Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

17.03.13; Pfarrer Roland Hosselmann

Hin und weg - wenn Gott mahnt, ist Liebe im Spiel

Stimmengewirr: Frauenstimme: Putz dir die Zähne! Wasch dir die Hände! Männerstimme: Streng dich an in der Schule! Frauenstimme: Du sollst hier doch nicht rauchen!

Männerstimme: Wenn Sie nicht sorgfältiger arbeiten, fliegen Sie!
Frauenstimme: Iss was Gesundes!
Männerstimme: Du musst dich mehr bewegen!
Frauenstimme: Pass auf, wenn du über die Straße gehst!
Männerstimme: Lass dich nicht übers Ohr hauen!
Frauenstimme: Fahr Bus, nicht Auto! Schon die Umwelt!
Männerstimme: Nimm die Einkaufstasche mit und kauf nicht wieder eine Plastiktüte.
Frauenstimme: Ihr müsst umdenken! Ihr müsst teilen!
Männerstimme: Es ist fünf vor zwölf.

Autor: Guten Morgen, liebe Hörerin, lieber Hörer! Es geht ein großes Ermahnen durch die Welt. Manchmal habe ich das Gefühl: Ermahnungen sind wie die Luft, die wir atmen. Kein Tag vergeht, an dem wir nicht ermahnt werden, dies zu tun und jenes zu lassen. Und wenn man sich umschaut - Gründe dafür gibt es genug. Mein Name ist Roland Hosselmann und ich bin Pfarrer in der Evangelischen Kirchengemeinde Lippstadt.

Mahnend die Stimme erheben: da fallen mir sofort die großen Skandale und Probleme ein: Umweltzerstörung und Klimawandel. Kriege und Waffenexporte. Die Gier nach mehr. Und immer mehr. Ich denke, wir brauchen Ermahnungen. Damit es uns noch einmal gelingen kann, das Ruder herum zu reißen, das drohende Unheil abzuwenden und der Zukunft die Tür zum Leben aufzuschlagen.

Diese Mahnungen sind aber oft in den Wind gesprochen. Man hört, was eigentlich zu tun wäre, registriert das auch, aber ändert dann doch nicht viel.
Das Christentum hält eine Palette von Ermahnungen bereit. Und da frage ich mich schon: Ist das jetzt nur eine Variante der Ermahnungen, mit denen wir es sowieso schon von morgens bis abends zu tun haben? Oder gibt es hier etwas, das anders ist? Vielleicht sogar ganz anders?

1. Musik Quadro Nuevo, CD Grand Voyage – Lieder einer großen Reise,
GLM Music, 2010 Fine Music, LC 11188, Track 1 Die Reise nach Batumi (5:57) Komponist: Mulo Francel

Autor: Der Apostel Paulus hat den längsten Brief seiner Laufbahn an eine Gemeinde geschrieben, die er persönlich nicht kannte. An die Gemeinde in Rom, der Weltstadt jener Zeit. Sechzehn Kapitel hat der Brief. Im zwölften Kapitel hält Paulus mahnende Worte bereit. So sollt ihr euch verhalten.

Sprecher: Ich ermahne euch nun durch die Barmherzigkeit Gottes, liebe Geschwister, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Autor: Elf Kapitel lang hat Paulus sein Anliegen zur Sprache gebracht. Hat erklärt, worum es ihm hier in einer Reihe harter Auseinandersetzungen geht. Das alles lässt er nun zu Beginn des 12. Kapitels in diese Worte einfließen:

Sprecher: durch die Barmherzigkeit Gottes

Autor: Hier legt Paulus das Fundament seiner Ethik: Gott ist barmherzig. Das ist die Wirklichkeit, die mich und all mein Tun und Lassen immer schon umschließt. Durch die Barmherzigkeit Gottes, - das heißt für mich: Ich habe einen Gott, der mich bedingungslos liebt. Der mich unter keinen Umständen fallen lässt. Der mir Halt und Zuversicht gibt. Ich habe einen Gott, bei dem ich besser aufgehoben bin als bei mir selber. Dem ich mehr am Herzen liege, der mich aber auch ernster nimmt, als ich selber das je könnte.
Das griechische Wort "parakalein", das Paulus hier ins Feld führt und das Luther mit "ermahnen" übersetzt, heißt eigentlich "trösten".

Trost ist in der Bibel immer das, was einen Menschen aufatmen lässt, was ihm Kraft gibt, was Todesmöglichkeiten verschließt und Lebensmöglichkeiten erschließt. Mit einem Wort: Trost geschieht da, wo einem Menschen wieder Vertrauen ins Dasein geschenkt wird.

