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Das Geheimnis von Erlösung heißt Erinnerung
Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Das Geheimnis von Erlösung heißt Erinnerung, vergessen wollen verlängert das Exil. - sagt der chassidische Rabbi Baal Schem Tov.
Wenn ich in meine eigene Vergangenheit zurückblicke, kann ich erkennen, wie ich die geworden bin, die ich bin. Eine, die den Blick zurück wagt, ist Hilde Schramm. Sie wurde 1936 in Berlin geboren.
Sprecherin: Mein Vater ist Albert Speer; er war Hitlers Architekt, von 1942 bis Kriegsende Minister für Bewaffnung und Munition; im Nürnberger Prozess wurde er als Kriegsverbrecher verurteilt. Meine Herkunft zwang mir eine frühe und nicht abschließbare Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus auf. Für meine Selbstfindung war jedoch der Einfluss von Menschen entscheidend, die eine Gegenwelt zur NS-Ideologie verkörperten; Menschen, die mir eine Ahnung davon vermittelten, wie befreiend Humanität und Aufklärung sein können. Eine solche Erfahrung verdanke ich meiner Lehrerin Frau Dr. Lux. (S 11)
Hilde Schramm besuchte nach dem Krieg das Elisabeth-von-Thadden-Gymnasium in Heidelberg. Sie sieht es im Rückblick als Glück an, dort ihrer Geschichtslehrerin begegnet zu sein: Ihr Name war Dora Lux, geborene Bieber. Sie hatte als Jüdin die Shoa überlebt - die massenhafte Vernichtung der Jüdinnen und Juden im 2. Weltkrieg. In den fünfziger Jahren (1953-1955) nun bereitete die jüdische Geschichtslehrerin die Tochter von Albert Speer auf das Abitur vor. Hilde Schramm erkannte in ihrer Lehrerin eine mutige und unangepasste Frau.
Sprecherin: Das Andenken an meine Lehrerin begleitete mich über Jahre. Phasenweise führte ich innere Monologe mit ihr, so als ich 1966 als Referendarin selbst zu unterrichten begann und ab 1972 Lehrer und Lehrerinnen ausbildete
Ich versuchte, mir klarzumachen, was mir an ihrem Unterricht und ihrem Verhalten so vorbildlich erschienen war,
(S .11)
Diese positive Erinnerung nährte in Hilde Schramm den Wunsch, mehr über die Lehrerin erfahren zu wollen. Im Ruhestand fand sie die Zeit, über das Leben ihrer Geschichtslehrerin zu forschen. Dabei entdeckte sie, dass Dora Lux 1901 in Berlin ihr Abitur gemacht hatte. Danach studierte sie Griechisch und Latein und schloss mit einer Doktorarbeit ab. Mit einer Sondergenehmigung wurde sie 1909 in Preußen zum Staatsexamen zugelassen und konnte als eine der allerersten Frauen in Deutschland eine Ausbildung als Gymnasiallehrerin abschließen. Sie hatte gegen erhebliche Widerstände ihr Recht auf Bildung und Ausübung eines Berufs als Frau durchgesetzt. Sie heiratete und bekam zwei Töchter.
1933 erhielt Dora Lux Berufsverbot, weil ihre Familie jüdischen Ursprungs war. Sie selbst unterlief die Registrierung als Jüdin. Über ihre beiden Töchter machte sie falsche Angaben. Sie schaffte es, die gesamte Zeit des Nationalsozialismus bis zum Ende des Krieges unbehelligt in ihrer normalen Umgebung zu bleiben. Ab Herbst 1945 arbeitete Dora Lux in Heidelberg. Neun Jahre als Studienrätin des Elisabeth-von Thadden-Gymnasiums. Sie beeindruckte ihre Schülerinnen durch ihre umfassende Bildung. Ihr Geschichtsunterricht war nüchtern und unpathetisch. Sie stellte den Jugendlichen Texte, Quellen und Lebensgeschichten zur Verfügung und verzichtete auf Belehrungen. Dora Lux wollte nicht begeistern, sondern regte die Schülerinnen und Schüler an, die Dinge selbst sachlich zu durchdenken. Damit öffnete sie auch unterschiedlichen Meinungen Raum. Dora Lux hoffte, dass so der Hass gegen Andersdenkende verschwinden möge.
Damit hat die Lehrerin junge Menschen bewegt - so sehr, dass sie wie Hilde Schramm ein Leben lang an diese Frau zurückdachten. Gott schickt uns solche Menschen, damit wir Kraft für unseren Weg finden.
An wen erinnern Sie sich gern, liebe Hörerin, lieber Hörer?, fragt sich gespannt Ihre Viktoria Keil, Pfarrerin in Barntrup und Sonneborn.
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Literaturangaben:
Hilde Schramm, Meine Lehrerin, Dr. Dora Lux. 1882-1959.
Nachforschungen, Hamburg 1.Auflage April 2012 bei Rowohlt
Kein Unterricht war so schwierig zu gestalten wie der Geschichtsunterricht nach dem Aufstieg und Fall des 3.Reiches. Von 1933 bis 1945 wurde die Einheit des Volkes und die Notwendigkeit des Krieges gelehrt und historische Personen überhöht, um die deutsche Überlegenheit darzustellen. Zunächst verboten die Alliierten diesen Geschichtsunterricht bis sich eine vergleichende Geschichtsbetrachtung durchsetzte. Dr. Lux arbeitete mit ihren Schülerinnen die geschichtliche Entwicklungen verschiedener Länder über Jahrhunderte hinweg durch und verglich die Entwicklungen der Nachbarländer.
Das Geheimnis von Erlösung heißt Erinnerung
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