| |
Schlusspunkt? Nein: Neuer Anfang!
Und dann ist er gegangen, sagt sie leise. Nach mehr als 30 Jahren. Einfach gegangen.
Kinder haben sie gemeinsam groß gezogen. Das Leben geteilt und einander immer wieder wechselseitig das Leben bereichert. Natürlich waren sie irgendwie auch eine funktionierende Arbeitsgemeinschaft im Betrieb Familie. Aufgaben wurden verteilt, Rollen zugewiesen. Es gab im Zusammenleben Hoch-Zeiten und auch viel Normalität im Alltag. Es gab gemeinsames Glück und geteiltes Leid. Aber es gab auch ein geordnetes Nebeneinander. Denn sie waren nicht immer im Gleichschritt unterwegs. Aber sie wussten: Wir können uns doch immer aufeinander verlassen. Und ihr Wunsch war es, gemeinsam älter und alt zu werden. Das hatten sie nicht vertraglich geregelt, aber es war irgendwie abgemacht. Ihre Liebe zueinander sollte lebendig bleiben. Das hofften sie. Und sie wollten immer wieder aus gemeinsamen Erfahrungen schöpfen. Aber es kommt anders: Dann ist er gegangen. Ein Abgang ohne Stil wie in einem schlechten Film.
Die Pfarrerin, die mit der Verlassenen spricht, ist als Seelsorgerin gefragt. Sie hört zu. Sie hält aus: das Weinen, das Schweigen und die unerträgliche Situation. Wenn alles fragwürdig wird, dann gibt es keine schnellen Antworten. Ab und an fragt die Pfarrerin nach, hilft, die Gedanken und Gefühle zu sortieren. Das Gespräch geht weiter: Ich muss jetzt für die Kinder da sein ich muss funktionieren, sagt die Frau.
Wenn die Worte ausgehen, helfen oft Worte der Bibel: um Situationen zu beschreiben oder Klagen in Worte zu fassen. Die Pfarrerin erinnert sich an einen Psalm, ein altes Gebet der Bibel. Dort betet jemand, der auch ganz am Ende ist: Ich glaube aber doch, dass ich sehen werde die Güte des Herrn im Lande der Lebendigen. (Psalm 27,13) Uralte Worte, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und die sich in schwierigen Lebenssituationen bewährt haben. Da hat jemand erfahren: Gott setzt einen Doppelpunkt, wo wir Menschen nur noch einen Schlusspunkt sehen. Gott sorgt dafür, dass es weitergeht mit mir. Die Pfarrerin erinnert sich an dieses Wort es stärkt sie selbst und es stärkt die Frau, die verzweifelt, weil sie verlassen wurde. Weil ihr Lebensplan, ihre Pläne mit ihrem Mann und ihre Hoffnungen auf ein Leben zu zweit mit einem Mal zunichte sind. Wie es nach diesem nur scheinbaren Schlusspunkt weitergeht, das wird die Frau noch in vielen Gesprächen mit der Pfarrerin, Freundinnen und Freunden und anderen herausfinden. Vielleicht auch im Gebet.
Liebe Hörerin, lieber Hörer, seelsorgliche Begleitung ist unspektakulär, verschwiegen und diskret aber nie öffentlich. Seelsorgerinnen und Seelsorger in den Kirchengemeinden, in den Krankenhäusern, in den Schulen, bei der Telefonseelsorge, in der Notfallseelsorge oder an anderen Orten sind ansprechbar, hören zu und begleiten. Nach Konfession, Religion oder Kirchenzugehörigkeit wird dabei nicht gefragt. Seelsorge ist im Verborgenen wirksam. Sie ist auch in den Tiefen und Abgründen des Lebens präsent. Seelsorge an Menschen gehört zum christlichen Auftrag. Deshalb tun wir das. Damit Menschen spüren: Gott setzt einen Doppelpunkt, wo du gerade nur noch einen Schlusspunkt erkennen kannst. Er will, dass du eine Zukunft hast.
Dass Sie das heute auch spüren, wünscht Ihnen Ihr Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.
Schlusspunkt? Nein: Neuer Anfang!
|