Der evangelische Rundfunkbeauftragte beim WDR

03.03.13; Pfarrerin Christel Weber

Schwierige Texte für schwierige Zeiten

Autorin: „Ne, jetzt gucken Sie sich das mal an, was hier steht, in der Bibel: ‚Kommt und schaut die Werke des Herrn, der auf Erden solch ein Zerstören anrichtet,

der die Kriege steuert in aller Welt…’ 

Und dann diese Geschichte… - es ist unglaublich, was alles in der Bibel steht: ‚Und Gott sprach zu Abraham: „Nimm Isaak, deinen einzigen Sohn, den du lieb hast und …opfere ihn… zum Brandopfer…’ Und Abraham geht auch noch los! Ne, Frau Weber, es ist, glaub ich, Zeit, dass mal jemand die Bibel säubert von solchen schrecklichen Sachen. Das ist jedenfalls nicht der Gott, der alle Menschen liebt, an den ich glaube.“

Guten Morgen, lieber Hörer, liebe Hörerin. Mein Name ist Christel Weber und ich bin Gemeindepfarrerin in Borchen, in der Nähe von Paderborn. Es war nicht das erste Mal, dass mir jemand die Bibel quasi um die Ohren haut und auf die schwierigen Texte der Bibel zeigt wie auf ein hässliches Geschwür. Was soll ich dazu sagen? Schon gleich vorweg: Vom „Säubern“ der Bibel halte ich nichts. Das erinnert an dunkle Zeiten. ’ In der Nazi-Zeit wollten die so genannten „Deutschen Christen“ die Bibel von allen ‚jüdischen Trübungen der reinen Jesuslehre’* befreien – wie es hieß. Eine Ideologie, die den Judenhass geschürt hat. Dass Jesus Jude war, davon wollte man nichts wissen. Das macht mich skeptisch gegenüber jedem Versuch, sich die Bibel zurechtzustutzen. Nach dem Motto: Hauptsache sie passt zu dem, was wir gerade glauben.
Aber „einfach“ finde auch ich die Texte nicht, über die sich der Mann ereifert. Sie erinnern mich an die zähen Fleischstücke, die wir bei unseren Freunden in Tansania oft serviert bekommen. Auf denen müssen wir lange herumkauen, bis wir sie herunterschlucken können. Und manche sind so zäh, dass ich sie wieder auf den Teller zurücklege. In Gedanken packe ich ein paar der zähen Text-Brocken ein, als ich zu einem Seminar in die USA aufbreche. Hier geht es um „Good news from difficult texts“ / „Gute Nachrichten aus schwierigen Texten“. Wir werden mit Kolleginnen und Kollegen aus christlichen Kirchen aller Welt darüber brüten, und ich bin schon gespannt, was dabei herauskommt.

Musik: Chicago (Fisher) (2:11) von Frank Sinatra, Track 1 von The Very Best of Frank Sinatra: Chicago (Greatest Hits, Vol. 1), Label: Puzzle Productions. LLC.

Autorin: In Chicago angekommen, sollen wir uns erst einmal kennen lernen. Wir bekommen die Aufgabe, uns in Kleingruppen von unserem Leben und Arbeiten zu Hause zu erzählen, also überwiegend zuzuhören. Die schwierigen Texte sollen später kommen.Wir tauchen ein in die Welt hinter unseren schwierigen Texten:

- Da ist Catherine. Sie ist afroamerikanische Pastorin im Süden der USA. Sie hat eine Gemeinde übernommen, die ursprünglich nur aus Schwarzen bestand; jetzt sind Weiße in die Gegend gezogen. Die bringen andere Bedürfnisse mit und dominieren schon in kurzer Zeit die Gemeinde. Catherine ist mutig; sie will die Konflikte auf den Tisch bringen.

- Heather ist Pastorin in einem Villenviertel bei Baltimore. Sie ist weiß wie ihre Gemeindemitglieder auch. Die arbeiten viel und können sich viel leisten, aber hinter den Türen der schönen Häuser brodelt es oft.

