Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

18.03.13; Präses Manfred Rekowski

Kirche: lebensnah

„Wie lebensnah ist die Kirche?“ Diese Frage taucht in den Medien immer wieder auf. Ich wundere mich darüber:

Diese Frage ist mir als Pfarrer in meiner Kirchengemeinde nie gestellt worden. Denn Kirche steht mitten im Leben. Dem Pfarrer, den kirchlichen Mitarbeitenden ist das Leben vertraut. Fast nichts ist ihnen fremd. Und wenn es schwer wird für Menschen, ist die Kirche da. Das ist so selbstverständlich, dass niemand fragen würde: „Wie lebensnah ist eigentlich die Kirche?“

Ich klingele an einer Haustür. Mir öffnet eine Frau, deren Mann vor zwei Tagen gestorben ist. Ich kenne sie nur flüchtig. Das ist in einer Großstadtgemeinde mit mehr als 3.000 Gemeindemitgliedern häufiger so. Nach einer Begrüßung und einigen Fragen zu den Umständen des Todes, Familienstand und Lebenszusammenhängen sind wir mitten drin. Eben noch war ich ein fast fremder Mann an der Haustür. Nun bin ich Seelsorger, dem man vertraut. Das Gespräch dauert eine, vielleicht auch anderthalb Stunden. Und es geht nicht nur um die biographischen Daten, sondern auch um die Tiefen, Abbrüche und Fragmente eines zu Ende gegangenen Lebens. Es geht um Pläne, die nun nie mehr verwirklicht werden und um ungelebtes Leben. Und es geht auch um das Weiterleben. Allein weiter in der zu groß gewordenen Wohnung leben? Wie geht das, wenn man nach Jahrzehnten als eingespieltes „Team“ zur Witwe wird?

Und dann kommen wir zur Trauerfeier: Wie soll sie gestaltet werden? Einige Elemente liegen fest, denn eine christliche Trauerfeier ist ein Gottesdienst. Ich erkundige mich: „Gibt es einen Tauf-, Konfirmations- oder Trauspruch, der Ihrem Mann oder Ihnen als Familie wichtig war?“ Fehlanzeige. Kein Problem. Ich schlage vor: „Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen; du bist mein!“ (Jesaja 43,1) Dann die Musik: In einem Trauergottesdienst singen wir Choräle wie diesen: „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost was kommen mag.“ Manche sind den Angehörigen vertraut, andere eher fremd. Die Witwe sagt: „Mein Mann hörte so gern das Lied im Radio `Geboren um zu leben`. Ich habe mal gehört, dass man bei der Trauerfeier so was auch einspielen kann. Geht das auch in der Kirche?“ „Ja“, sage ich, „das geht.“ Musik spricht Menschen an und man kann sie auslegen wie einen Bibeltext. Manche Glaubens-Hoffnungen und Sehnsüchte werden in modernen Liedtexten in nicht religiöser Sprache ausgedrückt.

Manchmal bedanken die Angehörigen sich nach einer Trauerfeier bei mir: Weil ich sie begleitet habe. Weil ich als Dolmetscher versucht habe, Worte für ihre Situation zu finden. Weil ich von der Hoffnung der Bibel gesprochen habe, die stärker ist als der Tod. Ich spüre dann: Mitten im Leben ist Gott. Trotzdem gibt es immer wieder die Frage: „Wie lebensnah ist die Kirche?“ Sie begegnet uns in den Medien, als Thema in Talkshows oder in Zeitungskommentaren. Bei dieser Frage geht es um das Erscheinungsbild der Institution Kirche. Die Kirche als Institution und Organisation spiegelt nicht unbedingt auf den ersten Blick wieder, was die Menschen bewegt und was den Glauben wertvoll macht. Manche sprechen ja auch von „Amtskirche“. Das klingt nach Behörde mit beschränkter Anziehungskraft. Natürlich muss die Kirche auch organisiert werden. Aber es geht in der Kirche immer um das Leben. Um Gott im Leben der Menschen. Er will, „dass allen Menschen geholfen werde und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.“ (1. Timotheus 2,4).

Dass Sie, liebe Hörerin, lieber Hörer, die Kirche mitten im Leben finden, wünscht Ihnen Manfred Rekowski, Präses der Evangelischen Kirche im Rheinland.

 

Audiobeitrag Kirche: lebensnah


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