Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

21.03.13; Präses Manfred Rekowski

Abgehängt!?

Die ganze Schule findet sich in unserer Kirche ein. Wir feiern Gottesdienst. Rund 30 Schülerinnen und Schüler werden aus der Schule entlassen. Ihre Stimmung ist gedämpft.

Für die Jugendlichen geht die Schulzeit an einer Förderschule zu Ende. Natürlich schwingt immer auch etwas Wehmut mit, wenn vertraute Abläufe und Rituale zu Ende gehen und ein neuer unbekannter Abschnitt beginnt. Die gedämpfte Stimmung hat aber andere Gründe. Wenn es gut gelaufen ist, dann haben die Schulentlassenen einen Platz in einer „Maßnahme“ erhalten. „Warteschleife“ sagen dazu manche. Am Beginn ihres beruflichen Lebens, am Beginn des Lebens als Erwachsene erleben sie: „Ich bin nicht gefragt. Die Züge fahren ohne mich ab.“ Das ist bitter.

Nun feiern wir Gottesdienst. Im Mittelpunkt stehen die Schülerinnen und Schüler, die entlassen werden. Mein katholischer Kollege, der Schulleiter und ich lesen ihre Namen vor. Jeder Jugendliche kommt nach vorne. Die Jugendlichen spüren: Ich bin hier willkommen. So wie ich bin, bin ich hier erwünscht. Ich bin gewollt. Ich werde hier nicht bewertet. Es wird hier auch nicht sortiert. Und ich werde schon gar nicht aussortiert. Ich bin nicht nur ein Name in einer langen Liste. Ich bin auch nicht eine Nummer, in irgendeiner Statistik zum Beispiel, in der gezählt wird, wie viele Menschen Arbeit suchen. „Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen“, dieses Versprechen Gottes hören die Schülerinnen und Schüler im Gottesdienst. Alle bekommen später ein „Wunschbuch“ zum Abschied – liebevoll gestaltet von der eigenen Klasse – mit guten Wünschen für die Zukunft. Diese Wünsche sind auch Teil der Gebete am Ende des Gottesdienstes. Natürlich wissen die Schülerinnen und Schüler: Gott arbeitet keine Wunschzettel ab, er erfüllt nicht alle Wünsche, aber er begleitet Menschen durchs Leben. Mich berührt dieser Gottesdienst sehr. Wenn ich in die Gesichter der Schülerinnen und Schüler sehe, spüre ich, dass manche von ihnen - obwohl sie noch sehr jung sind - schon viel erlebt und erlitten haben. Hier, in diesem Gottesdienst, nehmen wir jede und jeden Einzelnen wahr.

Auf dem Weg nach Hause, denke ich: Wir müssen als Kirche noch mehr tun für diese Jugendlichen. Wir dürfen nicht zulassen, dass sie abgehängt werden. Im Gegenteil: Sie sind eine der vielen Säulen, auf denen unsere Gesellschaft ruht. Aber das sehen nicht viele so. In unserer Gesellschaft messen wir Banken einen höheren Stellenwert zu als diesen Jugendlichen. Banken in der Krise werden gerettet. Und Jugendliche? Keiner würde sagen, hier muss man Geld in die Hand nehmen, um ihren Start ins berufliche Leben zu sichern. Hier wird auch kein Rettungsschirm entfaltet. Trotzdem gilt: Jeder Schüler, jede Schülerin, die keine Perspektive hat, ist relevant - für unsere gesamte Gesellschaft. Eine Gesellschaft verliert ihr menschliches Gesicht, wenn sie Jugendliche abschreibt.

„Ich habe Dich bei Deinem Namen gerufen“, hören die Schülerinnen und Schüler im Gottesdienst. Das heißt doch: Gott hat mich im Blick. Er kennt meine Geschichte. Er schenkt mir eine Zukunft. Den Jugendlichen wünsche ich: eine gute Zukunft, Arbeit und einen Platz in dieser Gesellschaft.

Und uns wünsche ich: Dass wir nicht locker lassen, dass das auch gelingt. Einen herzlichen Gruß an alle, die einen neuen Abschnitt in ihrem Leben beginnen – gleich ob Alt oder Jung. Gott begleite Sie auf diesem Weg. Ihr Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

Audiobeitrag Abgehängt!?


Druckversion

Suche

Sendungen der Woche

Sendungen am Sonntag

Sendungen im Fernsehen