- Ljupko kommt aus Bosnien, aus einem „schmerzenden, blutenden Kontext“, wie er sagt. Er ist neu in seiner Gemeinde. Nur noch fünf Leute kommen zum Gottesdienst. Etliche Gemeindeglieder sind ausgewandert. Andere halten sich bewusst fern. Misstrauen und Vorurteile prägen das Klima in der Gemeinde. Es sind die langen Schatten des Bürgerkrieges der 90er Jahre.

- Und dann ist da Garrett. Er kommt aus Albany, Georgia, der viertärmsten Stadt in den USA, über die Martin Luther King einmal gesagt hat: „Da werde ich sicher nicht hin zurückgehen!“ Um die 10% der Einwohner seines Bezirks befinden sich immer im Gefängnis. Garrett sieht verzweifelt aus, als er davon berichtet.

- Und ich sitze dabei, weiß, weiblich, aus der bürgerlichen Mittelklasse in Deutschland. Komischerweise habe ich die längste Liste an ‚schwierigen Texten’ dabei.

Wir erzählen uns einen ganzen Tag lang, woher wir kommen und wie wir leben. Und ich bin sehr berührt: So schwierige Geschichten und so tapfere Leute.

Musik: Telling Stories (2:39) von Theresa Tova, Track 12 von CD Telling Stories, Label: Theresa Tova, 2000, LC: TE001.

Autorin: Am nächsten Morgen müssen wir alle unsere ‚schwierigen Texte’ mitbringen und versuchen, ihnen eine gute Nachricht zu entlocken. Jeder soll zuerst ein paar Sätze über sich selbst erzählen - nun vor der ganzen Klasse. Catherine geht mutig voran und sagt:

Sprecherin: „Ich sollte mich vielleicht freuen, dass wir als Weiße und Schwarze in einer Gemeinde zusammen sind. Das tue ich auch. Aber unsere Gemeinde war vorher ein Zuhause für die schwarzen Familien; hier konnten sie Gottesdienst feiern, mit Lachen, Weinen, Tanzen, mit lautem „Amen“ und „Hallelujah“, hier haben sie sich Mut zugesprochen und Selbstbewusstsein entwickelt. Und jetzt sind sie die Putzfrau der Weißen, die eine Reihe vor ihnen sitzen, oder der Gärtner oder der Fahrer und sollen sich in die „Stille versenken“. Das hat sie stumm gemacht. Sie trauen sich nicht, für ihre Art von Gottesdienst zu kämpfen, für ihre Gemeinde. Darüber müssen wir endlich reden.“

Autorin: Und dann bringt Catherine ihren schwierigen Bibel-Text ein:

Sprecherin: Jesus sagt: „Ich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert. Ich bringe Streit zwischen einem Sohn und seinem Vater, einer Tochter und ihrer Mutter, einer Schwiegertochter und ihrer Schwiegermutter. Die engsten Verwandten eines Menschen werden dann zu seinen Feinden. Wer Vater oder Mutter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Und wer Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, ist es nicht wert, zu mir zu gehören. Und wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und mir auf meinem Weg folgt, ist es nicht wert, zu mir zu gehören.“ (Matthäus 10,34-38)

Autorin: Catherine sagt, mit diesem Text will sie in ihre nächste Gemeindeversammlung gehen. Es wird Konflikte geben. Aber die sind notwendig. „Es geht um die große Familie Gottes“, sagt sie. Ich bin sicher, Catherine wird etwas bewegen.

Musik: Star (6:27) von Wolfgang Haffner (Int, Comp, Arrang) / Hubert Nuss (Int.) / Lars Danielsson (Int.), Track 4 von CD Acoustic Shapes, Label: The Act Company, 2008, LC: 07644.

