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Unperfekt
Ich bin zu einer Party eingeladen - ins Unperfekthaus. Ich stutze. Unperfekthaus? Das könnte auch bei mir sein.
Das Haus, in dem ich wohne, wurde kurz nach dem Krieg aus den Trümmern wieder aufgebaut. Die Stufen am Eingang sind unterschiedlich hoch, über der Treppe ist die Decke zu niedrig. Mich störts nicht. Im Gegenteil. In meiner Wohnung passt auch nicht alles zusammen. Mehr und mehr gefällt mir der Gedanke in ein Unperfekthaus eingeladen zu sein. Ich frage mich, wie es wohl aussieht.
Das Haus entpuppt sich als verwinkeltes Gebäude mit mehreren Etagen. Schon der Weg nach oben wird zum Vergnügen. Es gibt kein Treppenhaus, die Treppe ist auf jeder Etage an einer anderen Stelle. Die Flure sind verwinkelt. Die Zimmer unterschiedlich geschnitten.. Ich platze in das Treffen von Umweltaktivisten, frage nach dem Weg und erfahre von einem geplanten flash-mob. Die Aussentreppe ermöglicht den Blick über die erleuchtete Stadt. Wieder drinnen sehe ich mir Skulpturen an, die gerade in einer Werkstatt entstehen, treffe auf ein knutschendes Pärchen, das sich nicht stören lässt.
In der 2. Etage riecht es intensiv nach.. ja, wonach eigentlich. Auf jeden Fall nach irgendwas aus der Natur. Ich folge dem Geruch, der Flur ist völlig zugestellt mit Tüten. Am Tisch sitzen ein paar Leute. Einige kleben ganz verschiedene Materialien wie Kork, Heu, kleine Bürsten, Hölzer, Samt, Steine auf einen festen Untergrund. Zwei Frauen füllen Kräuter in Gläser. Zwei andere bemalen eine Scheibe mit geometrischen Figuren. Wir kommen ins Gespräch. Die Gruppe bereitet ein Straßenfest vor. Für die Kinder soll es einen Erfahrungsfeld der Sinne geben. Die einzelnen Elemente habe ich schon mal gesehen. In Grevenbroich gab es mal an der Erft für Wanderer einen Weg aus vielen Untergründen, über den man barfuss laufen konnte. Duftstationen gibt es in Senioreneinrichtungen und auf dem Naturschutzhof, Felder zum Ertasten in Einrichtungen für behinderte Menschen.
Was ich nicht wußte und hier erfahre. Der Erfinder all dieser Elemente kommt ganz aus der Nähe, aus Soest. Hugo Kükelhaus hieß er war Tischler und Philosoph. Kükelhaus meinte, dass der Mensch Reize braucht, sinnlich und soziale. Und das er dadurch Kraft und Energie bekommt erklärt mir jemand. Beim Surfen im Netz erfahre ich später;
Hugo Kükelhaus setzte sich Zeit seines Lebens kritisch mit der Lebenswelt des modernen Menschen auseinander . Er meinte, dass die Zivilisation die körperlichen und seelischen Kräfte des Menschen verarmen lässt. Eine Überbewertung des Intellektuellen und der Technik, eine eintöniger werdende Umwelt führe dazu, dass die Sinne verkümmern und es immer weniger Gelegenheiten gäbe, Erfahrungen zu machen und sich zu entfalten.
Dieser Entwicklung entgegenzuwirken, war seine Lebensaufgabe. Er baute Kinderspielzeug, beschäftigte sich mit Architektur, entwarf Möbel, gestaltete farbige Glasfenster. ..
Kein Wunder, denke ich, dass die Gruppe sich ausgerechnet das Unperfekthaus ausgesucht hat, um ihr Fest vorzubereiten.
Was perfekt ist, ist fertig, ist vollkommen, ist Vergangenheit. Das Unperfekte lädt ein, sich auseinander zu setzen, zu entfalten, zu leben. Seine Möglichkeiten zu nutzen, seine Sinne zu gebrauchen, sich zu entwickeln.
Unperfekt
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