Es geht also um eine "Ermahnung", die nicht klein, sondern groß machen will. Die den Weg öffnet aus der Enge in die Weite, aus der Dunkelheit ins Licht, aus dem Tod und der Starre in den Fluss des Lebens.

Werde ich ermahnt? Ja, das werde ich. Aber nicht, damit, sondern weil ich geliebt werde. Auf dieser Grundlage kann ich die Mahnungen gut hören, die der Apostel an mich richtet.

2. Musik wie 1. Musik (0:22)

Autor: Was möchte ich, wenn ich jemanden ermahne? Eigentlich will ich, dass derjenige, den ich ermahne, genau das tut , was ich sage, was ich für richtig halte. Alles hört auf mein Kommando! Bei Paulus ist das anders. Ihm geht es um das Gegenteil. Es geht ihm um die Würde und Freiheit der Männer und Frauen, an die er schreibt.

Sprecher: Damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist,

Autor: Ihr! Jeder einzelne soll in der Lage sein, selber herauszufinden, was dem Willen Gottes entspricht. Darauf läuft die "Ermahnung" des Paulus hinaus. Das hat wenig mit Fremdbestimmung, dafür aber viel mit Selbstbestimmung zu tun.

Ob allerdings die Gemeinde in Rom in der Lage war, immer und überall in hundertprozentiger Klarheit tatsächlich herauszufinden, was der Wille Gottes ist? Das glaube ich nicht! Dazu war die Gemeinde in Rom nicht imstande. Nicht die Gemeinde in Korinth. Nicht die Gemeinde in Konstantinopel. Nicht die Gemeinden in Wittenberg und Genf. Und wir in Lippstadt auch nicht.

Nein, uns alle verbindet, dass wir noch unterwegs sind. Unterwegs in einer Welt voller Rätsel. Unterwegs in einer Welt, in der das, was ich glaube, und das, was ich sehe, auf mitunter schmerzhafte Weise zweierlei ist. Gerade deshalb brauchen wir Nachtwanderer einen hellen Fluchtpunkt. Und den lässt Paulus aufleuchten fern am Horizont:

Sprecher: Damit ihr prüfen könnt, was der Wille Gottes ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Autor: Drei Maßstäbe nennt Paulus hier, die für Klarheit sorgen sollen, was Gottes Wille ist. Zunächst das Gute. Also das, was wirklich gut ist und wirklich gut tut.
Sodann das Wohlgefällige. Also das, was nicht durch falschen Schein glänzt, sondern tatsächlich schön genannt zu werden verdient. Und schließlich das Vollkommene. Also das, was alles Gute und Schöne in sich birgt und somit nichts mehr zu wünschen übrig lässt.

So groß denkt Paulus von uns, dass er uns das zutraut: selber zu prüfen, was richtig und falsch ist! Und zwar an Hand und im Licht dieser Maßstäbe: Ist es gut? Ist es wohlgefällig? Ist es vollkommen? Paulus sagt: Ihr habt die Fähigkeit dazu. Diese Fähigkeit mag schlafen. Aber sie kann aufgeweckt werden. Ihr könnt sie aufwecken.

3. Musik Quadro Nuevo, CD Grand Voyage – Lieder einer großen Reise,
GLM Music, 2010 Fine Music, LC 11188, Track 5 Samba per Parapente (5:20) Komponist Andreas Hinterseher

Autor: Bei Paulus ist die "Ermahnung" eingebettet in ein größeres Ganzes. Ausgangspunkt ist der Glaube: Gott ist barmherzig - das ist ein unerschütterliches Fundament.
Der Ziel- und Fluchtpunkt ist: Du und ich, wir können selbständig erkennen, was Gott entspricht und somit das Beste für unser Leben ist.
Wie aber verläuft der Weg von jenem Ausgangspunkt zu diesem Zielpunkt? Was bringt mich auf diesen Weg? Was entfacht die Sehnsucht in mir?

Sprecher: Gebt eure Leiber hin als ein lebendiges Opfer!

Autor: Paulus hat diesen Brief vor fast 2000 Jahren geschrieben. Das Opfern gehörte damals ganz selbstverständlich zum Daseinsgefühl des Menschen. Diese Selbstverständlichkeit ist in der modernen Welt zerbrochen. Ich glaube allerdings, dass uns der alte Opfergedanke öfter begegnet als wir vielleicht ahnen. Nur eben incognito. Zum Beispiel im Gespräch mit einem Berliner. Der hat nämlich einen interessanten Ausdruck für einen Menschen, der bis über beide Ohren verknallt ist. Er sagt:

Sprecher
: Der ist hin und weg.

