Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

01.04.13; Pfarrerin Viktoria Keil

Apfel der Hoffnung

Einen frohen Ostermorgen wünsche ich Ihnen, lieber Hörer, liebe Hörerin! Ostern ist ja die Hoffnung auf das Leben trotz Tod. Diese Hoffnung braucht Nahrung.

Ein Garten zum Beispiel hält die Hoffnung in den Menschen wach auf einen umfriedeten Bereich, in dem unbedroht Leben wächst und gedeiht. Wer umgräbt und sät, hegt und pflegt, staunt und erntet, möchte diese Hoffnung stärken.

Gärtnerinnen und Gärtner leben trotzig gegen den pessimistischen Zeitgeist: Beharrlich bleiben sie dabei, dass gegen die Zerstörung doch ein Kraut gewachsen ist. Der katholische Priester Korbinian Aigner war so ein leidenschaftlicher Gärtner. Er setzte sich in seiner ersten Gemeinde 1931 für vitaminreiche Ernährung ein. Er wird Spezialist für Obstbaumpflege. Seine Kirchenleitung fürchtet, dass er mehr Baumsorge als Seelsorge betreibe.

Der Apfelpfarrer, wie er bald genannt wird, bezieht Stellung, auch gegen die aufkommenden Nationalsozialisten. Im Religionsunterricht behandelt er das Attentat auf Adolf Hitler durch Georg Elser 1939 im Münchener Bürgerbräukeller. Er sagt, wenn Millionen Menschen dadurch gerettet werden können, wäre das kein Mord. Seine Schulleitung sieht darin Hochverrat und so kommt er im November 1939 in Untersuchungshaft und wird verurteilt.

1940 wird er ins Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin gebracht. Anschließend nach Dachau. Dort muss er in der Gewürzplantage Dienst tun, in der schon Hunderte Zwangsarbeiter starben. Wie lebt man inmitten des täglichen Sterbens? Mit Demütigungen, Gewalt, Hunger, Kälte. Im Block 26 den Priesterbaracken von Dachau ist eine Kapelle eingerichtet: Morgens wird die Messe gelesen, sonntags wird Abendmahl gefeiert. Im Sommer sieht der Marienaltar wie ein Blumengarten aus. Vor Entkräftung können manche Gottesdienstbesucher nur noch liegen.

Sie beten Psalm 126: Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Der Zweifel an einer freudigen Ernte rückt immer ferner. Korbinian Aigner denkt an seine Äpfel.
Vielleicht hat ihm das geholfen, das Konzentrationslager zu überleben. Gemeindeglieder schmuggeln ihm Äpfel ins Lager. Und er schreibt den richtigen Namen der Apfelsorte auf einen Zettel und schickt ihn zurück. Wenn so ein Zettel kam, dann wussten seine Freunde, dass er noch lebte.

Aus den Kernen der geschmuggelten Äpfel beginnt Korbinian Aigner kleine Apfelbaumschösslinge zu züchten. Vier Bäumchen wachsen aus den Apfelkernen. Er gibt ihnen den Namen KZ 1-4. Die kleinen Apfelbäume werden durch den Gemüsehandel von Dachau aus dem Lager geschmuggelt. Am 26. April 1945 beginnt ein furchtbarer Todesmarsch von 10.000 Häftlingen. Korbinian Aigner ist dabei – ihm gelingt die Flucht in ein Kloster. Trotz Suchaktionen der SS wird er erfolgreich versteckt. Nach dem Krieg kehrt er in seine Gemeinde zurück.

Einer seiner Apfelsämlinge aus dem KZ erweist sich später als gartentauglich. Er pflegt seinen Apfelbaum KZ-3. Er und sein Apfelbaum haben das KZ überlebt. In den Todesgärten der Konzentrationslager sind Korbinian Aigners Hoffnungen auf ein menschenwürdiges Leben nicht begraben worden. Der Traum vom Gottesgarten und eine Handvoll Apfelkerne haben ihn in diesen schrecklichen Jahren am Leben gehalten.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten, heißt es im Psalm 126. Bis zu seinem Tod 1966 hat Korbinian Aigner Äpfel vom Baum KZ 3 geerntet.

Ich wünsche Ihnen an diesem Ostertag blühende Apfelbäume als Zeichen der Hoffnung auf neues Leben, Ihre Pastorin Viktoria Keil aus Barntrup und Sonneborn.

Literatur: Renate Hücking/Kej Hielscher: Oasen der Sehnsucht, Von Gärten im Verborgenen, mit Beiträgen von Hans Hielscher, mit 84 Abbildungen, Piper Verlag 2004

 

Audiobeitrag Apfel der Hoffnung


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