Autorin: Heather aus dem Villenviertel in Baltimore kommt mit der Geschichte, auf die mich auch der Mann zu Hause angesprochen hatte: Abraham wird von Gott aufgefordert, seinen einzigen Sohn Isaak zu opfern. Heather erzählt:

Sprecherin: Ich sehe die Leute in meiner Gemeinde hier in Baltimore den ganzen Tag nicht. Sie brausen morgens mit dicken Autos davon und kommen abends spät wieder. Ihre Kinder werden von wechselnden Kindermädchen groß gezogen. Die Familien ziehen oft um. Sie haben materiell alles, aber ihnen fehlen die sozialen Bindungen. Ich frage mich oft, ob die Eltern ihre Kinder überhaupt richtig kennen. Wenn ich als Kind die Geschichte von Abraham gehört habe, der seinen Sohn Isaak opfern soll, habe ich immer gedacht: Das kann doch keiner tun, sein eigenes Kind opfern!! Heute weiß ich, es sind viele in meiner Gemeinde bereit, das Gleiche zu tun. Sie opfern für ihre Arbeit, ihre Karriere, ihr Geld alles: ihre Ehen, ihre Freunde und auch ihre Kinder.Ich glaube, mit der Geschichte führt Gott uns vor Augen, was wir selber tun. Wir sollen es sehen wie in einem Film, und uns empören, und dann merken: Wir sind es ja selbst! Wir sind Abraham. Wir sind bereit unsere Kinder zu opfern.
Und Gott lässt uns verdammt lange gewähren, sage ich euch, aber am Ende greift er – wie bei Abraham - ein und sagt: Damit muss jetzt Schluss sein. Kinder sollen nicht geopfert werden. Für nichts und niemanden.

Autorin: An dieser Geschichte hatte ich selbst lange gekaut. Ich hatte sie so verstanden: Gott führt Abraham in Versuchung, um zu sehen, ob Abraham ihm gehorcht. Heather macht mir eine andere Lesart möglich: Gott stellt uns auf die Probe, ob wir wirklich unsere Kinder opfern wollen.

Musik: Some Other Time (4:29) von Wolfgang Haffner (Int, Comp, Arrang) / Hubert Nuss (Int.) / Lars Danielsson (Int.), Track 6 von CD Acoustic Shapes, Label: The Act Company, 2008, LC: 07644.

Autorin: Als Ljupko aus Bosnien seine Geschichte einbringt, muss ich zunächst schmunzeln. Die Geschichte vom verlorenen Sohn will er erzählen. Was ist denn daran schwierig? Aber Ljupko ist es ganz ernst.

Sprecher: Ja, für euch ist das einfach eine schöne Geschichte: „Der Vater nimmt seinen verlorenen Sohn wieder auf und vergibt ihm – mit einem großen Fest.“ Aber bei uns in Bosnien klingt sie anders. Weiß ich, wer der Mensch wirklich ist, der früher immer neben mir auf der Kirchenbank saß? Vielleicht war es seine Familie, die unser Haus geplündert hat, als wir fliehen mussten. Vielleicht hat ja einer von ihnen meine Mutter vergewaltigt. Nicht wahr, dann wird die schöne Geschichte von der Vergebung ganz schön schwierig. In den Arm nehmen? Alles verzeihen? Sogar noch ein Fest für ihn ausrichten, weil er jetzt wieder in die Gemeinde kommt? Ich bin froh, dass es in der Geschichte noch einen zweiten Sohn gibt. Den Bruder. Der hat Verantwortung übernommen und seinem Vater geholfen. Der ist über die Vergebung sauer und will am Fest nicht teilnehmen. Das ist realistisch. Vergebung kann so schwer sein. Es dauert, bis sie überhaupt möglich ist. Und bis dahin müssen wir über vieles reden. Andererseits: Ohne Vergebung gibt es hier in Bosnien keine Hoffnung…

Musik: Some Other Time (4:29) von Wolfgang Haffner (Int, Comp, Arrang) / Hubert Nuss (Int.) / Lars Danielsson (Int.), Track 6 von CD Acoustic Shapes, Label: The Act Company, 2008, LC: 07644.

