Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

04.04.13; Pfarrerin Viktoria Keil

Erinnerungsschätze heben

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Oft sitze ich mit Menschen zusammen, die an einem Faden ihrer Lebensgeschichte ziehen und schon fällt ihnen eine Geschichte ein,

die sie erzählen können. Aus dem einen Faden wird ein ganzes Knäuel von Szenen aus dem Leben: Geburten, Abschiede und Neuanfänge, überraschende Wendungen, schmerzvolle Einschnitte, hoffnungsfrohe Aufbrüche. Die meisten Geschichten beginnen mit den Worten: „Ich erinnere mich noch ganz genau:“ Und dann geht es los.

Viele Geschichten klingen ähnlich wie die von Martin, 76 Jahre alt: Er erzählt: „Ich war noch ein Kind, ungefähr acht Jahre alt, meine Großeltern, meine Geschwister und meine Mutter, wir waren unterwegs nach Westen und hatten nur ein Ziel, wir wollten unbedingt dieses Schiff erreichen, es gab kein Auto, nur ein Pferdefuhrwerk, das Pferd wurde nach wenigen Tagen müde und wir kamen nur langsam voran im Schnee: Morgens ging es noch in der Dunkelheit los, es war Winter und ziemlich kalt, aber wir wurden eingepackt bis an die Nasenspitze. Manchmal ging ich eine Zeitlang mit meiner jüngeren Schwester zu Fuß mit einer Hand am Fuhrwerk, damit es unser Pferd leichter hatte. Oft fuhren wir bis in den späten Abend hinein, um bloß rechtzeitig am Hafen anzukommen.

Aber es ging alles zu langsam. Wir machten uns Sorgen, dass wir die Abfahrt des Schiffes verpassen könnten. Als wir den Hafen erreichten, war dort alles leer. Uns wurde erzählt, dass unser Schiff die Wilhelm Gustloff wegen der Winterkälte und des drohendes Eises auf der Ostsee schon gestern ablegen musste. Wir waren restlos am Boden.
Der rettende Weg war uns versperrt. Meine Großeltern waren sich sicher: Das ist jetzt unser Ende.Wir werden das nicht überleben, lasst uns aufgeben. Im Stillen teilte unsere Mutter ihre Meinung. Und doch fuhren wir weiter, zogen mit anderen und ahnten: Was vor uns lag, war ein unendlich beschwerlicher Weg.

Dann kam die Nachricht: Unser Schiff war am 30.1.45 mit 10.000 Flüchtlingen an Bord untergegangen, nur ganz wenige Menschen konnten gerettet werden. In diesen Tagen gab es für uns nur eine Frage: Warum hat Gott uns bewahrt? Warum leben wir noch? Ob das alles einen Sinn ergibt? Am Ende dieser kreisenden Gedanken sagte die Großmutter: Wir haben wohl eine Aufgabe, die noch für uns bereit liegt.“

Martin hatte diese Erzählung mit dem Satz begonnen: „Ich erinnere mich noch ganz genau“. Beim Erzählen kommen längst vergessene Erlebnisse ans Licht – wie ein Schatz waren die Erinnerungen tief im Gedächtnis verborgen. Und wie eine Perle steigt durch die Kraft der Erinnerung plötzlich die Gewissheit in Martin auf: „Mein Leben hat einen Sinn, weil Gott mich bis hierher gebracht hat.“

„Was für ein gutes Leben lag damals noch vor mir,“ sagt er. „Ich konnte mich immer wieder einsetzen für Leute, die dasselbe erlebt hatten. Wie viele Asylbewerber sind seither in unsere Stadt gekommen. Manchmal konnte ich helfen mit anderen, die auch bereit waren, Einsatz zu zeigen. Jetzt kann ich das nicht mehr, aber es war gut.“

Als Martin später stirbt, muss ich beim Trauergespräch feststellen, dass er seinen Kindern nie von der Flucht erzählt hatte. Schade, denke ich. Es wäre doch schön, wenn wir einander erzählen, was uns geprägt hat, wie uns das Leben herausgefordert hat und wie wir einen Sinn gefunden haben im Leben.

Deshalb meine Bitte: Schweigen Sie nicht davon, erzählen Sie oder schreiben Sie es auf, im Rückblick ergibt sich oft ein ermutigender Blick aufs Ganze!
Diesen ermutigenden Blick aufs Leben wünscht Ihnen Viktoria Keil, Pfarrerin in Barntrup und Sonneborn!

 

Audiobeitrag Erinnerungsschätze heben


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