Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

19.03.13; Präses Manfred Rekowski

Interessiert euch!

Es klingelt an der Haustür des Pfarrhauses. Ein Mann steht vor der Tür. Abgewetzter Mantel, ausgetretene Schuhe, viel zu lange, ungewaschene Haare.

Bereits auf den ersten Blick stelle ich fest: Er hat schon bessere Tage gesehen. Nun klingelt er an meiner Tür, um zu bitten, um zu betteln. Unaufgefordert erzählt er seine Geschichte. Manches klingt sehr authentisch. Anderes fast ein wenig abenteuerlich. Ob die Geschichte glaubwürdig ist? Wer weiß? Ich bin unsicher. Doch hin wie her, wahr ist: Hier wurde jemand aus der Kurve getragen – sein Leben kam offenkundig unumkehrbar ins Rutschen. Eines kam zum anderen. Beziehungen gingen in die Brüche. Arbeitsverhältnisse auch. Und ohne Einkommen keine Wohnung. Einmal ins Rutschen gekommen, gibt es kein Halten mehr. Das Netz der sozialen Sicherung hat ebenso wenig gehalten wie die sozialen Netzwerke von Familie, Kollegen und Nachbarschaft. Nun steht er vor meiner Tür.

Kann ich ihm helfen? Hilfe fängt manchmal beim Zuhören an – auch wenn die Geschichten bisweilen recht phantasievoll klingen. Und wie geht es weiter? Mit einem Kaffee, einem Butterbrot, einem Teller Suppe? Das hilft in manchen Momenten weiter. Manchmal wird auch eine Fahrkarte benötigt. Oft wird auch Geld verlangt. Wo endet Hilfe? Und wie sieht eine Lösung aus? Vielleicht hilft ein Termin bei der Sozialberatung weiter? Oder ist ein Termin bei der Schuldnerberatung angesagt? Die Begegnungen an der Pfarrhaustür verlaufen nie genau gleich. Denn jeder Mensch, der hier schellt, ist anders.

Die Szene an der Haustür des Pfarrhauses zeigt: Es ist gut, wenn es Anlaufstellen gibt. Es hilft sehr, wenn es Orte gibt, wo niemand zu hören bekommt: „Ich bin nicht zuständig!“ Und diese Szene zeigt auch: Die Kirche ist immer noch für viele Menschen eine gute Adresse. Ob ein Pfarrhaus, eine Beratungsstelle oder ein Kirchenraum, eine Tür steht in der Kirche immer offen. Typisch Kirche ist es, Menschen hereinzulassen, sie an sich ranzulassen. Typisch Kirche ist es auch, sich zu interessieren für Menschen und ihre jeweilige Geschichte. Die Kirchenmitgliedschaft ist dabei keine Einlassbedingung und auch nach der Tauf- oder Konfirmationsurkunde wird nicht gefragt.

Die Kirche und ihre Mitarbeitenden versuchen zu helfen. Viele Christinnen und Christen lassen sich in ihrem Handeln von Jesu Worten bestimmen. Er hat gesagt: „Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.“ (Matthäus 5,79) In den Kirchengemeinden wird in den sonntäglichen Gottesdiensten eine Diakoniekollekte für bedürftige Menschen eingesammelt. Das Geld wird unbürokratisch für Menschen in Notlagen eingesetzt. Die Diakonischen Werke bieten meist zusätzliche professionelle Hilfsangebote an – manches unterstützend, anderes vorbeugend. Wichtig ist aber: Die tätige Hilfe gehört immer zum Glauben. Nicht der weltabgewandte Blick zum Himmel, sondern der offene Blick zu den Menschen, ist der Auftrag, den Jesus seinen Nachfolgerinnen und Nachfolgern vorgelebt hat. Wer an den barmherzigen Gott glaubt, lässt sich von anderen Menschen und ihrem Schicksal anrühren und herausfordern. Begegnungen mit hilfesuchenden Menschen verändern: den Alltag, die Helfenden und auch ein wenig unsere Welt.

Dass Sie heute die Augen und Herzen offen halten für Menschen, die gerade Ihre Hilfe brauchen und dass Sie offene Ohren und Herzen finden, wenn Sie selbst Hilfe brauchen, das wünscht Ihnen Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

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