Autorin: Von Ljupko lerne ich: Es gibt Geschichten, die sind schwierig, weil Gott in ihnen unverständlich und dunkel erscheint. Und es gibt Geschichten, die auf den ersten Blick nicht schwierig sind. Sondern die erst schwierig werden, weil sie uns Schweres abverlangen. Am Schluss kommt Garrett mit seiner Geschichte.

Sprecher: Im 1. Samuelbuch heißt es: Samuel, der Prophet Gottes, kam zu König Saul und sagte: „Der Herr gab mir damals den Auftrag, dich zum König über Israel zu salben. Darum höre jetzt seinen Befehl! So spricht der Herr, der Herrscher der Welt: Ich will jetzt Amalek vergelten, was es Israel angetan hat. Sie versperrten Israel den Weg, als es aus Ägypten kam. Darum zieh jetzt ins Feld gegen die Amalekiter und vernichte sie! Töte ohne Erbarmen Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder, Schafe, Kamele und Esel. Lass nichts übrig!“

Autorin: Es ist still, als Garrett diese Verse vorliest und dann einfach weiter spricht, weil es aus ihm herausbricht:

Sprecher: Versteht ihr? Gott ist zornig. Es reicht ihm. Er hat genug gesehen. Die vielen Leute aus unserem Bezirk im Gefängnis, die Kinder ohne Perspektive, die ganze Gewalt und Armut, die kaputten Häuser, und das seit Jahrzehnten. Amalek, das ist für mich das System der Hoffnungslosigkeit. Immer wenn es bei uns einen Hoffnungsschimmer gab, hat Amalek sich in unseren Weg gestellt. Neulich wollten sie den Obdachlosen verbieten, an unserer Kirche zu schlafen. Wir hatten gerade ein bisschen Vertrauen aufgebaut. Es gab eine wilde Rangelei, und ein Kind, das vorbei kam, weil es in unsere Tagesbetreuung kommt, bekam einen Knüppel an den Kopf. Gott hat jetzt die Nase voll. Dieses System von Armut, Gewalt und Gegengewalt muss mit Stumpf und Stiel ausgerottet werden. Man kann es nicht „verändern“, es ist böse von Grund auf.

Autorin: Der zornige junge Pfarrer schaut noch eine Weile in die Klasse, als wenn er uns fragen wollte: Hat Gott nicht recht mit seinem Zorn?

Musik: Chargah von Azizsa Mustafa Zadeh, Track 10 von CD Aziza [Import], Sony, 1993, LC 00162.

Autorin: Die Tage in Chicago gehen zu Ende und ich packe meine Sachen. Ein paar zähe Brocken nehme ich wieder mit nach Hause. Ich weiß nicht, ob ich die jemals schlucken kann. Aber ich merke, schwierige Texte sind zuweilen die ehrlicheren Begleiter.Sie sprechen Konflikte an.
Sie beschönigen nichts. Sie halten keine billigen Antworten bereit. Damit kann ich in schweren Zeiten sowieso nichts anfangen. Und sie zeigen Gott als uneinheitlich und schwer durchschaubar. Wenn ich ehrlich bin, erscheint mir Gott auch manchmal so. Wenn es eben gerade richtig schwierig ist. Ich bin froh, dass mich die Bibel auch dann ernst nimmt. Es braucht Geduld beim Kauen auf den zähen Stücken. Aber so passen sie ganz gut in die Passionszeit, finde ich. Schwierige Texte – für schwierige Zeiten. Ich wünsche Ihnen einen guten Sonntag! Ihre Christel Weber von der evangelischen Kirche.

Musik: Telling Stories (2:39) von Theresa Tova, Track 12 von CD Telling Stories, Label: Theresa Tova, 2000, LC: TE001.

* Friedrich W. Bautz, Andersen, Friedrich, in: BBLK Band 1, Bautz, Hamm 1975, Sp. 162-163.


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