Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

WDR Fernsehen, Sonntag, 3. März 2013, 10.00 – 11.00 Uhr

Ev. Gottesdienst zur Einführung von Präses Manfred Rekowski

Liveübertragung aus der Johanneskirche in Düsseldorf

Predigt von Präses Manfred Rekowski

Liebe Gemeinde in der Johanneskirche in Düsseldorf,
liebe Zuschauerinnen und Zuschauer an den Fernsehgeräten,

ich tauche immer wieder gern in biblische Geschichten ein. Denn Gottes Geschichten mit den Menschen sind zwar uralt, aber doch immer auch sehr gegenwärtig. Beim Hören und Nachdenken machen wir uns einerseits auf eine Zeitreise. Aber andererseits kommen wir fast immer bei Situationen und Fragen an, die uns heute bewegen. In dieser Predigt geht es um eine biblische Szene aus dem Markus-Evangelium, in der das letzte Kapitel des Lebens Jesu vor rund 2000 Jahren erzählt wird. Schauen wir, ob wir am Ende bei den neu gewählten Kirchenleitungsmitgliedern, bei den Aufgaben und Fragen von heute ankommen.

„Hier stehe ich. Kann ich auch anders?“ - das mag dem Mann durch den Kopf gehen, der nichts anderes tut als seinen Beruf auszuüben. Die Mächtigen führen Regie. Er ist ausführendes Organ und tut seine Pflicht.Als römischer Hauptmann arbeitet er.

Sein Tatort heute: Golgatha, die Schädelstätte vor den Toren Jerusalems, der Ort der Hinrichtung von Verbrechern und Staatsfeinden. Am Kreuz hängt der Mann aus Nazareth.
• Einer, der es gut mit den Menschen meint.
• Einer, der Gott mehr vertraut als den eingespielten Ordnungen.
• Einer, der immer wieder die Kreise der Mächtigen stört.

„Hier stehe ich. Kann ich auch anders?“ das mag auch den Frauen durch den Kopf gehen, die Jesus fast bis unter das Kreuz nachgefolgt sind. Sie stehen Jesus - mutig und ängstlich zugleich - nahe – und gehen doch in sicherem Abstand ein wenig auf Distanz. Die Jünger haben übrigens schon längst das Weite gesucht, sind auf der sicheren Seite.
Sie alle hatten auf Jesus gesetzt – auf ihn haben sie gehofft. Nun ist sein Ende gekommen, sein Tod am Kreuz.

Der Hauptmann aber, der dabeistand, ihm gegenüber, und sah, dass er so verschied, sprach: Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen! (Markus 15,39)

Der Hauptmann sorgt am Ort der Hinrichtung dafür, dass alles seine Ordnung hat. Er hat die Fäden in der Hand und wird sie am Ende doch aus der Hand geben. Er ist die starke Hand des Gesetzes, die bei Bedarf zupackt. Nun wird er selbst ergriffen, innerlich gepackt. Der Hauptmann sieht den gewaltfreien Jesus, den ohnmächtigen Hoffnungsträger, den Gekreuzigten sterben. Und das, was er sieht, erscheint ihm doch in einem anderen Licht: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“
Ist das ein Glaubensbekenntnis? „Dieser … Gottes Sohn...!“ Oder doch eher nur ein Nachruf, ein Text für eine Grabinschrift: „Dieser …. ist gewesen.“

Der Hauptmann sieht einen Sterbenden. Er sieht das Ende. Aber offenkundig sieht er – so wie es beim Glauben immer ist – manches plötzlich in einem anderen Licht. Er sieht Jesus, den Gekreuzigten, einen auf den ersten Blick grandios gescheiterten Menschen. „Himmel und Erde sollen sich berühren“, so hat Jesus erzählt. „Gott und Mensch sollen sich begegnen.“ Doch am Ende trifft die Gewalt der Mächtigen den Heilsbringer - bringt ihn erst zum Verstummen und bringt ihn dann um. Der Hauptmann erkennt in diesem Menschen Gott. Nicht auf den ersten Blick. Erst auf den zweiten: unter dem Kreuz.

In der biblischen Überlieferung des Markus-Evangeliums wird über das Leben Jesu in vielen Facetten berichtet:
• Jesus von Nazareth begegnet den Menschen ohne Berührungsängste.
• Er nagelt Menschen nicht auf ihre Vergangenheit oder ihre Schuldgeschichte fest.
• Er kennt den Mangel der Armen und die Gefahren des Reichtums.
• Und immer wieder wirkt er auch Wunder.

Er macht Eindruck. Die Menschen sind begeistert. Was aber begreifen die Menschen, die ihm begegnen? Der Wundertäter ist unser Hoffnungsträger?

