Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

06.03.13; Pastorin Beate Raguse

Schlaf

„Das Leben der Mönche im Mittelalter stützte sich auf sieben Säulen“, erklärt die Leiterin der Meditationsgruppe. „Welches ist wohl die wichtigste?“

Die wichtigste Säule, behauptet sie schließlich mit einer kleinen Pause, die die Spannung noch erhöht; „war - der Schlaf.“

Ob das so stimmt, interessiert niemanden. Die Botschaft trifft auf offene Ohren. Klingt plausibel, sie deckt sich mit der eigenen Erfahrung. Viele der Teilnehmer sind hier, weil sie im Alltag keine Ruhe mehr finden, nicht abschalten können.

Sie kennen die Mühle von Grübeln, Nicht-einschlafen-können, planen, auf die Uhr sehen, schließlich völlig übermüdet zu sein und doch nicht schlafen zu können. Und was den Druck noch größer macht: Sie wissen, wie nötig Schlaf ist. Nicht zuletzt aus den Medien. Dort werden Studien angeführt, die oft nur belegen, was offensichtlich ist: Das Schlafbedürfnis ist individuell und ändert sich im Laufe des Lebens. Zuviel Schlaf macht träge, zuwenig reizbar und krank. Selbst die Sache mit dem Vokalheft unterm Kopfkissen ist seit kurzem empirisch belegt. Ganz ohne lernen geht’s zwar nicht. Aber Schlafen hilft, einmal Gelerntes zu festigen. Klavier spielen, tanzen oder Basketball spielen, also alles was mit Bewegung zu tun hat, festigt sich erst richtig in der Traumphase. Reines Wissen -wie Vokabeln oder chemische Formeln- wird in der Tiefschlafphase im Gehirn gespeichert.

Keine Frage, Pennen, Matratzen horchen, ratzen, sich zur Ruhe legen, hat einen hohen Stellenwert. Schlafen können ist eine Fähigkeit. Nicht umsonst kursieren die Anekdoten von Kindern, die im größten Trubel mitten in der Familienfeier auf dem Teppich eingeschlafen sind oder von der 17 jährigen Nichte, die die 40 Dezibel des Einbruchalarms einfach verschlafen hat.

Erzählungen von tiefschlafenden Menschen gibt es auch in der Bibel. Hier wird gleich zweimal von Leuten berichtet, die auf hoher See den schlimmsten Sturm verschlafen.

Der erste ist Jona. Jona war Prophet. Von Gott beauftragt der Stadt Ninive wegen ihres egoistischen Lebenswandels den Untergang zu predigen. Doch Jona will nicht. Er flieht auf das Boot und in einen tiefen Schlaf, aus dem er von den Mitreisenden rüde geweckt wird, als das Schiff zu sinken droht.

Im Neuen Testament wird ähnliches erzählt, aber der Hintergrund ist ein anderer. Diesmal ist es Jesus der auf dem Boot einschläft, während seine Jünger den See überqueren. Ein Sturm kommt auf, die Mitreisenden wecken Jesus, weil sie meinen, sie müssten untergehen. Jesus beruhigt den Sturm.

Nach einem langen Tag hat Jesus offensichtlich nicht wach im Bug des Schiffes gelegen, weil er nicht einschlafen konnte. Weil ihn die Frage quälte: wie war ich? Habe ich alles richtig gemacht? Wie war meine Predigt heute? Und wahrscheinlich war seine größte Sorge auch nicht; was mache ich morgen. Jesus hat sich hingelegt und ist in den Schlaf gefallen. Er hat losgelassen was war, und ist weggesackt. Er hat sich hingelegt, im Vertrauen auf seine Jüngerinnen und Jünger. Die Geschichte von der Sturmstillung erzählt nur auf den ersten Blick vom Schlaf, auf den zweiten erzählt sie von einem, der Vertrauen hatte, in sich, in seine Jünger und auf Gott.

 

Audiobeitrag Schlaf


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