Auf den zweiten Blick
Manchmal landen Menschen ganz schnell in einer Schublade. Da scheint alles ganz eindeutig und klar zu sein. Keine positive Bilanz.
Die Urteile sind längst gesprochen - von Nachbarn, Kollegen und manchmal auch von der Familie - meist letztinstanzlich. Revision ist kaum noch möglich. Denn hat man einmal schlechte Erfahrungen mit einem Menschen gemacht, möglicherweise sogar mehrfach, dann ist man mit ihm schnell fertig. Hat er zudem schon seinen Ruf öffentlich ruiniert, dann gehen viele Menschen auf Distanz zu ihm und halten Abstand. So ist das im Alltagsleben.
Und noch viel eindeutiger und klarer scheint die Sache, wenn jemand straffällig geworden ist. Polizei und Staatsanwaltschaft haben ermittelt. Gerichte haben beraten, geurteilt und verurteilt. Der Verurteilte kommt vielleicht sogar ins Gefängnis. Das sind dann doch offenkundig ganz klare Verhältnisse. In den Akten steht dann das, was zur Verurteilung geführt hat. Aber ist damit schon alles geklärt? Was ist damit über einen Menschen gesagt?
Ab und zu nehme ich an Gottesdiensten in einer Justizvollzugsanstalt teil oder gestalte den Gottesdienst als Pfarrer selbst. Ich spüre dabei: Auf der einen Seite scheint hier hinter den Mauern alles geregelt und geordnet zu sein. Auf der anderen Seite ist schon fraglich, was man wirklich sieht, wenn man nur das sieht, was vor Augen ist. Mir fällt auf: Die Situation in einer Justizvollzugsanstalt ist in vielerlei Hinsicht außergewöhnlich. Denn hier muss man einander nichts vormachen. Niemand spielt hier das Spiel Meine Weste ist weißer als deine. Irgendwie herrscht deshalb an diesem Ort eine auf besondere Weise ehrliche Grundstimmung. Aber ist hier die Welt wirklich in Ordnung? Klar sortiert? Alles geregelt? Eine Lebensgeschichte passt nie zwischen zwei Aktendeckel.
In der Bibel heißt es: Ein Mensch sieht, was vor Augen ist; Gott aber sieht das Herz an. Ich verstehe das so: Es kommt nicht auf den ersten Blick an. Es kommt nicht darauf an, was ich darstelle. Es kommt auch nicht auf mein Sündenregister an. Bei Gott zählt etwas anderes: Gott aber sieht das Herz an. Gott sieht tiefer: Gott sieht, was ein Mensch will, Gott sieht seine tiefsten Hoffnungen, seine Wünsche und Träume. Gott sieht mehr als vor Augen ist und viel mehr als in den Akten steht.
Das ist ein ganz anderes Menschenbild: Im Leben eines jeden Menschen gibt es Licht und Schatten. Es gibt Zögern und Zweifeln, Freundschaft und Liebe, Zorn und Güte. Wir alle sind manchmal schwach und manchmal stark. Manchmal tue ich das Böse, das ich nicht tun will. Ein anderes Mal tue ich das Gute nicht, das ich tun will. Gott gibt sich nicht mit dem ersten Blick zufrieden. Er guckt tiefer. Er sieht das Herz an. Dann können wir auch anders. Wir können mindestens einen zweiten Blick riskieren. Und wir können unsere Urteile über Menschen korrigieren. Revision ist immer möglich.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, wagen Sie also heute beherzt einen zweiten Blick, meint Manfred Rekowski aus Düsseldorf, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Auf den zweiten Blick
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