Autor: Wer verliebt ist, für den gilt: Er ist hin und weg. Er ist weg von sich selber. Und: Er ist hin zu der Person, die es ihm angetan hat.

Hin und weg, das ist auch der Mensch, der sich auf Gott verlässt. Er ist weg von sich selber. Weg vom Egotripp. Weg von der Last, sich ganz allein sichern, tragen, rechtfertigen zu müssen. Und er ist hin zu Gott. Um sich dann hier, bei Gott, in Gott, ganz neu zu finden. Nämlich als Geschöpf, das in und trotz aller globalen Schieflagen und persönlichen Brüche "von guten Mächten wunderbar geborgen ist".

Wer frei von der Sorge um sich selbst ist, der wird offen für die Sorge um den Anderen. Der kann sich begeistern lassen. Opfern heißt: Ich trage etwas Kostbares von mir, von meinem Leben in das Leben eines anderen hinein und knüpfe dadurch ein festes Band. Ich denke an das, was Eltern für ihre Kinder tun. Ich denke an "Ärzte ohne Grenzen". Ich denke an so manches ehrenamtliche Engagement in der Schulpflegschaft, in der Kommunalpolitik, im Schützenverein, in der Friedensarbeit.

Wer opfert, stellt sich in einen größeren Zusammenhang. Wer opfert, stellt sein Leben in den Dienst einer Sache, die größer ist als er selbst. Nur dadurch, so die Überzeugung der Alten, wird ein Leben geadelt. Es geht um Ziele, die über den persönlichen Vorteil hinausgehen. Es geht um Ehre. Und es geht darum, das Beste zu geben und dafür auch etwas zu riskieren. Nur tote Fische schwimmen mit dem Strom.

4. Musik = Silbermond, CD Irgendwas bleibt, Track 1 Irgendwas bleibt, Label: Columbia, LC 00162, Copyright: (P) 2009 Sony Music Entertainment Germany GmbH, 1:02- 1:45 (0:43)

Autor: Es geht ein großes Ermahnen durch die Welt. Und das ist kein Zufall. Das Leben kommt auf uns zu. Und wir müssen uns dazu verhalten. Dazu Stellung nehmen. Müssen urteilen. Und gelegentlich auch verurteilen. Fehler aufdecken. Vor Gefahren und Irrwegen warnen. Alternativen aufzeigen. Licht ins Dunkel bringen. Werte hochhalten. Verantwortung übernehmen. Mitstreiter suchen. Usw. In alledem vibriert das Moment der Ermahnung.

In das Ermahnen, das durch die Welt geht, bin ich aktiv und passiv verstrickt. Die Frage ist nur, ob ich das auf gute Weise bin. Ich höre aus dem Römerbrief des Paulus drei Fragen, heraus, die ich mir selber stellen kann, um zu überprüfen, ob ich auf dem richtigen Weg bin.

Ist Barmherzigkeit im Spiel, wenn ich ermahne oder ermahnt werde? Die Wahrheit in Liebe zu sagen und nicht dem anderen wie einen nassen Lappen um die Ohren zu schlagen, ist so ein Akt der Barmherzigkeit. Die erste und wichtigste Frage lautet also kurz gesagt: Ist Liebe im Spiel?

Die zweite Frage: Habe ich da, wo ich zu einem bestimmten Tun oder Lassen auffordere, die Freiheit und Würde der Menschen im Blick, an die ich mich wende? Und schließlich die dritte und vielleicht schwierigste Frage: Habe ich für mich selber etwas entdeckt, wofür es sich lohnt auf der Welt zu sein und morgens aufzustehen, etwas, das mich in die Pflicht nimmt und zu Recht einen großen Einsatz fordert?

Das sind die Fragen, die Paulus uns mitgibt, damit wir zugleich getröstet und verantwortungsbewusst leben können. So werden die vielen mahnenden Stimmen um mich herum schon leiser. Ich kann mich ihnen gleichsam gegenüberstellen und eine eigene Entscheidung treffen. Mit diesen Fragen und den besten Wünschen für den heutigen Sonntag und die kommende Woche verabschiedet sich von Ihnen Pfarrer Roland Hosselmann aus Lippstadt.

5. Schlussmusik

Literatur: Edmond Rochedieu,Von der Antike bis zum Mittelalter, in: Die großen Religionen der Welt, Bd. 1, Gütersloh 1985.

 


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