Erst am Kreuz wird erkennbar, wer Jesus wirklich ist. „Der Leidende, der Sterbende, der Ohnmächtige zeigt uns: So ist Gott. Hier ist Gott.“ Erst, wer den Leidenden und Sterbenden sieht, begreift, wer Jesus ist. „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

Zwischenmusik: Wie soll ich dich empfangen nach Melodie von O Haupt voll Blut und Wunden … (Chor) 1:10

Das brutale Ende einer Hoffnungsgeschichte: Jesus hängt tot am Kreuz. Aber das Ende ist ein neuer Anfang. Das erste Glaubensbekenntnis spricht ein römischer Hauptmann.
Kein gläubiger Jude und auch kein Christ, ein „Prediger ohne Lizenz“, ein Dolmetscher des Glaubens ohne Vorwissen sagt: „Wahrlich, dieser Mensch ist Gottes Sohn gewesen!“

Offenkundig gab es in den Anfängen des christlichen Glaubens mehr Ungeordnetes, mehr Anarchie als späteren Kirchenleitungen lieb sein kann. Aber ist nicht genau das chancenreich? Hinzuhören, wie Menschen heute im Alltag, in Kunst und Musik, in den unterschiedlichen Jugendkulturen oft in nicht-religiöser Sprache Glaubensbekenntnisse formulieren? Jesus selbst soll (wenig wählerisch) gesagt haben: „Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.“ (Mk 9,40)

Am Beginn der langen Geschichte des christlichen Glaubens steht ein Hauptmann, der offen für eine Begegnung der besonderen Art war. Der Hauptmann stand am Kreuz dabei, aber er stand Jesus nicht nahe. Er öffnet uns die Augen, nachdem ihm die Augen geöffnet werden. Glaube ist nicht die Entscheidung für ein religiöses Angebot unter vielen. Glaube ist ein Geschenk. Denn mir geht ein Licht auf. Ich werde angesprochen - manchmal auch an höchst ungewöhnlichen Orten.

Am Anfang unserer Glaubensgeschichte, die erst später zur Kirchengeschichte wurde, steht der Gekreuzigte. Wer auf den Gekreuzigten sieht, sieht auch die Menschen in einem anderen Licht: Blickt immer zuerst auf die Opfer, die Verlierer, die Abgehängten. Da ist Gott zu finden – an ihrer Seite. Und blickt erst dann auf uns, die Kirche, die Gemeinden. Wer auf den Gekreuzigten sieht, sieht auch die Menschen in einem anderen Licht. Am Anfang – unter dem Kreuz – steht ein ziemlich verlorenes Häuflein. Keine gesellschaftlich relevante Gruppe. Keine schlagkräftige Organisation. Am Anfang steht der Gekreuzigte, der etwas auslöst.

Zuerst bei dem Hauptmann, dann bei anderen. Dieser Auslöser lehrt uns, loszulassen. Auch die Sorge um die Zukunft der Kirche. Von ihm lernen wir: Am Anfang steht nicht die gut aufgestellte Organisation. Am Anfang steht auch nicht die Sorge um die Institution.

Der Hauptmann und die Frauen in der Nähe des Kreuzes. Wie setzen sich ihre Geschichten fort? Der Hauptmann tut weiter seine Pflicht. Von seinem Vorgesetzten, Pilatus, gerufen meldet er Vollzug: (Mk15,44f) Der gekreuzigte Jesus von Nazareth ist tot.

Der Evangelist Markus, berichtet nicht weiter über den Hauptmann. Wir erfahren nicht, ob die Erkenntnis „Dieser ist Gottes Sohn gewesen“ Spuren in seinem Leben hinterlässt. Hat er das versprengte Häuflein von Jeus-Anhängerinnen unterm Kreuz überhaupt wahrgenommen? Kontakt zu ihnen hat er nicht aufgenommen. Doch ich bin ganz sicher: Diese eine Frage wird er nicht los: „Hier stehe ich. Kann ich auch anders?“ Und Gott los wird er auch nicht. Denn Gott ist mit dem Hauptmann nicht zu Ende.
Er ist nie fertig mit einem Menschen.

Und die Frauen? Sie erleben wenig später ein Wunder: Das Leben ist stärker als der Tod. Der Gekreuzigte ist nicht im Tod geblieben. Das löst heilsame Verunsicherung aus.
„Sie sagten niemanden etwas; denn sie fürchteten sich sehr.“ (Markus 16,7)

Und trotzdem beginnt hier eine Fortsetzungsgeschichte des Glaubens, die irgendwann auch Sie und mich erreicht und uns umkehrbereit macht: „Hier stehe ich. Ich kann auch anders.“  Ich stehe mit Schwestern und Brüdern dieser rheinischen Kirche, aber auch mit den Geschwistern anderer Traditionen und Konfessionen unter dem Kreuz.
Unterschiedliche Perspektiven – aber kein starrer Standpunkt. Gemeinsam schauen wir auf den, der will, dass „alle eins seien“ (Johannes 17,21).

So verrückt und bewegt uns der Glaube – ökumenisch und reformatorisch zugleich. Amen.

Gemeindegesang: Lasst und den Weg der Gerechtigkeit gehn...

 


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