Welt. Ich klingle an der Haustür.

´Die Schwiegertochter öffnet mir die Tür: „Schön, dass Sie kommen, vielleicht ist Besuch jetzt genau richtig. Heute ist kein guter Tag für meine Schwiegermutter.“

Sie lotst mich ins Wohnzimmer. Dort sitzt Frau Müller am Fenster. „Ach ja, Sie sind es, Frau Pfarrerin, ich habe heute so viel vergessen. Die Tabletten hatte ich vergessen, wie gut, dass meine Schwiegertochter kam. Schrecklich. Ich vergesse alles. Eben traf ich meine Nachbarin: Sie hatte gestern ein großes Fest, ich weiß nicht mehr welches, ich habe es vergessen. Sie war traurig. Ich konnte gar nichts mehr sagen: Ich bin schnell rein, damit ich nicht weinend vor der Tür stehe. So geht das nicht mehr. Ich falle aus der Rolle. Alles wird fremd, ich bleibe besser zuhause. Da ist immer die Angst, etwas falsch zu machen.“

Wie ein Häufchen Elend kauert Frau Müller in ihrem Sessel. Das gelegentliche Vergessen wurde für sie zur Krankheit. Die Angst vor dem Vergessen überschattet nun ihren Alltag und macht ihr Stress. Zu der bedrohlichen Erfahrung, nicht mehr alles zu erinnern, kommt jetzt die Angst, das Vergessen könnte das ganze Leben umspannen.
Die Eigenständigkeit und alles, was die vergangenen Lebensjahre ausgezeichnet hat, stehen auf dem Spiel.

Nicht selten beginnt so ein neuer Lebensabschnitt, in dem ganz andere Dinge wichtig werden. Eine Zeitreise in die Vergangenheit beginnt. Denn diese Erinnerungen sind verfügbar. Alles das jedoch, was erst kurz zurückliegt, verweigert sich der Erinnerung. Viele Menschen, die an Demenz erkrankt sind, erzählen deshalb immer wieder und wieder lieb gewonnene Lebenserinnerungen: Und sie sind froh, wenn ihnen jemand zuhört. Auch wenn das die Zuhörenden anstrengt.

Manchmal ist auch das Gegenteil gefragt: nämlich gemeinsam nach Worten suchen: Denn es fehlen die richtigen Worte. Das gerade Überlegte verflüchtigt sich von einem Augenblick zum anderen. Die Suche nach dem vergessenen Wort braucht entspannte Gesprächspartner. An Demenz erkrankte Menschen leben in ihrer eigenen Welt, aber nicht allein.

Für diesen neuen Lebensabschnitt gilt dasselbe, wie für jedes Neuland, das wir betreten: Wir lassen manches hinter uns und erreichen einen neuen Lebensraum. Es gilt der Zuspruch des Segens, den Gott allen Menschen zuspricht: Lass dich durch nichts erschrecken und verliere nicht den Mut, denn ich bin bei dir, wohin du auch gehst.

In diesem neuen Lebensraum gibt es Lebensfreude und die Zufriedenheit eines glücklichen Augenblicks. Man kann das Leben auch in dieser Lebensphase positiv gestalten, verbliebene Fähigkeiten fördern und Schwächen ignorieren. Dafür brauchen wir Netzwerke der Betreuung. Denn die engsten Angehörigen sind schnell überlastet.
Die Nachbarin von Frau Müller hat das verstanden. Plötzlich seht sie in der Tür mit einer Tortenplatte voller Kuchen.

Ermutigend lächelt sie Frau Müller zu: „Das schmeckt heute in Ruhe noch genauso gut.“ Ich wünsche Ihnen heute gelungene Augenblicke der Lebensfreude, Ihre Viktoria Keil, Pfarrerin aus Barntrup und Sonneborn.

 

Audiobeitrag Vertrauen gegen das Vergessen


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