Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

02.04.13; Pfarrerin Viktoria Keil

Laura und der Druck

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Ich möchte zur Ruhe kommen…

Diesen Wunsch höre ich immer häufiger in Gesprächen mit Konfirmandeneltern, in Trauergesprächen oder am Krankenbett. Ich bin müde vom Lärm, verbraucht von Geräuschen. Ich möchte zur Ruhe kommen…mich nicht mehr zerrissen fühlen mit dem stetigen Blick auf die Uhr.

Dieser Satz ist für mich eine moderne Übersetzung des Psalmwortes: „Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir?“ (Psalm 42,8)

Bertolt Brecht notierte sich einmal: „Ich sitze am Straßenhang. Der Fahrer wechselt das Rad. Ich bin nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin nicht gern, wo ich hinfahre. Warum sehe ich den Radwechsel mit Ungeduld?“1

Menschen fühlen sich getrieben zu Terminen oder Zusammenkünften, die sie nicht selbst gewählt haben. Das muss erledigt werden, je schneller, umso besser. Diese Termine drücken das Leben zusammen. Der Druck baut sich langsam auf. Der Zeitdruck bedrückt so lange, bis die Seele darauf reagiert. Wir sprechen von Burn-out, Depression oder vom depressiven Erschöpfungszustand. Manche sehen darin eine Modeerscheinung, aber Unruhe und Erschöpfung sind zu Zeichen unserer Zeit geworden.
Bei vielen wächst die Sehnsucht nach Rückzugsmöglichkeiten.

Laura erzählt mir an der Bushaltestelle: „Ich fühle mich ausgelaugt und leer. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich meine Lebenskraft noch hernehmen soll. Mein Gefühl der Lebendigkeit ist mir irgendwo verloren gegangen. Wenn gleich der Bus kommt, könnte ich den ganzen Tag weiterfahren und irgendwann wieder hier aussteigen.“ Ich frage: „Warum tust du das nicht?“

Laura antwortet: „Das ist mir doch zu sinnlos. Irgendwann wird doch mal Schluss sein mit dieser Lernerei. Ende des Jahres bin ich staatlich geprüfte Cellistin. Mit diesem Zwang zur Perfektion ist dann Schluss. Ständig soll ich das Beste aus mir raus holen und alles optimieren. Vielleicht werde ich erst besser, wenn ich es nicht mehr erzwingen will. Zum Examen wünsche ich mir eine Woche Ruhe im Kloster. Mein Cello nehme ich mit, aber ich spiele nur, wenn ich will.“

Katholische Klöster und evangelische Kommunitäten haben jahrhunderte alte Erfahrung mit dem Rhythmus von Arbeit und Ruhe. Der Alltag braucht ein Gegengewicht in der Besinnung, im Schweigen, im Singen, im Gebet. Im Hören von Worten wie: „Christus spricht: Kommt zu mir, die ihr schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen.“ (Matthäus 11,28)

Laura entscheidet sich: Bis zu einem bestimmten Ziel kann ich den Druck aushalten, aber dann will ich nach einem anderen Rhythmus leben. Sie weiß, warum sie den Druck aushalten möchte – sie will ihr Examen machen. Und so kann sie das eine Zeit ertragen – auch wenn es auf Kosten von Treffen mit Freunden, Reisen, Lesen oder Sport – oder einfach auf Kosten der Ruhe geht. Regenerationspausen für die Seele. Auftanker. Die kann man nicht auf Dauer aussperren aus dem Leben. Wer sich pausenlos überfordert, und den Termindruck wie einen Autopiloten das Leben steuern lässt, wird müde.

Denn unser Leben ist nicht unser Machwerk. Der Optimierungszwang und die Bemühung das Beste aus uns herauszuholen, findet eine Grenze. Wir bleiben Menschen mit Gaben, die Raum brauchen, um sich zu entfalten. – Wir können etwas dazutun, aber wir sind nicht die Macher. Lauras Klarheit, ihr festes Vorhaben: „Ich halte durch bis zum Examen, dann nehme ich mir eine Auszeit“ - hat mich beeindruckt. Ich wünsche Ihnen einen Tag, der in dieser Gelassenheit beginnt. In diesem Wissen: Ich darf dem Druck Grenzen setzen und Ruhe finden. Das wünsche ich Ihnen und auch mir selbst, Ihre Viktoria Keil, Pfarrerin in Barntrup und Sonneborn.

1 Quelle: Bertolt Brecht, Buckower Elegien, in: Bertolt Brecht: Gedichte 2.Sammlungen 1938-1956.Berlin, Weimar, Frankfurt am Main 1988. S 310 (Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hrsg. v. W. Hecht, J. Knopf, W. Mittenzwei, K.-D. Müller. Band 12)

 

Audiobeitrag Laura und der Druck


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