Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

20.03.13; Pfarrer Sven Keppler

Der fremde Freund

Seit gestern habe ich einen neuen Freund. ,Freund‘ ist vielleicht noch ein bisschen zuviel gesagt. Ich kenne ihn ja kaum. Und ich gebe zu, er ist mir noch nicht ganz geheuer.

Ich glaube, er lebt auf der Straße. Er ist nicht ungepflegt, das nicht. Und er bettelt auch nicht. Aber von hier kommt er auch nicht.

Ich glaube, er ist ein Idealist. Einer, der von einem anderen Leben träumt. Was er sich darunter vorstellt, weiß ich noch nicht so genau. Arbeiten jedenfalls nicht. Als ich bei der Arbeit saß, kam er vorbei. Sprach mich an. Komisch eigentlich, aber wir hatten ziemlich schnell einen guten Draht. Und dann sagte er plötzlich: „Komm mit mir. Ich muss Dir etwas zeigen.“

Und ob Sie es glauben oder nicht – ich bin mitgegangen. Ich kann mir meine Arbeit ja frei einteilen. Ob mein Geschäft immer ganz legal ist? Ach Gott! Natürlich! Klar, jeder guckt auf seinen Vorteil. Man will ja schließlich überleben. Aber krumme Dinger mache ich nicht.

Hier am Ort bin ich jedenfalls gut vernetzt. Ein paar Beamte sind meine Freunde. Ein paar Unternehmer. Alles ehrenwerte Leute. Sie können sich denken, wie mein neuer Freund zu denen passt. Als wir uns gestern verabschiedeten, habe ich gesagt: Du kannst gerne mal zum Essen vorbeikommen. Ich dachte, einen warmen Bissen kann er ganz gut vertragen.

Aber wer hätte gedacht, dass er gleich am ersten Abend kommt? Ausgerechnet, als ich meine Freunde zu einer gemütlichen Runde eingeladen hatte. Plötzlich stand er vor der Tür. „Du hast mich zum Essen eingeladen. Da wollte ich Dich nicht warten lassen.“ Sie können sich vorstellen, wie die anderen geguckt haben. Mit ihren roten Gesichtern und runden Bäuchen. Mit ihren feinen Stoffen und ihrer selbstzufriedenen Gesetztheit.

„Was ist denn das für ein Hippie?“, fragten ihre Blicke. Er ließ sich jedoch nichts anmerken. Er begrüßte die Freunde genau so entspannt wie am Nachmittag mich. „Ich hoffe, ich störe nicht.“ Abwehrendes Gemurmel. „Matthäus hat mich heute zum Essen eingeladen. Und anscheinend komme ich noch rechtzeitig.“ Einzelne Lacher.

Wenig später war das Eis gebrochen. Die Freunde waren neugierig geworden. Nur als Peter ihn gönnerhaft nach seinen Geschäften fragte, kippte die Stimmung. „Ich gehe zu den Menschen, die ihr Leben vertun,“sagte er. Eisiges Schweigen. Ich konnte förmlich ihre Gedanken lesen: „Ach, Freundchen, so schätzt Du uns also ein. Hätten wir uns denken können.“

Peter fragte leicht gereizt: „Und was machen Sie dann mit denen? Lesen Sie ihnen aus der Bibel vor?“ Gelächter. Aber er blieb ruhig: „Ich komme mit ihnen ins Gespräch. Höre mir ihre Geschichten an. Versuche, sie von innen her zu verstehen. Und irgendwann sage ich zu ihnen: ,Komm mit mir. Ich muss Dir etwas zeigen!‘“

Sie können sich vorstellen, wie mir die Röte ins Gesicht schoss. Das Gleiche hatte er am Nachmittag zu mir gesagt. Aber er hatte ja recht. Er hatte mir meine eigene Sehnsucht gezeigt. Eine Ahnung, dass das Leben auch ganz anders sein könnte. Nicht immer nur Geschäfte und Kontakte und Frauen und abends ordentlich Wein, um sich zu entspannen. Was dann aus mir geworden ist, können Sie übrigens in meinem Buch nachlesen: dem Evangelium nach Matthäus.

 

Audiobeitrag Der fremde Freund


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